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Corona-Pandemie als HärtetestWarum manche Impfskeptiker doch ihre Meinung änderten

13.01.2026, 17:31 Uhr
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Während der Corona-Pandemie gab es für bestimmte Personengruppen vier Covid-Impfungen. (Foto: imago images/Steinach)

Die Covid-Pandemie beeinflusst weltweit die Einstellungen zu Impfungen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, wie sich die Impfskepsis in England wandelte und welche Parallelen es zu Deutschland gibt. Die Ansätze für künftige Impfkampagnen sind überraschend.

Die Corona-Pandemie hat in vielen Ländern die Einstellung mancher Menschen zu Impfungen verändert. Eine Studie zeigt nun im Detail, wie sich die Impfskepsis in England im Verlauf der Pandemie wandelte: Bei jenen Menschen, die sich wegen des Nutzens der Vakzine und etwaiger Nebenwirkungen sorgten, ließ die Skepsis mit der Zeit nach - sie ließen sich später überwiegend impfen. Dagegen blieben Personen, die Impfungen grundsätzlich ablehnten oder aber Covid-19 für ungefährlich hielten, tendenziell bei ihrem Misstrauen.

Die Studie habe viele Parallelen zur Situation in Deutschland und biete wichtige Hinweise zum Umgang mit Impfskepsis, betont Sarah Eitze von der Universität Erfurt, die nicht an der Arbeit beteiligt war. Sie zeige, "wie unterschiedliche Formen von Skepsis, Risikoabwägung und Vertrauen mit realem Impfverhalten zusammenhängen".

Vielfältige Gründe für Impfzurückhaltung

In der Studie befragte das Team um Marc Chadeau-Hyam vom Imperial College London Erwachsene über ihre Einstellung zum Impfen: von Anfang 2021 - also zu Beginn der Covid-Impfkampagne - bis zum Frühjahr 2022. Damals hatte sich bereits die weniger gefährliche Omikron-Variante des Erregers Sars-CoV-2 etabliert. Wie das Team im Fachjournal "The Lancet" berichtet, lag die Impfzurückhaltung bei den Teilnehmenden Anfang 2021 mit knapp 8 Prozent am höchsten (rund 12.000 von 151.600 Befragten). Bis Anfang 2022 sank sie auf 1,1 Prozent (rund 940 von 85.560 Befragten) und stieg dann bis Februar/März 2022 auf 2,3 Prozent (rund 2000 von 88.800 Befragten).

Die genannten Gründe für die Skepsis waren vielfältig: Sie reichten von Zweifeln an der Wirksamkeit des Impfstoffs über Sorgen vor etwaigen Nebenwirkungen - insbesondere bei Frauen in Bezug auf die Fruchtbarkeit - bis hin zur grundsätzlichen Ablehnung von Impfungen. Vor allem bei Männern gab es zudem das Gefühl, Covid sei keine Bedrohung für sie.

Von jenen gut 24.000 Befragten, die skeptisch waren und dem Abgleich mit offiziellen Impfdaten zustimmten, ließen sich bis Mai 2024 fast zwei Drittel (65 Prozent) mindestens einmal impfen. Dies betraf der Studie zufolge vor allem jene Menschen, die anfangs Vorbehalte zu möglichen Nebenwirkungen und zum Nutzen der Impfung hatten.

Impfgegner in Studie unterrepräsentiert?

Diese Gruppe, so schreiben die Autoren, sei durchaus zugänglich für Argumente und sachliche Informationen. Jene Teilnehmer jedoch, die entweder Impfungen grundsätzlich ablehnten oder aber in Covid keine Bedrohung sahen, behielten ihre Impfskepsis eher bei.

"Die meiste Zurückhaltung konzentrierte sich auf die erste Phase der Impfkampagne, als Informationen spärlich war", schreibt das Team. "Entscheidend ist, dass diese Zurückhaltung nicht dauerhaft war."

Die Erfurter Forscherin Eitze geht davon aus, dass Impfgegner in der Studie untererfasst sind: "Teilnehmen konnten nur Menschen, die sich zunächst freiwillig auf eine Befragung eingelassen haben und später zusätzlich zustimmten, dass ihre Gesundheitsdaten verknüpft werden dürfen. Gerade Personen, die Institutionen, Wissenschaft oder staatlichen Stellen stark misstrauen - ein Kernmotiv vieler Impfgegner -, dürften in solchen Datensätzen eher unterrepräsentiert sein."

"Wissenschaft sollte verständlich erklären, was man weiß"

Die Studie unterschätze zwar womöglich die radikal impfkritischen Milieus, mache aber deutlich, dass nicht jede Form von Impfskepsis gleich funktioniert. "In der Studie zeigt sich klar: Die Wahrscheinlichkeit, dass impfzögerliche Menschen ihre Entscheidung revidierten, war höher, wenn sie zu Beginn angegeben hatten, noch mehr und verlässlichere Informationen zu benötigen."

Daraus leitet die Gesundheitspsychologin für die öffentliche Kommunikation ab: "Besonders wirksam ist nicht moralischer Druck, sondern eine transparente, kontinuierliche und evidenzbasierte Informationsvermittlung. Wissenschaft sollte verständlich erklären, was man weiß - und auch, was man noch nicht weiß."

Eitze zieht Parallelen zu Deutschland: "Zu Beginn der Impfkampagne, Anfang 2021, konnten sich in Deutschland nur etwa 50 bis 60 Prozent der Befragten vorstellen, sich impfen zu lassen. Das war eine Phase großer Unsicherheit - über Nebenwirkungen, Wirksamkeit und die neue Technologie." Dies habe sich bis 2022/2023 spürbar verbessert.

Impfstatus als Teil der politischen und sozialen Identität

"Viele anfängliche Vorbehalte wurden durch reale Erfahrungen relativiert: Die Impfstoffe erwiesen sich als wirksam, schwere Nebenwirkungen blieben selten, und Covid-19-bedingte Krankenhausaufenthalte sowie Todesfälle gingen deutlich zurück." Im November 2022 habe die Zahl der konsequenten Impfverweigerer bei etwa 8 bis 9 Prozent gelegen.

Gleichzeitig zeigten Daten aus Deutschland aber auch, dass sich die Fronten im Laufe der Pandemie verhärteten, so Eitze. Für manche Menschen sei der Impfstatus "Teil der politischen und sozialen Identität" geworden - "verbunden mit Erfahrungen von Ausgrenzung oder Stigmatisierung". "Die neue Studie macht deutlich: Impfentscheidungen sind nicht nur medizinische, sondern auch soziale Entscheidungen, und diese Dynamik wirkt über die Pandemie hinaus nach, indem sie unsere Erinnerungen prägen."

Es gebe Hinweise darauf, dass die Pandemie die Einstellung auch zu anderen Impfungen verändert habe. Impfkommunikation solle grundsätzlich frühzeitig entwickelt werden und gemeinsam mit jenen Bevölkerungsgruppen, in denen das Vertrauen gering ist, hebt Eitze hervor. "Idealerweise geschieht das nicht erst in einer akuten Krisensituation, sondern in ruhigeren Zeiten, wenn gesellschaftliche Fronten weniger verhärtet sind."

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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