Wissen

Heftige Symptome trotz Impfung? Warum sich milde Covid-Verläufe nicht immer mild anfühlen

109700167.jpg

Fieber, Durchfall und Husten bleiben weiterhin erwartbare Symptome nach einer Corona-Infektion.

(Foto: picture alliance / imageBROKER)

Manche Menschen bekommen ihre Corona-Infektion gar nicht mehr mit. Andere entwickeln hingegen heftige Symptome trotz Impfung und ungefährlicherer Omikron-Variante. Fieber, Durchfall und Husten fühlen sich dabei meist alles andere als mild an. Warum das so ist, ab wann die Medizin von einem schweren Krankheitsverlauf spricht und wie es mit dem Virus weitergeht, erklärt Infektiologe Christoph D. Spinner vom Klinikum rechts der Isar im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Viele Menschen entwickeln starke Symptome nach einer Corona-Infektion, obwohl sie dreifach geimpft sind. Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach schrieb zuletzt nach seinem positiven Test auf Twitter: "Trotz vier Impfungen und Paxlovid hatte ich stärkere Symptome als erwartet." Warum ist das so?

Christoph Spinner: In der Öffentlichkeit ist inzwischen der Eindruck entstanden, Covid sei nur noch eine Sommergrippe. Das ist im Allgemeinen auch nicht ganz verkehrt. Aber: Wenn wir Mediziner von nicht schweren Krankheitsverläufen sprechen, meinen wir definitionsgemäß, dass die betroffenen Patientinnen und Patienten nicht ins Krankenhaus müssen. Das bedeutet aber nicht, dass alle milden Infektionen wenig oder gar asymptomatisch sind.

C_Spinner_neu.jpg

Privatdozent Dr. Christoph D. Spinner ist Pandemiebeauftragter und verantwortet als Oberarzt den Bereich der Infektiologie einschließlich der Covid-19-Versorgung am Universitätsklinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

(Foto: Christoph D. Spinner)

Fieber, Schüttelfrost, starke Kopfschmerzen und Erschöpfung sind also auch bei einem milden Covid-Verlauf und trotz Impfung nicht außergewöhnlich?

Das sind erwartbare Erkältungssymptome. Eine vollständige Impfung, vor allem wenn sie weiter zurückliegt, schützt nicht automatisch vor einer Infektion und vor den damit einhergehenden Symptomen. Es spielen viele unterschiedliche Faktoren eine Rolle, die wir nicht kontrollieren können. So ist das Virus mit der Omikron-Variante insgesamt weniger gefährlich geworden, weicht aber auch gleichzeitig besser der Immunantwort zum Schutz vor Infektionen aus.

Welche Rolle spielen die Antikörper?

Die Anzahl der Antikörper sagt nur indirekt etwas darüber aus, wie gut man vor einer Infektion und möglichen Symptomen geschützt ist. Es gibt keine feste Bezugsgröße, bei der man sicher vorhersagen kann, dass sich eine Person sicher nicht ansteckt. Studien aus Israel haben dennoch gezeigt, dass vierfach Geimpfte im Vergleich zu dreifach Geimpften zwar in den ersten dreißig Tagen um mehr als 50 Prozent besser vor einer Infektion geschützt sind. Der Schutz lässt aber im Laufe der Zeit nach, während der Schutz vor schwerem Covid-19 sehr viel länger erhalten bleibt. Der Infektionsschutz gegenüber Atemwegserkrankungen ist leider nur vorübergehend.

Es kommt zudem auch auf die infektiöse Dosis an Viren an: Wenn man einer riesigen Menge an Viren ausgesetzt ist, dann reichen die zur Verfügung stehenden Antikörper vor allem auf den Schleimhäuten nicht mehr aus, um die Infektion vollständig zu verhindern. Dann sind die anschließenden Symptome je nach Virusmenge mehr oder weniger ausgeprägt. Dieser Faktor spielt eine wesentliche Rolle, lässt sich aber im Alltag weder vernünftig voraussagen noch messen.

Eine langanhaltende Immunität gibt es somit nicht?

Nein. Es gibt bei Sars-CoV-2 wie auch bei anderen Atemwegserkrankungen leider keine sterile Immunität, die dauerhaft vor einer Infektion schützt - auch wenn wir anfangs darauf gehofft haben. Jeder Kontakt mit dem Virus sorgt allerdings dafür, dass die Immunkompetenz weiter ansteigt. Im März hatten mindestens 70 Prozent der Erwachsenen Kontakt mit dem Virus, inzwischen dürfte es praktisch jeder gewesen sein. Dabei fällt auf, dass hybridimmune Menschen, also diejenigen, die geimpft und genesen sind, seltener hochsymptomatische Krankheitsverläufe entwickeln. Dennoch gibt es nach wie vor Patientinnen und Patienten, die krank werden. Das wird sich auch auf absehbare Zeit nicht ändern. Ganz im Gegenteil: Je länger die Impfung zurückliegt, desto wahrscheinlich wird auch wieder die fehlende Immunkompetenz und damit ein steigendes Risiko schwerer Verläufe.

Was bedeutet das konkret?

Wir sehen zum Beispiel immer mal wieder doppelt Geimpfte ohne Booster-Impfung, die eine schwere Covid-Pneumonie entwickeln, wenn sie weitere Risikofaktoren für schwere Covid-19 aufweisen - zum Beispiel ein höheres Lebensalter, Übergewicht oder Diabetes. In einzelnen Fällen führt das immer noch zum Tod, wenn die Infektion nicht behandelt wird. Doppelt Geimpfte sind nicht ausreichend gegen Omikron geschützt. Dennoch ist es durch die Impfungen und Genesungen gelungen, die Immunkompetenz in der Allgemeinbevölkerung merklich zu steigern. Denn die Impfungen schützen weiterhin vor schweren Verläufen, die dadurch signifikant seltener geworden sind.

Macht sich das auch in den Kliniken bemerkbar?

Ja, auf jeden Fall. Deutlich weniger Menschen mit schweren Verläufen müssen ins Krankenhaus. Bei uns sind zurzeit 54 Patientinnen und Patienten mit positiven Tests in Behandlung. Vier von ihnen liegen auf der Intensivstation und sechs auf der speziellen Covid-Station. Alle anderen haben eine andere Erkrankung und nur nebenbefundlich eine Sars-CoV-2 Infektion.

Gibt es Daten dazu, wie viele Menschen nach einer Infektion Symptome entwickeln?

Leider gibt es derzeit in Deutschland keine Erhebungen dazu, wie groß der Anteil der symptomatischen und asymptomatischen Verläufe tatsächlich ist. Wir haben eine große Dunkelziffer bei den Infektionen, da die Leute bei einem positiven Antigen-Schnelltest gar nicht mehr zum Arzt gehen. Das ist aber auch verständlich und so wie man es früher bei einer echten Virusgrippe eben auch gemacht hat. Wenn man krank war, blieb man halt zu Hause.

Um Ressourcen zu sparen, ergibt das durchaus Sinn, Diagnostik auf die vulnerablen Personen mit sehr hohem Risiko für schweres Covid-19 zu fokussieren. Wir müssen beim Einsatz aller Ressourcen im Gesundheitswesen auch auf die Sinnhaftigkeit achten. Der Einsatz wenig empfindlicher Antigentests in der breiten, asymptomatischen Bevölkerung macht meines Erachtens in der jetzigen Phase keinen Sinn mehr. Wir müssen akzeptieren, dass wir auf Dauer nicht mit verhältnismäßigen Mitteln alle Sars-CoV-2 Infektionen diagnostizieren oder verhindern können. Meine Empfehlung wäre, mit speziellen Programmen vor allem besonders gefährdete, vulnerable Personen zu fokussieren. Hierzu gehören dann zum Beispiel intensivierte Impfkampagnen oder Frühtherapie-Programme.

Im Herbst sollen die auf Omikron angepassten Impfstoffe auf den Markt kommen. Werden sie besser vor Infektionen schützen?

Jeder Kontakt mit dem Virus, sei es durch Booster-Impfung oder Genesung, reduziert vorübergehend das Infektionsrisiko. Ob der Schutz vor Infektionen mit den angepassten Impfstoffen besser ist als mit den heutigen, ist bislang jedoch nicht bewiesen. Der Schutz wird sehr wahrscheinlich aber auch nicht schlechter sein.

Müssen wir uns auf neue, möglicherweise gefährlichere Varianten einstellen?

Aus meiner Sicht ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine noch gefährlichere Variante auftaucht, die sich auch noch besser als heutige Varianten vermehren kann, relativ niedrig. Hierzu müsste das Virus Eigenschaften vereinen, die es gefährlicher und übertragbarer machen. Das ist schon aufgrund der deutlich gestiegenen Immunkompetenz in der Allgemeinbevölkerung sehr unwahrscheinlich. Das Virus trifft nicht mehr auf eine immunnaive Bevölkerung. Wahrscheinlicher ist, dass das Virus sich immer wieder ein wenig verändert, damit es sich auch in einer deutlich immunkompetenteren Bevölkerung verbreiten kann. Sicher ist: Wir werden mit dem Coronavirus leben müssen! Es wird uns erhalten bleiben.

Mit Privatdozent Dr. med. Christoph D. Spinner sprach Hedviga Nyarsik

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen