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Vergleich Amateur- und Profibereich Was gute Fußball-Schiedsrichter ausmacht

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Felix Brych gilt als einer der besten deutschen Schiedsrichter.

(Foto: dpa)

Schiedsrichter haben eine anspruchsvolle Aufgabe: sehen, einordnen, entscheiden - und das sehr schnell. Nun haben Forscher geprüft, welche Eigenschaften einen guten Unparteiischen auszeichnen - und dabei den Amateur- mit dem Profibereich verglichen.

Schiedsrichter im Profifußball sind ihren Kollegen aus dem Amateurbereich deutlich überlegen. Einer Studie zufolge fokussieren die Top-Schiris bei der Wahrnehmung ihren Blick eher auf jene Areale der Spieler, wo es tatsächlich zu Körperkontakt kommt. Zudem hätten sie wohl beim Einordnen des Gesehenen einen größeren Erfahrungsschatz, auf den sie zurückgreifen könnten, schreibt das Team um Werner Helsen von der Universität Leuven im Fachblatt "Cognitive Research". Demnach können die Erkenntnisse bei der Ausbildung von Schiedsrichtern in verschiedenen Sportarten und auch bei anderen Berufen helfen.

Bei Fußballspielen müssten Schiedsrichter schnelle Aktionen von Spielern sowohl wahrnehmen als auch richtig interpretieren - und das unter enormem Zeitdruck, schreibt das belgisch-britische Team. Um die daran beteiligten Prozesse besser einstufen zu können, testeten die Forscher 39 belgische Schiedsrichter in einer Versuchsreihe. Etwa die Hälfte von ihnen leitete seit durchschnittlich 16 Jahren regelmäßig Spiele der 1. und 2. Liga des Landes, die übrigen waren im Mittel seit zwölf Jahren im Amateurfußball aktiv.

"Schlüsselfähigkeit von Schiedsrichtern"

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Entscheidungen der Top-Schiedsrichter, Fouls mit gelber, roter oder keiner Karte zu ahnden, waren zu 61 Prozent korrekt, zu 45 Prozent bei den anderen Unparteiischen.

(Foto: imago/Contrast)

Die Teilnehmer sahen auf einem Bildschirm 20 etwa sieben Sekunden dauernde Szenen am und im Strafraum, die von Fußballern gestellt wurden. Zehn Szenen liefen während des normalen Spielflusses, die anderen bei Eckbällen. 17 der 20 Situationen enthielten jeweils ein Foul: Entweder grätschten Verteidiger den Angreifern in die Beine oder sie schoben oder stießen ihre Kontrahenten bei den Eckbällen. Um eine möglichst authentische Wahrnehmung zu ermöglichen, wurden die Szenen aus etwa zehn Metern Entfernung vom Spielfeld aus gefilmt - quasi aus Schiedsrichter-Perspektive.

Bei den Tests erfassten die Forscher, auf welche Teile der Szenen die Teilnehmer ihren Blick lenkten. "Die Aufmerksamkeit zur richtigen Zeit auf die wichtigen Informationen zu richten und diese Informationen mit dem eigenen Wissen abzugleichen, ist eine Schlüsselfähigkeit von Schiedsrichtern", schreibt das Team.

Resultat: Bei den Entscheidungen während des laufenden Spiels lagen die Top-Schiris in rund 55 Prozent der Fälle richtig, die anderen in 50 Prozent. Entscheidungen der Elite-Schiedsrichter, Übeltaten mit gelber, roter oder keiner Karte zu ahnden, waren zu 61 Prozent akkurat, im Vergleich zu 45 Prozent bei den anderen Unparteiischen. Nach Ecken erkannten sie Fouls in 70 Prozent der Fälle korrekt, ihre Kollegen aus unteren Spielklassen dagegen nur zu 57 Prozent.

Fokus auf anderen Arealen

Die Auswertung der Daten zeigte, dass die Elite-Schiris - beim Spielfluss wie bei Eckbällen - ihren Blick länger auf die Kontaktzonen der Kontrahenten richten als ihre Kollegen, diese achteten etwas mehr auf andere Areale.

"Unsere Resultate zeigen, dass Elite-Schiedsrichter visuelle Blickmuster haben, mit denen sie Fouls besser abschätzen können als Schiedsrichter aus unteren Ligen", wird Helsen in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. "Wenn sie Fouls während des Spielflusses beobachten, fixieren sie das daran beteiligte Körperteil länger als andere Körperregionen. Das deutet darauf hin, dass sie die entscheidendsten Informationen in ihrem Blickfeld wahrnehmen und interpretieren."

Diese Erkenntnisse lassen sich nach Ansicht der Forscher dazu nutzen, Schiedsrichter gezielter zu schulen, etwa mit Hilfe von Videos. "Visuelle Blickmuster sind eine geistige Fähigkeit, die sich durch Übung verbessern lässt", sagt Ko-Autor Jochim Spitz. "Das Verständnis darüber, was Elite-Schiedsrichtern im Vergleich zu anderen bessere Entscheidungen ermöglicht, könnte zu Trainingsprogrammen für ein besseres Blickverhalten verhelfen." Insgesamt, so die Forscher, lasse sich dies nicht nur im Fußball oder anderen Sportarten nutzen, sondern auch etwa in der Medizin oder bei der Strafverfolgung.

Quelle: n-tv.de, Walter Willems, dpa