Tödliche Gefahr im SommerWas sind die größten Risiken an Badeseen?

Zur Sommerzeit kommt es in Badeseen und Flüssen immer wieder zu Unfällen mit Toten und Verletzten. Die Opfer sind zum überwiegenden Teil männlich. Doch worin genau bestehen die Gefahren? Eine Übersicht.
Dutzende Tote an einem heißen Wochenende, alle Männer und Jungen: Die vorläufige DLRG-Bilanz zeigt drastisch, wie gefährlich Baden im Sommer werden kann. Meist ist es nicht eine einzelne Ursache, die Menschen in Lebensgefahr bringt. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen: Hitze, Alkohol, Selbstüberschätzung, unbeaufsichtigte Gewässer, Strömung, Kälte - und manchmal der Wunsch, vor anderen besonders mutig zu wirken.
1. Selbstüberschätzung
Eine der Ursachen für Badeunfälle ist Selbstüberschätzung. Das betrifft nach Einschätzung der DLRG besonders männliche Jugendliche und junge Männer. 2025 waren nach DLRG-Angaben 82 Prozent der Ertrunkenen männlich. In der Altersgruppe von 11 bis 30 Jahren starben 73 Menschen - nur eine Person davon war weiblich.
"Das Wissen um die eigenen körperlichen Fähigkeiten ist insgesamt schlechter geworden", sagte der Sportpsychologe Jens Kleinert dem Deutschlandfunk. Männer und Jungen seien in vielerlei Hinsicht übermütiger als Frauen und Mädchen. "Sie glauben, mehr zu können, neigen also tendenziell zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten."
2. Alkohol
Alkohol ist beim Baden besonders gefährlich. Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) warnt davor, dass unter Alkoholeinfluss die eigenen Fähigkeiten überschätzt werden und bereits bei einer geringen Konzentration von Alkohol im Blut Koordination und Wahrnehmung beeinträchtigt sind. Die WHO geht davon aus, dass Alkohol in der europäischen Region bei rund 26 Prozent aller tödlichen Ertrinkungsfälle eine wesentliche Ursache ist.
3. Unbewachte Gewässer
Seen, Baggerseen, Flüsse und Kanäle sind bei Badenden beliebt, aber bergen Risiken: Es gibt keine Beckenränder, keine markierten Bahnen, keine durchgehend bekannten Tiefen und oft keine Rettungsschwimmer. In Baggerseen fällt der Grund teils abrupt ab. Flüsse können auch nahe am Ufer starke Strömungen haben. Die DLRG mahnt eindringlich, in Flüssen nicht gegen die Strömung anzuschwimmen: "Das ist kräftezehrend und führt selten zum Erfolg." Besonders viele tödliche Unglücke ereignen sich in öffentlich zugänglichen Binnengewässern – also in Seen, Teichen, Flüssen und Kanälen, die häufig nicht durchgehend beaufsichtigt sind.
4. Kopfsprünge ins unbekannte Wasser
Unbedachte Kopfsprünge ins Wasser führen laut DLRG und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) immer wieder zu schweren Verletzungen. Vor dem Sprung sollte man sich vergewissern, ob das Wasser tief genug und frei von Felsen oder Gegenständen ist, von denen Verletzungsgefahr ausgehen könnte, so die beiden Organisationen. Zudem warnen sie vor Kopfsprüngen in trübes Wasser und in Wassertiefen unter 1,5 Metern.
Eine Bochumer Klinik hat bei einer Auswertung für die Jahre 2001 bis 2019 insgesamt 60 Patienten erfasst, die nach einem Kopfsprung eine Rückenmarksverletzung erlitten hatten. Fast alle Betroffenen waren männlich und im Schnitt 28 Jahre alt. Die DGOU schätzt, dass sich jedes Jahr etwa 80 solcher Unfälle ereignen, die dann mit einer Querschnittlähmung enden.
5. Kälteschock bei Hitzewellen
An heißen Tagen ist die Versuchung groß, direkt ins Wasser zu springen. Doch gerade nach langem Sonnenbaden kann der abrupte Wechsel in sehr kaltes Wasser gefährlich werden: Es kann zu einem Kälteschock kommen. In den ersten ein bis drei Minuten reagiert der Körper dann mit lebensgefährlichen Reflexen, warnt die DLRG: Die Atmung wird schlagartig schneller und tiefer, Luftanhalten fällt deutlich schwerer, Blutdruck und Herzfrequenz steigen stark an, die Blutgefäße verengen sich. "80 Prozent der Todesfälle in diesem Zeitraum sind durch sofortiges Ertrinken bedingt", schreibt die DLRG. Bei den restlichen 20 Prozent komme es zum Herzversagen.
Aber auch in den folgenden drei bis 30 Minuten nach dem Eintauchen in kaltes Wasser kann ein Risiko bestehen: Die Leistungsfähigkeit der Muskel- und Nervenzellen nimmt sehr rasch ab. Auch diese Phase kann tödlich enden. Je größer der Temperaturunterschied, desto größer ist auch das Risiko.
6. Fehlende Schwimmkompetenz
Die DLRG geht davon aus, dass mehr als jedes zweite Kind nach der Grundschule nicht sicher schwimmen kann. Ein Grund: Bäder für den Schwimmunterricht fehlen. Das zu ändern, fordert die DLRG seit langem - und verlangt auch flächendeckenden Schwimmunterricht in den Schulen: "Unsere Kinder können mehrheitlich nicht sicher schwimmen, wenn sie die Grundschule verlassen", mahnte DLRG-Präsidentin Ute Vogt im Frühjahr 2026. "Sie stehen fortan immer weniger unter Beobachtung der Eltern und sind ein Leben lang gefährdeter am und im Wasser." Das sei ein "unnötiges Lebensrisiko".
7. Zu wenig Aufsicht - Kinder ertrinken oft leise
Bei Kindern kommt ein weiterer Faktor hinzu: Kinder schreien oft nicht, winken nicht und schlagen nicht lange sichtbar um sich. Sie können in kurzer Zeit untergehen - auch in flachem Wasser. Schwimmflügel oder andere Hilfen ersetzen keine Aufsicht. Die DLRG mahnt, Nichtschwimmer im Wasser stets in Griffnähe zu beaufsichtigen. Schwimmhilfen seien kein verlässlicher Schutz.