Wissen

"Wenn du mich siehst, weine" Niedrigwasser legt Hungersteine in Flüssen frei

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

In Deutschlands Flüssen sinken die Pegel mancherorts auf Rekordtiefs. An Rhein, Weser und Elbe werden sogenannte Hungersteine sichtbar, die Jahreszahlen und Markierungen vergangener Niedrigwasser tragen. Manche reichen Jahrhunderte zurück.

Durch die lange Trockenheit sinkt der Wasserstand in Deutschlands Flüssen. Wegen des extremen Niedrigwassers werden an einigen Orten sogenannte Hungersteine freigelegt, die normalerweise unter der Wasseroberfläche verborgen sind. Auf ihnen sind Jahreszahlen, Inschriften und Linien eingemeißelt, welche frühere Wasserstände markieren. In sozialen Medien kursiert das Foto eines Hungersteins aus dem tschechischen Decin, auf dem die Inschrift "Wenn du mich siehst, dann weine" zu lesen ist.

Die Jahreszahlen auf den Hungersteinen gehen zum Teil bis ins 15. Jahrhundert zurück. Ihren Namen erhielten sie laut historischen Berichten ursprünglich von Schiffern, da das Auftauchen der Steine bei Niedrigwasser für sie ein Ausbleiben der Einkünfte bedeutete. Für die betroffene Region barg die damit einhergehende extreme Dürre und die daraus folgenden Ernteausfälle das Risiko einer Hungersnot. Und weil zugleich die Binnenschifffahrt zum Erliegen kam, brachen lebenswichtige Transportwege für Lebensmittel, Brennmaterial und andere Güter weg.

Hungersteine gibt es insbesondere entlang größerer Flüsse wie Elbe, Rhein, Mosel und Weser. Vereinzelt tauchen sie auch an stehenden Gewässern auf, wie etwa am Mündesee nördlich von Angermünde in Brandenburg - dort liegt der Hungerstein mitten im See und ist nur bei Niedrigwasser zu sehen.

Einer der berühmtesten Hungersteine liegt in der Elbe in Decin, unweit der deutschen Grenze. Er trägt die mittlerweile nicht mehr lesbare Jahreszahl 1417, womit er auch einer der ältesten bekannten sein dürfte. Die deutsche Inschrift "Wenn du mich siehst, dann weine" stammt wohl aus dem 19. Jahrhundert, damals gab es dort noch viele deutschsprachige Bewohner. Weitere Jahreszahlen auf dem Stein sind 1616, 1746, 1790, 1800, 1842 und 1868. Im 20. Jahrhundert wurde vermutlich die zweite Inschrift gefertigt: "Mädchen, weine und klage nicht, wenn es trocken ist, spritze das Feld".

Foto von Elbe-Hungerstein wohl älter

Allerdings stammt das derzeit auf Twitter verbreitete Foto vom Deciner Hungerstein allem Anschein nach aus dem Jahr 2018, als im damaligen Extremsommer eine Dürre in Tschechien herrschte. Zuletzt wies die Elbe nahe der Grenze zu Tschechien laut Daten der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (siehe Grafik) keine außergewöhnlich niedrigen Pegelstände auf.

Mehr zum Thema

Andernorts legt das Niedrigwasser aber nachweislich Hungersteine frei: etwa im Oberlauf der Weser, wie der "Tägliche Anzeiger" berichtet. Im Rhein tauchten Hungersteine in der Nähe von Worms und bei Leverkusen auf, bei Remagen-Kripp ein sogenannter Hungerfelsen. Viele davon stammen aus dem 20. und sogar dem 21. Jahrhundert - an der Wuppermündung bei Leverkusen verzeichnen die Steine die Jahreszahlen 1959 und 2003. An der Elbe nahe Bleckede in Niedersachsen wurde auf Instagram die Sichtung eines Hungersteins aus dem Jahr 2015 gemeldet.

Die zum Teil Jahrhunderte alten Hungersteine zeigen, dass extreme Niedrigwasser auch in der Vergangenheit vorkamen. Das Umweltbundesamt warnt jedoch: Sollten sich die pessimistischeren Vorhersagen für die Entwicklung des Klimas bewahrheiten, sei in Deutschland mit einer Zunahme von Dürren und Niedrigwassern zu rechnen.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 17. August 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, kst

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen