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Statistik gibt Aufschluss Wer sind die 100.000 Corona-Toten?

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Die Corona-Pandemie hat in Deutschland bisher mehr als 100.000 Todesopfer gefordert - wie viele werden noch folgen?

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Die Corona-Pandemie erreicht in Deutschland einen weiteren traurigen Meilenstein: Mehr als 100.000 Menschen sterben im Zusammenhang mit Covid-19. Eine Zahl, die schwer zu fassen ist. Wer sind all die Menschen, die in den vergangenen 20 Monaten wegen Corona ihr Leben ließen?

Man stelle sich vor, ein Asteroid stürzt vom Himmel und schlägt mitten in einer deutschen Großstadt ein. Alle rund 100.000 Einwohner sterben. Es wäre eine Katastrophe biblischen Ausmaßes. Kaum vorstellbar, was das mit einer Gesellschaft machen würde. Doch genau das ist geschehen - nur ging die Katastrophe vergleichsweise langsam, fast wie in Zeitlupe vonstatten: Auch die Coronavirus-Pandemie forderte bisher mehr als 100.000 Todesopfer in Deutschland.

Doch anders als bei großen Unglücken wie Flut, Unfällen und Terrorakten war sie nicht auf einen Ort beschränkt, sondern überall gleichzeitig. Die Corona-Opfer starben im Norden und Süden, im Westen und Osten der Republik. Doch was weiß man eigentlich über sie? Nur wenige der Corona-Toten in Deutschland sind der Öffentlichkeit namentlich bekannt. Jörn Kubicki gehört dazu, Neurologe und Lebenspartner von Berlins ehemaligem Bürgermeister Klaus Wowereit. Er war eines der frühen Opfer im März 2020. Aber wer waren all die anderen?

Was man über die mehr als 100.000 Todesopfer weiß: Ein Großteil war bereits sehr alt. Die Hälfte von ihnen war 84 Jahre und älter. Denn Covid-19, das stellte sich schnell heraus, ist eine Krankheit, die vor allem für Ältere gefährlich ist. Das zeigt auch die Fallsterblichkeit je Altersgruppe, die angibt, für wie viele Menschen eine nachgewiesene Infektion tödlich endet: Bei den über 90-Jährigen traf das auf jeden Vierten zu, auch jeder Sechste im Alter zwischen 80 und 89 Jahren starb. Andersherum waren von den mehr als 100.000 Toten nur 0,03 Prozent jünger als 20 Jahre. Das Risiko für einen 20-Jährigen, an Corona zu sterben, ist mehr als 1000-fach geringer als für einen 80-Jährigen.

Männer sterben eher an Corona

Ein weiterer Unterschied zeigt sich beim Geschlecht: Insgesamt starben deutlich mehr Männer als Frauen an Covid-19, obwohl sich etwa gleich viele Männer und Frauen angesteckt hatten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann an einer Corona-Infektion stirbt, ist etwa 40 Prozent höher als bei einer Frau. Studien haben verschiedene mögliche Ursachen dafür gefunden. Demnach kommt ein Rezeptor, über den das Coronavirus Zellen attackiert, bei Männern häufiger vor. Auch scheint die Immunabwehr von Frauen besser gegen das Virus gerüstet zu sein, wie andere Untersuchungen nahelegen.

Männer leiden zudem häufiger an Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Krebs oder chronischen Lungenkrankheiten. Vorerkrankungen erhöhen das Risiko eines tödlichen Verlaufs von Covid-19, was für alle Geschlechter gilt. So zeigte auch eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) aus dem Frühjahr, dass die meisten von 735 obduzierten Corona-Todesfällen mindestens eine Vorerkrankung hatten - im Schnitt waren es sogar drei. Zu den häufigsten Leiden zählten Bluthochdruck, chronische Niereninsuffizienz, Diabetes Mellitus oder eine chronische Lungenerkrankung. 20 Prozent waren krankhaft übergewichtig.

Wo starben all die Corona-Toten? Laut der Hamburger Studie mehr als zwei Drittel im Krankenhaus, rund 22 Prozent in Pflegeheimen und der Rest zu Hause. Eine Analyse des Robert-Koch-Instituts (RKI) für ganz Deutschland fand heraus, dass in den ersten beiden Wellen fast jeder Dritte in einem Alten- oder Pflegeheim starb. Dieser Wert ist deshalb erstaunlich, weil nur ein Prozent der Gesamtbevölkerung in solchen Einrichtungen wohnt. Wenn die Inzidenzen hoch sind, steigt jedoch die Gefahr, dass Sars-CoV-2 in Alten- und Pflegeheime gelangt. Einmal drin, verbreitet der Erreger sich rasend schnell. Alle bisherigen Wellen wurden daher von Meldungen über schwere Ausbrüche mit vielen Toten in derartigen Einrichtungen begleitet.

Was man ebenfalls sagen kann: Wer arm ist, für den endet Corona häufiger tödlich - das jedenfalls legen zwei Studien des RKI nahe, die den sozialen Status der Todesopfer berücksichtigen. Grundlage ist der "German Index of Socioeconomic Deprivation" (GISD), der Landkreise und kreisfreie Städte in sozial stärkere und schwächere aufteilt. Während der zweiten Welle zum Jahreswechsel 2020/2021 starben in Regionen mit schlechteren Lebensbedingungen 50 bis 70 Prozent mehr Menschen an einer Corona-Infektion als in Regionen mit besseren, schreibt das RKI. Experten führen das auf Wohn- und Arbeitsverhältnisse zurück, die das Risiko einer Ansteckung und damit eines tödlichen Verlaufs erhöhen. Auch litten ärmere Menschen häufiger an Vorerkrankungen.

Deutlich mehr Tote als in den Vorjahren

Doch starben während der Pandemie 2020/2021 wirklich mehr Menschen als in normalen Jahren? Das lässt sich anhand der sogenannten Übersterblichkeit ermitteln: Sie gibt Auskunft darüber, wie stark die Zahl aller Todesfälle vom mittleren Wert der Vorjahre abweicht. Auffällig veränderte sich die Übersterblichkeit bereits im April 2020, als mit der ersten Welle die Corona-Todesfälle in die Höhe schossen: Die Zahl der Gestorbenen war ebenfalls 10 Prozent höher als in den Vorjahren, wie aus Daten des Bundesamts für Statistik hervorgeht. Mit dem Rückgang der ersten Welle Anfang Mai 2020 sank auch die Zahl der Sterbefälle auf ein normales Niveau.

Dann folgte die zweite Welle ab Herbst 2020 und das Spiel wiederholte sich: Die Corona-Todesfälle stiegen an und mit ihr die Übersterblichkeit in Deutschland. Ihren Höhepunkt erreichte sie im Dezember und Januar 2021, als die Zahl der Toten mehr als 25 Prozent über den Werten der Vorjahre lag. Es waren mit Abstand die beiden schwärzesten Monate der Pandemie - in Summe starben damals fast 44.000 Menschen an Covid-19. Auf diese zweite Welle fielen zusammen mit der dritten Welle im Frühjahr 2021 bislang fast drei Viertel aller Corona-Toten.

Allerdings zeigte sich während der dritten Welle bereits der Effekt der Impfkampagne, bei der zuerst vor allem Ältere und deren Betreuer immunisiert worden waren. Zwar stieg in den Monaten April und Mai 2021 die Übersterblichkeit in Deutschland mit der Zahl der Corona-Toten an, lag aber nur noch leicht über dem mittleren Wert der Vorjahre. Seit September ging es mit der Übersterblichkeit wieder deutlicher nach oben, im November lag sie laut vorläufiger Hochrechnung sogar um 16 bis 17 Prozent über dem Niveau vergangener Jahre. Dies kann jedoch nur zum Teil durch die gemeldeten Covid-19-Todesfälle erklärt werden.

Starben wirklich alle Toten an Corona?

Die Diskussion ist so alt wie die Pandemie: Wie viele der Corona-Toten starben tatsächlich an dem Virus und nicht aufgrund einer anderen Ursache, wie etwa einer Vorerkrankung? Oft wird in dem Zusammenhang der Vorwurf erhoben, die Statistik sei verzerrt und es gebe weniger Corona-Todesfälle als offiziell ausgewiesen. Laut dem RKI ist es im Todesfall tatsächlich oft schwierig zu entscheiden, inwieweit die Infektion oder eine Vorerkrankung daran Anteil hatten. Erfasst werden daher sowohl Menschen, die unmittelbar an Covid-19 verstorben sind als auch solche, die bei ihrem Tod mit Sars-CoV-2 infiziert waren, bei denen sich aber nicht abschließend klären lässt, was die Todesursache war.

Bereits im August 2020 hatte eine Erhebung gezeigt, dass bei der großen Mehrheit der untersuchten Todesfälle Covid-19 die Ursache war. Für die Umfrage des Bundesverbands Deutscher Pathologen, der Deutschen Gesellschaft für Pathologie und der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie wurden 68 Institute befragt, die verstorbene Covid-19-Patienten obduzieren. Die Befragung ergab, dass viele Corona-Toten zwar ernsthafte Vorerkrankungen hatten. Dennoch konnte bei 86 Prozent Covid-19 als alleinige oder wesentliche Todesursache ausgemacht werden.

Die Zahl von 100.000 Corona-Toten ist erschreckend hoch. Doch wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da, wenn man die Todesfälle im Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt? So betrachtet starben in Deutschland rund 120 von 100.000 Menschen in Zusammenhang mit Covid-19. Das sind 0,12 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im europäischen Vergleich ist Deutschland damit relativ glimpflich davongekommen: In der gesamten Europäischen Union starben im Durchschnitt fast 190 von 100.000 Menschen an Corona.

Jedoch gibt es Länder wie Dänemark, Norwegen, Finnland und Island, die deutlich weniger Todesopfer zu beklagen haben - in Finnland sind es etwa nur 22, in Island sogar nur 10 Todesfälle je 100.000 Einwohner. Länder wie Italien und Großbritannien sind hingegen deutlich schwerer betroffen: Die Zahl der Todesfälle liegt dort fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Noch deutlicher ist der Unterschied zu Ländern wie Tschechien, Ungarn und Bulgarien, die in etwa dreimal so viele Opfer je Einwohner verzeichnen. Besonders Bulgarien ist mit fast 400 Toten je 100.000 Einwohner in ganz Europa am schwersten betroffen - weltweit verzeichnet nur Peru einen höheren Wert mit rund 620 Todesfällen je 100.000 Einwohner.

Quelle: ntv.de

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