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Studie entdeckt MechanismusWie Kunst den Schmerz besiegt

16.04.2026, 13:19 Uhr
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Ein Mädchen bemalt ihren Gipsverband. (Foto: imago / Zoonar.com / Luliia Zavalishina)

Schmerz prägt das Leben und Werk einiger der bekanntesten Künstler. Ist er womöglich sogar die Grundlage für Kreativität? Ein Forschungsteam will dem auf den Grund gehen - und entdeckt im Gehirn einen überraschenden Zusammenhang.

Kreativität kann helfen, mit Schmerz besser umzugehen. Das hat ein Forschungsteam um die Neurowissenschaftlerin Radwa Khalil von der Constructor University in Bremen herausgefunden. Damit wird die weitverbreitete Annahme, dass Schmerz die Basis für große Kunst ist, wissenschaftlich bestätigt. Die Forschungsergebnisse, die im Fachblatt "Neuroscience & Biobehavioral Reviews" veröffentlicht wurden, zeigen: Kreativität und Schmerz beruhen auf überlappenden neuronalen Systemen.

"Dieselben Mechanismen, die unsere Kreativität antreiben - vom Generieren neuer Ideen bis zum Wechsel unserer Perspektiven - sind auch daran beteiligt, wie wir Schmerz wahrnehmen und regulieren", sagt Khalil laut Mitteilung. "Die Vertiefung unseres Verständnisses dieser Überschneidung kann uns helfen, über die Metapher hinauszugehen, hin zu einem empirischen Verständnis davon, wie kreative Aktivität tatsächlich Heilung fördern und Menschen helfen kann, ihre schmerzhaften Erfahrungen neu zu kontextualisieren."

Fokus auf kreatives Tun

Das Forschungstrio verweist auf zahlreiche Studien, die bereits Befunde liefern, wonach der kreative Ausdruck, etwa in bildender Kunst oder Musik, mit verringerter Schmerzwahrnehmung in Verbindung gebracht wird. Dahinter steckt folgender Mechanismus: Normalerweise verengen Schmerzen die Aufmerksamkeit und beeinträchtigen die sogenannten kognitiven Fähigkeiten, also die Funktionen des Gehirns. Menschen, die es schaffen, trotz Schmerzen ihren Fokus bewusst auf kreatives Tun umzulenken, aktivieren dabei alternative neuronale Bahnen, die dazu führen, dass Schmerzen anders wahrgenommen werden. Das Verhalten lenkt dann nicht nur von unangenehmen Wahrnehmungen ab, sondern spricht auch dopamingesteuerte Belohnungssysteme an. Das kann auch die Beziehung zum Leiden an sich verändern.

Den Forschenden zufolge sei Kreativität nicht nur Ausdruck menschlicher Erfahrung, sondern könne auch ein aktives Werkzeug sein, um das Schmerzempfinden zu verändern. Was lange als künstlerische Metapher galt, bekommt damit eine neurobiologische Grundlage und weckt Hoffnung auf neue therapeutische Ansätze.

Forderungen und Chancen

Gleichzeitig kritisiert das Team die Forschungslandschaft als fragmentiert. Schmerz sei Gegenstand von etwa 65-mal mehr Publikationen als Kreativität, Studien zur Schnittmenge seien hingegen rar. Unterschiedliche Methoden, Begriffe und Theorien in beiden Feldern führten zu Lücken und Widersprüchen, etwa bei der Definition und Messung zentraler kognitiver Funktionen wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Die Forschenden fordern deshalb mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurowissenschaft, Psychologie, Medizin, Informatik und weiteren Disziplinen.

Obwohl der Fokus der Untersuchung auf Schmerz lag, betonte das Team auch die möglichen Anwendungen bei neuroentwicklungsbedingte Störungen wie ADHS und Autismus sowie für Kreativität im Alter. "Die breite Implementierung dieses Rahmens eröffnet einen neuen Forschungspfad an der Schnittstelle von Neurowissenschaft, Kreativität und Gesundheit", resümiert Khalil.

Quelle: ntv.de, jaz

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