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"Ihr dürft Gewalt anwenden" Wie Menschen Extremisten werden

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Spuren eines Terrorakts: Die Täter von Paris missbrauchen den Islam für fanatische Ziele.

(Foto: imago/PanoramiC)

Wie entsteht Extremismus? Was führt dazu, dass Menschen die Grundwerte einer Gesellschaft ablehnen und sich radikalisieren? n-tv.de fragt Prof. Dr. Hajo Funke, Extremismusforscher an der FU Berlin. Ein Gespräch über Gewalt, Traumata und schlechte Vorbilder.

n-tv.de: Herr Prof. Funke, wie entsteht Extremismus? Was geht in den Menschen vor, die extremistisch sind?

Hajo Funke: Nehmen wir den Rechtsextremismus, so wissen wir, dass er von Milieus abhängt, in denen vor allem junge Männer desorientiert oder sogar mit traumatischen Erfahrungen ausgestattet waren. Sie hatten Gewalt oder andere Entwürdigungen nicht bearbeiten können. Die haben sich aufgestaut. Wenn dann ein rechtsextremistisches Angebot kommt - erst recht, wenn es ein Gewaltangebot ist - lassen diese Jugendlichen ihre eigenen Aggressionen rassistisch oder rechtsextremistisch aufladen.

Extremismus hängt also stets mit Gewalt zusammen?

Jedenfalls mit einer Gewaltperspektive, also mit dem Angebot: "Ihr dürft Gewalt anwenden." - So würde ich, ganz grob, Elemente des Rechtsextremismus nach 1990 beschreiben.

Verhält es sich mit islamistischem Extremismus ähnlich?

Der Terror, wie wir ihn gestern in Paris erlebt haben, hat gewiss ähnliche Kontexte. Die Täter sind ja inzwischen bekannt, zum Teil sogar relativ genau. Einiges spricht dafür, dass Demütigungserfahrungen zugrunde liegen könnten, die im Sinne des Terrorangebots aufgeladen wurden. Ein Teil der Täter von Paris sind Algerier der zweiten Generation, die in Frankreich keine zureichende Perspektive gewinnen konnten. Sie sind in Heimen aufgewachsen. Einer von ihnen hat sich Mitte des letzten Jahrzehnts schonmal im Dschihadismus versucht. Dann ist er zurückgetreten und nun hat er offenkundig wieder dschihadistisch agiert.

Wie kommt es zu einer solchen Entwicklung?

Das geht eher dann, wenn es in dieser Hinsicht Vorbilder und Erfahrungen gibt. Es ist denkbar, dass die Täter in Syrien schon eine militärische Härteerfahrung erlebt haben; das ist noch nicht bekannt. Ohnehin aber besteht das furchtbare Vorbild des terroristischen sogenannten Islamischen Staats, also eines terroristischen Faschismus, der versucht, den Islam zu missbrauchen. Auch Al Kaida könnte ein Vorbild sein. Hinzu kommt in der Regel das Teilen dieser Ideologie und ähnlicher Erfahrungen mit anderen, also in Kleingruppen oder Milieus in den jeweiligen Städten, in denen die Täter leben.

Sind islamistischer Extremismus und Fanatismus das Gleiche? Oder muss man da differenzieren?

Ich würde beim IS-Terror und bei Al Kaida eher vom Missbrauch des Islam sprechen als von islamistisch. Das ist schon etwas anderes. IS und Al Kaida sind Killerkommandos, die sich nun die Lage im Nahen und Mittleren Osten zunutze machen und sie missbrauchend ausbeuten. Natürlich ist diese Form terroristischer Gewalt nicht denkbar ohne Fanatismus, ohne die Vorstellung, dass der Westen, dass Frankreich verwerflich ist und dass es von einem diktatorischen Regime abgelöst werden muss – in wessen Namen auch immer.

Mit Hajo Funke sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de