Wissen

Fluchtverhalten führt zum Tod Wolf rottet Wildschafe in Lüneburg aus

imago86366720h.jpg

Der bundesweite Wolfsbestand liegt bei etwa 1000 Tieren.

(Foto: imago/Martin Wagner)

Wildschafe sind östlich von Lüneburg nicht mehr auffindbar - daran soll die steigende Wolfspopulation schuld sein. Trotzdem gehen in der Union die Meinungen auseinander, ob der Wolf zum Abschuss freigegeben werden soll, um eine andere Tierart zu erhalten.

Wie befürchtet: Die Wildschafe hatten keine Chance. Mehr als 100 Jahre streiften sie durch das abgelegene Waldgebiet östlich von Lüneburg, nun sind die sogenannten Mufflons verschwunden. "Das Vorkommen in der Göhrde ist vollkommen erloschen, es war das älteste in Deutschland", sagt Peter Pabel. Der 56-Jährige gilt als Experte für die Tiere, er leitet den örtlichen Hochwildring der Jäger, ist Wolfsberater und von Beruf Förster. "Das war zu erwarten - wenn der Wolf kommt, verschwindet das Muffelwild."

Ursache ist ihr merkwürdiges Fluchtverhalten, das die eindrucksvollen Tiere mit den schneckenförmigen Hörnern aus ihrer bergigen Heimat mitgebracht haben. Schleicht sich einer der grauen Jäger an, so machen die Schafe einen kurzen schnellen Sprint, dann bleiben sie stehen. In ihrer Heimat konnten sich die Tiere so auf Felsen und Klippen retten, die gibt es hier im Flachland aber nicht.

"Das könnte möglicherweise das einzige reinrassige Vorkommen in Deutschland gewesen sein", sagt der Experte Peter Pabel. Kreuzungen mit Hausschafen oder anderen Wildschafrassen habe es hier nicht gegeben. "Wir haben die Population von Beginn an dokumentiert. Diese Gen-Ressource ist jetzt verloren gegangen, das macht es so bedauerlich."

Die letzten Tiere habe der Förster in dieser Region im Herbst 2017 gesehen. "Bis zu 300 waren es, dann kam der Wolf. Das ging mit unglaublicher Rasanz, nach drei Jahren hatte er die Population ausgelöscht." Nur ganz vereinzelt würden noch Mufflons außerhalb gesichtet. "Nur die Auswilderung im kontinentalen Europa hat das Mufflon vor dem Aussterben bewahrt", erklärt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Bayern.

Zahl der Mufflons in Brandenburg sinkt

119388533.jpg

Im "Wolfsland" Brandenburg sinkt die Zahl der erlegten oder überfahrenen Mufflons seit Jahren stetig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach der Wiedervereinigung hatten sich Wölfe zunächst in Sachsen angesiedelt. Das erste Rudel entstand in der Lausitz, im Frühjahr 2000 wurden in der Muskauer Heide Wolfswelpen geboren. Die Mufflons verschwanden dort vollkommen. "Nennenswerte Vorkommen gibt es noch im Harz und in Schaumburg-Lippe", sagt Pabel. Ein genetisch vermutlich ähnlich gutes Vorkommen wie einst in der Göhrde lebe im Ost-Harz in Sachsen-Anhalt.

"Wenn man die Mufflons erhalten will, muss man rechtzeitig etwas tun", warnt Pabel nach den Erfahrungen in der Göhrde. "Der Naturschutz wird seiner Verantwortung nicht gerecht, wenn er sich nicht auch um Strategien zur Arterhaltung des Mufflons kümmert - es gilt als Stammform aller Hausschafrassen." Wer Mufflonvorkommen genetisch bewahren möchte, sollte sich schon vor Rückkehr der Wölfe um den Fang kümmern, rät Pabel.

Umweltpolitiker debattieren über Wolfsabschuss

Die umweltpolitischen Sprecher von CDU und CSU in Bund und Ländern fordern ein viel härteres Vorgehen gegen Wölfe. Man brauche in Anlehnung an Frankreich die Festlegung auf einen maximalen Bestand von 500 "Individuen" in Deutschland, heißt es in einem Papier, das die Unionspolitiker in Stuttgart beschlossen haben.

In Brandenburg liefen Wölfe bereits durch die Gärten und näherten sich Grundschulen, sagte der umweltpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Brandenburg, Dieter Dombrowski. Er wolle nicht in die Verantwortung gestellt werden, wenn Menschen zu Schaden kämen. In der Resolution fordern die Unionspolitiker auch die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht und den Abschuss auffälliger Tiere bereits bei "ernsten" Schäden.

Wolf darf in EU nicht gejagt werden

Laut dem sogenannten Wolfsmonitoring für 2017/2018 der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) wurden 73 Rudel, 30 Wolfspaare und einige Einzelwölfe in Deutschland nachgewiesen. Eine Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Wölfe lässt sich laut dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) nur als grobe Schätzung bestimmen, da die Rudelgröße zwischen drei und elf Tieren liege. Der Deutsche Jagdverband schätzt, dass es bundesweit mittlerweile mehr als 1000 Tiere gibt.

Der Wolf ist in der EU streng geschützt und darf nicht gejagt werden. Nur Wölfe, die mehrfach Zäune überwinden und großen Schaden anrichten, indem sie zum Beispiel Schafe töten, dürfen bislang abgeschossen werden. Die Bundesregierung streitet derzeit über den Umgang mit den Tieren.

Quelle: n-tv.de, joh/dpa/AFP

Mehr zum Thema