Politik
Völlig erschöpfte Polizisten sitzen nach einem Einsatz nahe der Hamburger Landungsbrücken zusammen.
Völlig erschöpfte Polizisten sitzen nach einem Einsatz nahe der Hamburger Landungsbrücken zusammen.(Foto: dpa)
Dienstag, 11. Juli 2017

Polizisten über G20-Einsatz: "Man hat nur noch funktioniert"

Trotz massiver Polizeipräsenz eskaliert während des G20-Gipfels die Gewalt: Autonome Gewalttäter attackieren die Beamten mit Eisenstangen, Pflastersteinen, Flaschen - und verletzten um die 500 Einsatzkräfte. Erlebnisse, die vielen auch emotional zusetzen.

Die Strapazen des G20-Gipfels sind Stephan Schließer deutlich anzusehen. Einen Tag nach seinem Dauereinsatz in Hamburg wirkt der Polizist aus Baden-Württemberg im Gespräch erschöpft. Mit seiner Hundertschaft war er fast pausenlos von Donnerstag bis Sonntag im Einsatz. "Wir hatten nur fünf Stunden Schlaf", erinnert sich Schließer*. Beim Gipfeltreffen in Hamburg wurden die Sicherheitsbehörden von der Brutalität der Proteste überrascht. Nun gibt es kritische Fragen zur Polizeitaktik und zur Sicherheitsstrategie - sie kommen teils aus den eigenen Reihen.

"Ich hatte zwar mit Gewaltexzessen gerechnet, aber meine Erwartungen wurden übertroffen", erzählt der Polizist mit mehrjähriger Berufserfahrung. Gemeinsam mit rund 250 Kräften der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) Baden-Württemberg war er für die Sicherheit im Hamburger Schanzenviertel mit verantwortlich. Dort und in angrenzenden Bezirken wurden Autos in Brand gesteckt, Scheiben eingeschlagen, Geschäfte geplündert. Immer wieder wurden Polizisten zum Ziel von fliegenden Steinen und Flaschen. "Da hat man trotz guter Ausstattung auf jeden Fall Angst", erklärt Schließer.

Insgesamt wurden um die 500 Beamte verletzt - 73 davon aus Baden-Württemberg. Der wenige Schlaf habe zudem für massive Konzentrationsprobleme gesorgt - vor allem in der letzten Einsatznacht, wie Schließer berichtet. "Man hat irgendwie nur noch funktioniert." Er habe versucht, viel Wasser zu trinken. Das habe aber nicht geholfen. Zwar nahm der Polizist Funksprüche wahr, verstand das Gesagte aber nicht mehr. Die körperlichen Belastungen attestiert auch der Leiter des Unterstützungskommandos der Bereitschaftspolizei Dachau, Bernd Bürger. "Das Denken fällt nach einer Weile wirklich schwerer", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Schichtbetrieb funktionierte nicht

Den Schlafmangel führt Schließer maßgeblich auf einen gescheiterten Schichtbetrieb zurück. Bereits am Donnerstagabend mussten ihm zufolge Beamte viel früher als geplant ihren Dienst antreten, weil die Gewaltexzesse unterschätzt worden waren. "Da war klar, dass das Konzept nicht mehr funktionieren kann." Mehr Einsatzkräfte auf der Straße wären wünschenswert gewesen, beklagt der Polizist. Auch die Bürokratie bei Festnahmen empfand er als stark zeitraubend. Ihm zufolge hätten zudem spezielle Waffen gefehlt, um Angreifer aus größerer Distanz etwa mit Tränengas ruhig zu stellen.

Die Polizei in Hamburg äußerte sich bislang "aufgrund der Komplexität der Angelegenheit" nicht zu der laut gewordenen Kritik. Die Gewaltausbrüche gegen Polizisten haben aber auch dem Leiter der Einsatzhundertschaft Mannheim, Martin Scheel, stark zugesetzt. "Wir wissen sehr gut, dass in jeder Uniform ein Mensch steckt", sagt er in der SWR-"Landesschau". Die Gewalt löse ein beklemmendes Gefühl aus.

Kritik an Gipfelstandort in Hamburg

Ein anderer Polizist erinnert sich in den "Stuttgarter Nachrichten" an seinen Einsatz beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007. Zwar könne man die Aggressivität miteinander vergleichen. Jedoch war alles "auf einen Tag konzentriert" und "nicht mitten in der Stadt", sagt der Mann, der anonym bleiben möchte.

Die aufgekommene Kritik an der Wahl Hamburgs als Austragungsort kann Polizist Schließer nachvollziehen. "Ich kann nicht verstehen, dass man den G20 in einer Stadt stattfinden lässt, die berüchtigt für ihre militante linke Szene ist." Bis Ende der Woche hat Schließer nun frei. Auf eine mögliche Einladung in die Elbphilharmonie und Sonderurlaub freut sich der Polizist bereits jetzt: "Das ist eine schöne Geste der Wertschätzung." Nächsten Montag muss er wieder antreten - bis dahin wird er noch viel Schlaf nachholen.

*Name geändert

Quelle: n-tv.de

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