Politik
Die Grillini sind pragmatisch veranlagt, frei von jeglicher Ideologie, sagt Piero Ignazi. Im Bild: Beppe Grillo, Gründer und Chef der Bewegung.
Die Grillini sind pragmatisch veranlagt, frei von jeglicher Ideologie, sagt Piero Ignazi. Im Bild: Beppe Grillo, Gründer und Chef der Bewegung.(Foto: imago/Independent Photo Agency)
Freitag, 14. April 2017

Erst Berlusconi, jetzt Grillo: Was ist los mit den Italienern?

Nichts scheint der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung (Movimento 5 Stelle, M5S) Stimmen und Sympathien zu kosten: weder die unter Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi von Pannen geprägte Verwaltung der Hauptstadt noch Beppe Grillos despotisches Durchgreifen, wenn ihm ein Beschluss nicht passt. Im Gegenteil: Die jüngste Umfrage von Ende März sieht die M5S mit 32,3 Prozent sogar noch vor den Sozialdemokraten, und zwar um ganze 5 Punkte. "Das hört sich wahrscheinlich skurril an", sagt Piero Ignazi, Politikwissenschaftler an der Universität von Bologna, im Interview mit n-tv.de. "Aber immer mehr Italienern erscheint die Fünf-Sterne-Bewegung als einzig wirkliche Alternative zum Status quo."

n-tv.de: Was erwarten sich die Wähler konkret von der M5S?

Piero Ignazi: Alles und sofort. Das hört sich verrückt an, ich weiß. Aber die letzten zwanzig Jahre waren von einer grassierenden Verantwortungslosigkeit geprägt, die wir Silvio Berlusconi verdanken. Unter seiner Regierung wurden die Probleme umgangen, nicht angepackt.

Was unterscheidet eigentlich Berlusconi von Grillo?

Na ja, Berlusconi ist in die Politik eingestiegen, um seine geschäftlichen Interessen zu verteidigen. Grillos Bewegung war ursprünglich rein links-ökologisch.

Umweltthemen stehen aber schon lange nicht mehr auf der Prioritätenliste der Bewegung, um die sich nicht mehr nur ehemalige Links-, sondern jetzt auch Rechts-Wähler scharen.

Stimmt, aber man ändert sich, und ohne diesen Schwenk zum Systemkritiker hätte es die Bewegung nie über die zwei bis drei Prozent geschafft.

Egal, was Berlusconi während seiner Regierungsjahre anstellte, die Mehrheit der Italiener stand ohne Wenn und Aber hinter ihm. Dasselbe blinde Vertrauen scheint jetzt Grillo zu genießen. Wie kommt das?

Das hat mit der politischen Kultur hierzulande zu tun. Das politische Panorama wurde seit der Nachkriegszeit und bis hinein in die 1990er Jahre von zwei Kirchen bestimmt: der katholischen und der kommunistischen. Man glaubte entweder der einen oder der anderen Kirche, und zwar blindlings. Mussolinis Motto "credere, obbedire, combattere" – glauben, gehorchen, kämpfen – hallte noch lange nach.

Bedeutet das auch, dass die Italiener einem gewissen Grad an Despotismus nicht abgeneigt sind?

Nein. Der Frust gegenüber der Politik sitzt aber inzwischen so tief, dass offenbar immer mehr für eine radikale Lösung zu gewinnen sind. Einer Langzeitstudie zufolge, durchgeführt vom Triester Forschungsinstituts SWG, waren Anfang der 1990er Jahre 75 Prozent der Befragten für tiefgreifende Strukturreformen und nur 15 Prozent für eine revolutionäre Lösung. Mittlerweile ist die Mehrheit für die drastische Lösung.

Deswegen wählen sie die Populisten der M5S Bewegung?

Es ist falsch, diese Bewegung als populistisch zu bezeichnen. Natürlich weist sie populistische Merkmale auf: Grillos dominante Rolle und die Frontenaufteilung in "wir" und "die". Trotzdem bleibt der Unterschied zu den Populisten markant. Zum einen ist für die M5S das Gesetz der leitende Maßstab, während sich bei den Populisten der Vorsitzende eventuell auch über das Gesetz stellen kann. Der zweite grundlegende Unterschied liegt darin, dass sich die Fünf-Sterne-Bewegung nie auf das Volk und die Nation bezieht, wie zum Beispiel der französische Front National, sondern auf den einzelnen Bürger. Was auf einem liberalen Prinzip fußt.

Sind das nicht intellektuelle Spitzfindigkeiten?

Mag sein. Sagen wir so: Das Programm ist im Moment eher zweitrangig. Im Vordergrund steht die Notwendigkeit "tabula rasa" zu machen, die Elite nach Hause zu schicken. Immerhin war es das Versprechen des ehemaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi, die alte Riege zu "verschrotten". Das brachte ihm den Konsens, nicht sein Reformprogramm.

Aber wollen die Grillini überhaupt regieren?

Ja, auf jeden Fall. Und man sollte sich von ihren oft auch stürmischen Auftritten im Parlament nicht täuschen lassen. Die Abgeordneten sind ja alle sehr jung, und eine gewisse Radikalität gehört zu deren Alter.

Gesetzt den Fall, die Bewegung gewinnt bei den nächsten Parlamentswahlen, braucht aber zum Regieren einen Partner: Wer könnte das sein?

Die Grillini sind pragmatisch veranlagt, frei von jeglicher Ideologie. Es würde also nur von den Umständen abhängen. Und wenn ich eine eher phantastische Prognose wagen darf, dann würde ich sagen, dass wir wieder bei einem Zwei-Lager-System landen werden: auf der einen Seite die Sozialdemokraten und Berlusconis Forza Italia, auf der anderen die Radikalen, also M5S, Lega Nord und die Rechte.

Mit Piero Ignazi sprach Andrea Affaticati

Quelle: n-tv.de

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