Wirtschaft
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Montag, 24. April 2017

Elektrisch - und alles ist gut: Mit Vollgas in die Kutschenzeit?

Von Helmut Becker

Nicht erst seit dem VW-Abgasskandal steht das Auto in der Kritik. Staus, Umwelt- und Gesundheitsprobleme sind Wegbegleiter seit Langem. Liegt in der Vergangenheit auch die Lösung des Problems?

Klagen über Staus, Umweltprobleme und Gesundheitsschäden, die der mobile Verkehr so mit sich bringt, sind nicht neu. Es hat sie immer gegeben. Sogar schon im alten Rom, wo Pferdekarren die engen Straßen verstopften.

In der Neuzeit begann der Ärger 1835. Da setzte die "Königlich privilegierte Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft" unter den Schwingen der ersten mit Dampf betriebenen Lokomotive "Adler" in Deutschland erstmals einen Eisenbahnzug von Nürnberg nach Fürth in Gang. Die fortschrittliche englische Industrie stand dabei Pate.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Damals glaubten ängstliche Zeitgenossen allen Ernstes, die "hohe" Geschwindigkeit des neuartigen Verkehrsvehikels wäre dem weiblichen Organismus unzuträglich und verursache Ohnmachtsanfälle und Fehlgeburten. Oder die Kühe auf der Weide, an denen der Zug auf seiner Fahrt vorbeidampfte, würde aus Schreck über das lärmende und stinkende Ungetüm keine Milch mehr geben.

Erst die Verstädterung, ...

Vor 150 Jahren war dann der Pferdemist das große Umweltproblem. Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in den USA und Europa aufgrund der fortschreitenden Industrialisierung und großer Fortschritte in der Medizin rasch an. Damit kam es zu einem gewaltigen Zuzug in die Städte, deren Infrastruktur dem zunehmenden Verkehrsaufkommen nicht mehr gewachsen war. Denn der innerstädtische Nah-Transportverkehr wurde zu 95 Prozent mit Pferdefuhrwerken durchgeführt, der öffentliche Personennahverkehr mit Pferdebahnen und die wohlhabenden Schichten bedienten sich eigener Pferdekutschen.

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Das Ergebnis war abzusehen - und ähnelte fatal der Entwicklung, wie sie dem Automobil als Transportmittel in der heutigen Zeit beschieden ist: Pferdemist wurde um die Jahrhundertwende zum großen Verkehrs- und Umweltproblem. Die "Times" sagte 1894 voraus, dass die Straßen Londons bis 1950 mit der drei Meter hohen Mistschicht bedeckt wären. Für New York errechnete ein Kolumnist, dass Pferdeäpfel dann bis zum dritten Stock der neuen Wolkenkratzer reichen würden.

... dann der Pferdemist

Damals stellten die Pferde und ihre Hinterlassenschaften ein hohes Gesundheitsrisiko dar. Fliegen und anderes Ungeziefer ließen sich die Pferdeäpfel wohl schmecken und verbreiteten viele Krankheiten wie Typhus und Ähnliches. Um 1900 wurden allein 20.000 Todesfälle ursächlich mit dem Pferdemist in Verbindung gebracht.

Mit dem Aufkommen des Automobils, das sehr schnell für den Transport- Bereich entdeckt wurde, verschwand das Pferdemistproblem innerhalb weniger Jahre. Das Automobil wurde zur Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Doch gerade der Siegeszug des Automobils schuf nach 125 Jahren neue Probleme: An die Stelle von Pferdemist traten gesundheitsschädliche Autoabgase.

CO2, NOX und Feinstaub

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Die Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, insbesondere Dieselfahrzeuge, wurden aufgrund ihrer Schadstoffemissionen (CO2, NOX und Feinstaub) in den Innenstädten als gesundheitsgefährdend an den Pranger gestellt. Alle Versuche der Behörden, das innerstädtische Verkehrs- und Schadstoffaufkommen administrativ zu vermindern, scheiterten kläglich. Weder Dauer-Staus in den Innenstädten noch City-Maut – in London zahlen Autobesitzer 13,50 Euro pro Tag, wenn sie in die Innenstadt wollen - und Ähnliches haben die Attraktivität des Automobils bislang schmälern können.    

Früher verstopften Pferdekutschen die engen Straßen der Innenstadt, heute sind es Autos, Busse, Lieferwagen. Vor allem die Anzahl der Lieferwagen nimmt rasant zu, weil im Internet einkaufen immer beliebter wird und die Stadtbewohner sich ihre Bestellungen zunehmend im Büro zustellen lassen, weil daheim im Vorort tagsüber niemand zu Hause ist. Auch der Siegeszug von Uber und Co vergrößert die innerstädtischen Verkehrsprobleme. Folge: Die Staus nehmen weiter zu. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von Fahrzeugen etwa in der Londoner Innenstadt beträgt nur noch 13 Kilometer pro Stunde, ähnlich wie in der Pferdekutschenzeit. 

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Absolute Fahrverbote für bestimmte Fahrzeugkategorien (zum Beispiel ältere Dieselfahrzeuge) oder drohende hohe Strafen bei Grenzwertüberschreitungen sind in der Diskussion, nach Vorschlag der Grünen in Baden-Württemberg ab 2030. Das heißt Beschränkungen der Konsumentensouveränität durch den Staat mit dirigistischen Eingriffen. Ludwig Erhard, hilf!

Das Auto durch das Auto ersetzen

Was ist die Lösung des Problems? Um die Jahrhundertwende war die Lösung des Pferdemistproblems die Erfindung des Automobils, das heißt Substitution des einen Verkehrsträgers durch einen völlig anderen. Aber nicht, weil der Staat die Pferdekutsche verboten hat, sondern weil das Automobil die bessere Alternative zur Erfüllung der Mobilitätsbedürfnisse bot. Wichtig: Die Kunden sind damals freiwillig umgestiegen von der Pferdetram oder Kutsche ins Automobil, nicht, weil der Staat den Kauf von Autos subventioniert hätte.

Eine solche Alternative zum Automobil als individuellem Transportmittel ist heute nicht in Sicht. Also bleibt als Alternative nur, der Ersatz des Autos durch das Auto selber, sprich der Ersatz des "schmutzigen" Antriebs durch einen "sauberen". Heißt nichts anderes als: Weg vom Verbrennungsmotor mit mineralischem Treibstoff, hin zum Antrieb mit künstlichem Treibstoff oder zum Elektroantrieb in allen Variationen.

Das kann der Gesetzgeber aus Gründen des Gemeinwohls und der Volksgesundheit durch Ge- und Verbote vorschreiben, nicht aber das generellen Verbot der Nutzung bereits vorhandener Automobile, etwa mit Dieselantrieb. Das wäre kalte Enteignung. Dazu ein Fachmann: "Kunden müssen E-Autos kaufen wollen, weil sie wollen, nicht weil sie müssen – weil Verbrenner verboten sind!" Dieter Zetsche sollte es wissen.  

Wichtig ist, dass der Staat bei Zugangsbeschränkungen und Verboten bestimmter Verbrennungsmotoren den Autonutzern ausreichende Reaktionszeiten einräumt, die mindestens einen Modellzyklus dauern. In dieser Zeit wird sowohl die Automobilindustrie nicht nur saubere, sondern vor allem mit den Verbrennern konkurrenzfähige Autos anbieten, so wie auch die Kunden diese freiwillig kaufen, weil sie attraktiver sind. Merke: Das Bessere ist der Feind des Guten!

Quelle: n-tv.de

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