Zum Preis einer ImmobilieBovensiepen Zagato statt Alpina ist auch nicht so schlecht
Von Patrick Broich, Salzburg
Aus Buchloe rollen künftig eben keine neuen Alpina mehr, sondern Bovensiepen. Als erster Kandidat ist der Zagato auf M4-Cabrio-Basis an der Reihe. Und den haben Designer wie Techniker ordentlich angefasst. ntv.de war erstmals mit ihm unterwegs.
Hier am Salzburgring passiert heute das, worauf etliche Auto-Enthusiasten lange gewartet haben: Der letztes Jahr in Como am Vorabend des FuoriConcorso präsentierte Bovensiepen Zagato darf endlich dynamisch erlebt werden. Die Bovensiepens können es nicht lassen. Jetzt, da Alpina in der alten Form Geschichte ist, müssen neue "exklusive Automobile" her.
Und der erste auf dem BMW M4 Cabrio basierende Gran Turismo ist ganz schön exklusiv - 99 Exemplare sollen gebaut werden, danach ist Schluss. Preis? Schlappe 370.000 Euro. Und da ist noch keine einzige Sonderausstattung gewählt. Gut, jetzt kann man sagen, dieser spezielle Zagato selbst ist schon die Sonderausstattung. Immerhin fließen 250 Arbeitsstunden in jedes Exemplar; in dieser Zeit fügen viele Techniker 400 Präzisionsteile zusammen, wie man auf der neuen Firmenwebsite lernen kann.
Zur ersten Fahrvorstellung sind nicht nur Produktexperten gereist, sondern auch Zagato ist zugegen. Ohne das Traditionslabel hätte diese Kreation so schließlich nicht entstehen können. Und zwar wird das Designstudio durch den Chefkreativen Norihiko Harada vertreten. Geduldig erklärt er, was passieren musste, um einen charakteristischen Gran Turismo zu schaffen, der nur noch wenig mit der Basis zu tun hat.
Vor allem die prägnant gezeichnete C-Säule ist so typisch Zagato, gibt dem Zweitürer seine unverwechselbare Handschrift und erinnert stark an die modernen Aston Martin mit Zagato-Sonderkarosserie. Und dann wäre da noch das exzentrisch-skulptural inszenierte Dach im Double-Bubble-Style - eigentlich das schönste Element dieses Coupés, dessen Carbon-Außenhaut nichts mehr mit dem ursprünglich gebauten Exemplar zu tun hat. Und dank spezieller Front ohne BMW-Niere emanzipiert es sich klar von der Spendermarke. Da steht am Ende ein großes Reisetool von stattlichen 4,94 Metern Außenlänge.
Lavalina ist wieder dabei
Und innen? Verbergen sich mit edlem Lavalina-Leder verfeinerte Fauteuils - eine Bezeichnung mit Registered-Trademark-Symbol und bürgend für besonders geschmeidige Rindshaut.
Doch was ist dieser Zagato eigentlich? Ein Tracktool oder ein Reisecoupé? Zumindest soll er auch auf dem Kurs glänzen können, sonst hätte man womöglich ja auch einen schweren Achtzylinder unter die muskulös gezeichnete Motorhaube gepackt. Nein, zu kopflastig dann. Es ist also der S58-M-Motor mit drei Litern Hubraum geworden. Allerdings leistet der Reihensechszylinder schon ein paar Pferdchen mehr als in der Basisversion. Ganze 611 sind es im Bovensiepen, also noch einmal 61 on top im Vergleich beispielsweise zu einem originalen M4 CSL.
Das Team aus Buchloe verbaut jedenfalls eine Akrapovic-Abgasanlage mit Titan-Endrohren. Diese soll weniger Gegendruck erzeugen und wiegt nur 22 Kilogramm. Eine geänderte Ansaugung sowie modifizierte Turbos tun ihr Übriges. Richtig leicht ist der Zagato mit rund zwei Tonnen Leermasse dennoch nicht.
Jetzt aber genug der Theorie und ab auf den Asphalt. Jedoch nicht auf die öffentliche Straße, sondern Andreas Bovensiepen zieht den Salzburgring vor für erste Demofahrten. Warum auch nicht, der gut vier Kilometer lange Kurs bietet genug Auslauf, um den Zagato richtig auf Trab zu bringen. Er benötigt ja auch lediglich 3,3 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h, sofern man dem Werk glaubt. Wenn der Instruktor auf der 750 Meter langen Zielgeraden indes richtig aufdreht, erreicht das feurige Biest locker 250 Sachen.
Eigentlich ein bisschen schade, denn es kann ja mehr - knapp über 300 km/h sind locker drin, aber dafür reicht der Anlauf hier nicht. Macht nichts, die Kombination aus Anbremsen und Feuern bringt viel mehr Freude mit sich. Vor allem, wenn der edle Allradler nach dem präzisen Verzögern mit der unerbittlichen Kraft von 700 Newtonmetern wieder anschiebt. Und dabei klingt er auch mal zornig, erst recht nahe der Enddrehzahl.
Maßgeschneiderte Bilstein-Dämpfer bieten einen Kompromiss aus sportlicher Straffheit und genügend Restkomfort. Der Bayer ist keineswegs brutal hart. Er liegt wirklich gut in der Hand, ist harmonisch und umrundet Kehren mit einer frappierenden Mühelosigkeit. Bleibt die Frage, ob er auch im Alltag hinreichend kommod ist, um lange Strecken abzuspulen, da es doch die Stellung "Komfort Plus" nicht mehr gibt unter den Fahrmodi, "Sport Plus" hingegen sehr wohl.
Bis die ersten Fahrzeuge auch mal auf der Straße probiert werden dürfen, kann man sich die Zeit mit dem "Configurator" auf der Website vertreiben. Dort sind zumindest schon mal 19 Grundlackierungen in den buntesten Farben zu finden. Hinzu kommt ein Schmiederad in drei unterschiedlichen Tönen, darunter auch "Oro Tecnico", das Kunden des Hauses bereits von den letzten Alpina-GT-Editionen kannten.
Interessant ist auch, dass sich unter den Sonderausstattungen ein Lenkrad mit dünnem Kranz findet. Ein häufiger Kritikpunkt von Kunden, die das betont dick konstruierte BMW-Lenkrad als wenig griffsympathisch empfinden.
In der Praxis dürften die meisten Bovensiepen Zagato übrigens wohl eher auf der schnellen Piste im öffentlichen Straßenverkehr zum Einsatz kommen als auf dem abgesperrten Track. Oft wird man ihn angesichts der Stückzahlen wohl dennoch nicht antreffen. Und falls doch, ist das ein Grund, kurz innezuhalten und den Anblick des Double-Bubble-Dachs zu genießen. Die Front wird man aus den meisten anderen Autos heraus ohnehin kaum erwischen.