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Begehrter Chromkreuzer Die unvergängliche Eleganz des 220 SE

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Schon zu Lebzeiten ein Klassiker: Mercedes-Benz 220 SEb Coupé (Baureihen W 111/W 112, 1961 bis 1971).

(Foto: Mercedes)

Die vornehmen Formen machten aus den Mercedes S-Klasse Coupés und Cabrios (W 111/112) in den 1960er Jahren zwei der kostbarsten automobilen Skulpturen. Heute zahlen Sammler das 40-fache des bereits damals extremen Neupreises. Noch dazu, wenn Carossiers Paul Bracq am Werk waren.

Sein Name ist nicht so bekannt wie Bertone oder Pininfarina, aber die Kreationen des französischen Carossiers Paul Bracq für die Marke mit dem Stern wirken auf viele Automobilfans ähnlich begehrenswert wie italienische Kunstwerke von Leonardo da Vinci. Tatsächlich verglichen euphorisierte Fachjournalisten vor 60 Jahren die neu vorgestellten Coupé- und Cabriolet-Versionen des Mercedes 220 SE (W 111) mit der vollendeten Schönheit der Mona Lisa. Hatte doch Nachwuchs-Designer Bracq alle barocken Elemente der Heckflossen-Limousine 220 SE eliminiert und diesen viertürigen Chromkreuzer der späten 1950er in einen Zweitürer unvergänglicher Eleganz verwandelt.

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Das Mercedes-Benz 220 SEb Coupé (Baureihen W 111/W 112, 1961 bis 1971) orientierte sich an den Heckflossen-Limousinen.

(Foto: Mercedes)

Für immer jung: Die später auch als 250 SE, 280 SE, 300 SE und mit V8-Power verfügbaren Prestige-Coupés und Cabriolets waren so skulptural, dass sie zehn Jahre Bauzeit optisch fast unverändert überstanden und sogar den 1965 erfolgten Modellwechsel der S-Klasse-Limousinen überlebten. Es waren aber auch ingeniöse technische Revolutionen wie die patentierte Sicherheitskarosserie mit definierten Knautschzonen und der beim Coupé trotzdem mögliche filigrane Hardtop-Dachaufbau mit voll versenkbaren Seitenscheiben, mit denen die zweitürige S-Klasse die Herzen der betuchten Damen und der anspruchsvollen Herrenfahrer gewann. Während Wettbewerber wie BMW 3200 CS, Glas V8 oder Opel Diplomat Coupé nur auf dreistellige Stückzahlen kamen, verkaufte Mercedes fast 36.000 Einheiten der exorbitant teuren SE-Serie.

Teurer als der Benz von Adenauer

Sogar noch kostspieliger als der Mercedes 300d von Bundeskanzler Konrad Adenauer war das 1962 eingeführte Topmodell-Tandem aus 300 SE Coupé und Cabriolet (W 112), das im Gegensatz zum Vorgänger nicht mehr in Handarbeit, sondern ebenso wie alle anderen W 111/112 Zweitürer auf dem Fließband parallel zur S-Klasse-Limousine gefertigt wurde. Tatsächlich begann die Preisliste für das 300 SE Cabriolet bei 34.750 Mark, das entsprach den Baukosten für ein Einfamilienhaus oder für neun VW Käfer.

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Gardemaß: Der Kofferraum des Mercedes-Benz 220 SEb Coupés (Baureihen W 111/W 112, 1961 bis 1971) fasst Gepäck für die große Reise.

(Foto: Mercedes)

Selbst der Basistyp 220 SE Coupé schlug noch mit mindestens 23.500 Mark zu Buche, aber die Ära des Wirtschaftswunders hatte offenbar so viele Millionäre hervorgebracht, dass die Nachfrage auch die Erwartungen von Mercedes übertraf. Jahrelange Lieferzeiten für die Meisterwerke des Formenkünstlers Bracq waren die Folge und wurden sogar von sonst so ungeduldigen amerikanischen Kunden akzeptiert. Vielleicht ahnten die Sternenjünger, dass sich die Geduld für ihr neues Statussymbol, das anders als ein Cadillac Convertible oder die S-Klasse Limousine nicht von der Stange kam, auszahlen sollte.

Trotz V8 keine Sportlerseele

Zunächst einmal ließ es sich mit den mondänen SE Coupés und Cabriolets auf Fifth Avenue, Kurfürstendamm oder der Croisette in Cannes viel prächtiger promenieren als mit der konventionellen, viertürigen S-Klasse. Diese Grandezza bewahrten sich die 4,88 Meter langen Zweitürer bis ans Ende ihrer Bauzeit im Jahr 1971, allein die zum Modelljahr 1969 niedrigere und breitere Kühlermaske verriet die letzten Jahrgänge, die nun auch mit einem adäquaten 200 PS starken 3,5-Liter-V8 bestellbar waren.

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1971 endet die Produktion der Sechszylinder-Coupés und -Cabriolets und im Juli die der V8-Varianten

(Foto: Mercedes)

Eine echte Sportlerseele im Aristokraten enthüllten diese immerhin 210 km/h flotten 280 SE 3.5 zwar nicht, aber für den Connaisseur bekam die Baureihe W 111/W 112 nun endlich die standesgemäße Zahl an Zylindern. Bis heute erzielen Cabriolets mit laufruhigem V8 die höchsten Notierungen in Sammlerkreisen: Einzelne Exemplare im perfekten Zustand bewegen sich bereits in Sphären, die fast das 40-fache des einstigen Listenpreises betragen. Eine gute Geldanlage, für kriminelle Fälscher allerdings Anlass, Mercedes Coupés nachträglich zu Cabrios zu transformieren - Aktionen, die an den illegalen Kunsthandel mit Kopien alter Meister erinnern.

Ein Museum war auch der Ort, an dem Mercedes am 24. Februar 1961 das 220 SE Coupé als Vorboten eines neuen Denkens im Design erstmals vorstellte. Zum Jubiläum "75 Jahre Motorisierung des Verkehrs" durch den ersten Benz-Patentmotorwagen wurde in Stuttgart-Untertürkheim das Daimler-Benz-Werksmuseum eröffnet und das W 111 Coupé zeigte, wohin die Reise des Automobils führen sollte: In ein Jahrzehnt, das die wuchtigen und schwülstigen Formen der 1950er schlagartig altbacken aussehen ließ und stattdessen der Lust auf klare und kühle Linien des Space Age frönte.

Charmante Zitate von Gestern

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Damals galt das Mercedes-Benz 280 SE Coupé als dynamisch und sicher.

(Foto: Mercedes)

Während Wettbewerber wie der von Bertone konturierte BMW 3200 CS dieses reduzierte Design konsequenter verkörperten, ließ der 220 SE durch große, umlaufende Panoramascheiben und angedeutete Heckflossen noch Verwandtschaft mit der schon 1959 vorgestellten Limousine spüren. Charmante Zitate aus einer vergangenen Dekade, die den Erfolg der W 111/112 Coupés und Cabrios zusätzlich beflügelten und Mercedes europaweit die Lufthoheit in diesem Luxussegment sicherten. So wie der zeitgleich debütierende Jaguar E-Type stilbildend für die Supersportwagen wurde, inspirierten die Sechszylinder-Typen 220 SE, 250 SE, 280 SE und 300 SE nun elitäre Verdeckträger und Hardtop-Coupés. Dazu trug auch das großzügige Platzangebot im Fond bei, denn die Bodengruppe hatten die Zweitürer von der Limousine adaptiert.

Ein Konzept, das Rolls-Royce und Bentley animierte, neue Two-Door-Saloons und Corniche mit ähnlich üppigem Raumangebot auszustatten. War es doch Mercedes mit den Modellen W 111/112 gelungen, Hochkaräter zu etablieren, die der britische und amerikanische Geld-Adel präferierte. Sogar bei Fiat dachten sie an die S-Klasse, als sie ihrer barock angehauchten Flaggschifflimousine Fiat 130 ein Coupé in klarer Pininfarina-Couture zur Seite stellten. Die Ersten unter den Besten sollte die zweitürigen Mercedes sein und dafür erfüllten sie die Doppelfunktion eines rollenden Salons und technischen Spektakulums.

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Das Mercedes-Benz 250 SE Coupé im Zweifarb-Look.

(Foto: Mercedes)

So verfügte der Toptyp 300 SE nicht nur über einen innovativen 3,0-Liter-Sechszylinder aus Leichtmetallguss, er ergänzte diese Delikatesse durch Scheibenbremsen an allen vier Rädern und ein nützliches Sperrdifferential. Hinzu kamen eine Servolenkung wie sie damals nur Luxusmobile boten sowie eine sensationelle Luftfederung. Cleveren Schaltkomfort anderer Art bot dagegen die von Mercedes selbst entwickelte Automatik, die auf eine hydraulische Kupplung statt eines Wandlers vertraute. Vor allem verfügte die Automatik über vier gut abgestufte Gänge während fast alle Wettbewerber lediglich konventionelle Drei- oder Zweigang-Automaten nutzten. Auch die damals für deutsche Hersteller neuen Features Klimaanlage und elektrische Fensterheber umfasste die Optionenliste der SE-Typen.

Optisch war der 300 SE kaum von den preiswerteren 220 SE bzw. dem 1965 lancierten 250 SE zu unterscheiden, ein Understatement-Vorteil, den besonders deutsche Käufer des Spitzenmodells goutierten, avancierten die 1960er doch hierzulande zu einer Dekade aufkommenden Sozialneids. Als die Produktion der S-Klasse-Coupés 1971 auslief, erhielten sie keinen direkten Nachfolger, denn 350 SL und SLC (R/C 107) spielten in einer anderen Liga. Für die W 111/112 Coupés und Cabriolets war es die Chance, direkt in den Olymp unsterblicher Klassiker aufzusteigen.

Quelle: ntv.de, Wolfram Nickel, sp-x

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