Wie stark werden die Chinesen?Europäisches Know-how boostet exotische Marken
Von Patrick Broich, Peking/Wuhu
Viele chinesische Autobauer sind in Deutschland nahezu unbekannt. Das ändert sich gerade rasant. Aber wie gut sind die Newcomer? Der neue Chery Tiggo V und QQ3 zeigen exemplarisch die Richtung. Jedoch steckt auch viel Europa in den neuen Fernost-Marken.
Wie ist das eigentlich genau mit den chinesischen Herstellern? Wie gut sind ihre Produkte, kann man ihnen trauen? Gerade für letztere Frage ist die Markenbindung eine wichtige Sache. Doch chinesische Hersteller sind alle noch recht jung und in westlichen Gefilden meist unbekannt. So wie beispielsweise der Chery-Konzern. Chery Automobile wurde 1997 in Wuhu gegründet. Wer sich die Modellpalette noch vor 10 oder 15 Jahre angeschaut hätte, hätte niemals gedacht, dass der Hersteller wenige Jahre später Produkte anbietet, die in Europa auf Interesse stoßen.
Inzwischen gehört Chery zu den chinesischen Herstellern mit der höchsten Exportrate - etwa die Hälfte der Produkte geht ins Ausland. Und überhaupt ist der Global Player mit deutlich über zwei Millionen jährlich gebauten Fahrzeugen und knapp 20 Marken kein kleiner Wicht mehr. Label wie Exlantix, Jaecoo oder Omoda wurden ausschließlich für Exportmärkte gegründet, auch wenn sie für deutsche Zungen teils schwierig auszusprechen sind. Aber auch die Mutter Chery schafft es längst, attraktive Produkte auf die Räder zu stellen. Die Gruppe hat sich einen festen Platz in den chinesischen Top Ten erarbeitet.
Ein gutes Beispiel für die Produktsubstanz ist der jüngst auf der Auto China enthüllte Chery Tiggo V. Es ist ein zwar nicht ganz für den hiesigen Geschmack, aber doch durchaus adrett-stylisch gezeichnetes Riesen-SUV mit Kraxel-Ambitionen. Der mit drei Sitzreihen ausgestattete 4x4 soll knapp 60 Prozent Steigung meistern und durch bis zu 0,7 Meter tiefes Wasser waten können. Für Vortrieb sorgen Plug-in-Hybrid- sowie reine Verbrenner-Konfigurationen. Ob der im fancy wirkenden Mattlack ausgestellte Offroader nach Deutschland kommt, ist derzeit ungewiss. Vorderasien könnte eher ein geeigneter Markt sein.
Wer sich fragt, wie es das junge chinesische Label schafft, in relativ kurzer Zeit gute Autos hervorzubringen - das geht natürlich mit der Schützenhilfe erfahrener europäischer Zulieferer. Bosch und Continental sind ebenso engagiert wie der kanadisch-österreichische Zulieferer-Riese Magna. Um die fahrbaren Untersätze auch noch schön zu verpacken, muss wohl-kuratierte Designkompetenz her. Schon 2018 verpflichtete Chery Porsche-Kreativkopf Kevin Rice. Aktuell verantwortet Steve Eum die Stilistik der Konzerns. Er war auch schon für General Motors tätig.
Chery will auch in Deutschland präsent sein
Darüber hinaus vernetzt sich der Hersteller aktuell auch über seine Standortauswahl global. Ein Entwicklungszentrum im hessischen Raunheim unterstreicht diesen Prozess ebenso wie Fertigungskapazitäten in Barcelona. Dort hat der Konzern kräftig in die ehemalige Nissan-Produktionsstätte investiert und diese inzwischen bezogen. Dass die Präsenz in Europa ausgebaut wird, ist kein Wunder. Schließlich etabliert Chery gerade verschiedene Produkte in europäischen Ländern. Das Exportmodell Jaecoo 7 ist ein Beispiel. In Deutschland startet er zwar gerade erst, aber in Polen, Spanien oder dem Vereinigten Königreich fahren bereits Tausende Exemplare herum.
Doch der Konzern hat noch mehr vor und möchte auch mit der Kernmarke Chery in Europa starten. So soll bereits 2027 der Kleinwagen QQ3 zu uns kommen. Für die Exportregionen heißt er dann nur noch Chery Q. Es handelt sich um einen - wie Chery selbst sagt - "retro-modernen" Familien-Crossover von 4,20 Metern Außenlänge. Eine kurze Sitzprobe zeigt: Der Innenraum mutet zwar ein bisschen generisch an - Leapmotor- und Nio-Modelle haben fast exakt die gleiche Display- und Mittelkonsolen-Landschaft. Aber Anmutung und Qualität stimmen fürs Erste. Der Teufel sitzt im Detail: Auffällig sind Kleinigkeiten, die jedoch als Indikator für eine solide Fertigung gewertet werden können. So verfügt der kleine Chery über qualitativ hochwertige elektrische Antriebselemente für den Kofferraumdeckel.
Ansonsten fallen die Spezifikationen segmenttypisch aus. Chery nennt zwei Batterievarianten mit knapp 43 oder wahlweise 52 kWh Kapazität. Die Motorleistung liegt bei für Elektroautoverhältnisse bodenständigen 122 PS. Und knapp 12 kWh Stromverbrauch pro 100 Kilometer versprechen einen Hauch von Effizienz. Bei der ersten Tuchfühlung ebenso notiert: Das Platzangebot fällt allrounderfähig aus. Mit einem Radstand von 2,70 Metern lässt sich auch in der zweiten Reihe ansehnlicher Raum schaffen. Features wie Einparkassistent und Surroundkamera runden das Produktangebot ab.
Inwieweit es die Chery-Gruppe auch noch mit anderen Fahrzeugen in Europa versucht, bleibt abzuwarten. An Marken mangelt es jedenfalls nicht angesichts von Positionen wie Ebro, Exlantix (Premium-Brand), der Geländewagen-Marke Jetour (startet bald in Polen) sowie Omoda. Auch wenn das für viele Autokäufer alles noch nach Büchern mit sieben Siegeln klingt - die Wettbewerbssituation für etablierte europäische Hersteller wird nicht einfacher. Zumal die chinesischen Marken auch noch preislich ziemlich attraktiv unterwegs sind.