"Haben vereinfacht und gereinigt"Genesis zeigt sein neues SUV-Flaggschiff GV90 - viel Luxus, viel Last

Mit dem GV90 steigt Genesis in die automobile Oberklasse auf. Das in der Top-Version knapp 3,5 Tonnen schwere Elektro-SUV hat reichlich Kraft, viel Platz für Passagiere und soll nächstes Jahr in Deutschland starten.
Euisun Chung hat sein Herz in San Francisco verloren. Das erzählt der Chef der Hyundai Motor Group gleich zu Beginn der Weltpremiere des Genesis GV90. Er habe einen Teil seiner jungen Jahre hier verbracht, sagt Chung und zählt schwärmerisch Cable Cars, Hügel und die Golden Gate Bridge auf. San Francisco steht wie wenige andere Städte für Aufbruch und Technologie.
Für Genesis soll ebenfalls ein neues Kapitel beginnen. Vor gut zehn Jahren als eigenständige Luxusmarke gestartet, wollen die Koreaner mit dem GV90 nun dort ankommen, wo Mercedes-Maybach, Range Rover oder Rolls-Royce zu Hause sind. Chung nennt das Elektro-SUV die vollständigste Verkörperung dessen, wofür Genesis stehen wolle: Design, Luxus, Sicherheit, künstliche Intelligenz und koreanisch geprägte Gastfreundschaft.
Inspiration: koreanische Mondvase
Schon die schiere Erscheinung des GV90 lässt wenig Zweifel am Anspruch. Das fast 5,30 Meter lange SUV steht breit und hoch auf der Bühne, trägt je nach Ausführung 22 oder sogar 24 Zoll große Räder und wirkt mit seinen glatten Flächen beinahe monolithisch. Ein extralanger Radstand, kurze Überhänge und ein mächtiger Kühlergrill sorgen für jene Präsenz, die Chefdesigner Luc Donckerwolke als Ausgangspunkt von Luxus bezeichnet. Als Inspiration nennt er die koreanische Mondvase, deren Schönheit nicht aus Ornamenten, sondern aus Reinheit, Balance und Zurückhaltung entstehe. "Wir haben vereinfacht, perfektioniert und gereinigt", fasst Donckerwolke den Gestaltungsprozess zusammen.
Ganz frei von Inszenierung ist das Ergebnis gleichwohl nicht. Beim GV90 setzt Genesis seine bekannte Zwei-Linien-Lichtsignatur erstmals in einer nahezu fugenlos in die Karosserie integrierten Ausführung um. Die beiden schmalen Lichtbänder ziehen sich über Front und Heck bis in die Flanken. Besonders raffiniert: Die per Lasergravur erzeugten Leuchtelemente wirken nicht wie nachträglich eingesetzte Bauteile, sondern wie ein Bestandteil der lackierten Karosserieflächen.
Besondere Inszenierung
Wie wörtlich Genesis den Anspruch an eine besondere Inszenierung nimmt, demonstriert die viersitzige Spitzenversion GV90 Neolun. Nähert sich ein Passagier dem Auto, öffnen sich die elektrisch betätigten Türen gegenläufig. Die vorderen Portale schwenken fast im 90-Grad-Winkel auf, die hinteren sind am Heck angeschlagen. Dazwischen fehlt die sonst sichtbare B-Säule, die sich in der Fondtür versteckt. So entsteht ein annähernd zwei Meter breiter Zugang zum Innenraum. Genesis nennt diesen Einstieg "Arch Gate". Beim Sesam-öffne-Dich-Modus fährt gleichzeitig unter dem Schweller ein Trittbrett aus, Licht strömt durch die unteren Türbereiche, Lautsprecher und Bedienelemente erwachen zum Leben.
Die nach hinten öffnende Fondtür fällt allerdings auch durch ihre enorme Stärke auf. Sie wirkt so massiv, dass man unwillkürlich an ein gepanzertes Fahrzeug denkt. Leicht dürfte die aufwendige Konstruktion jedenfalls nicht sein. Genesis bezeichnet die unabhängig voneinander elektrisch bewegten Coach Doors mit verdeckten B-Säulen als Weltneuheit.
Neben der Neolun-Ausführung wird es den GV90 auch mit konventionell angeschlagenen Türen geben. Weil die spezielle Scharniertechnik viel Platz benötigt, geht der Neolun oberhalb der Hinterräder etwas in die Breite. Erkennbar ist das an einer ausgeprägteren Schulter unterhalb vom hinteren Seitenfenster, die es beim GV90 mit konventionellen Türen nicht gibt.
Im Innenraum setzt sich die Mischung aus Reduktion und großer Geste fort. Im normalen Fahrbetrieb zeigt sich das OLED-Display als 23,6 Zoll breites Band für Instrumente, Navigation und Medien. Im Stand fährt es auf Knopfdruck um 90 Millimeter nach oben und wächst zu einem 24,6 Zoll großen Kinobildschirm. Fahrinformationen projiziert zusätzlich ein 25 Zoll großes Head-up-Display ins Sichtfeld.
Ein hübsches Detail ist der mittig platzierte Drehregler. Sein integriertes Display zeigt unter anderem Lautstärke oder Temperatur an, die sich jeweils durch Drehen einstellen lassen. Zudem dient das Bedienteil als Uhr mit wahlweise digitaler oder analoger Darstellung. Ein weiterer Showeffekt: Beim Schließen der Türen drehen beziehungsweise fahren der gläserne Controller, der Gangwahlhebel hinterm Lenkrad und die Hochtöner in Position.
Stoffeinsätze in den Türverkleidungen bringen eine noble und wohnliche Note in das von Bildschirmen und aufwendiger Mechanik geprägte Ambiente. Zwischen den hinteren Einzelsitzen erhebt sich eine breite Mittelkonsole mit Touchscreen, über den sich Sitze einstellen und zahlreiche Komfortfunktionen aktivieren lassen. Ein ausziehbarer Klapptisch verwandelt den Platz im Fond in ein mobiles Büro, eine Kühlbox hält Getränke bereit. Echtes Holz und eine Bodenheizung unterstreichen den feinen Luxusanspruch.
Riesiges Glasdach
Über den Köpfen spannt sich ein riesiges Glasdach. Eine Flüssigkristallfolie erlaubt es, seine Transparenz per Touchscreen in sechs Zonen unabhängig voneinander zu regeln. Das Dach lässt sich damit abschnittsweise transparent oder milchig und weitgehend undurchsichtig schalten. Drehbare Vordersitze und das große OLED-Kinodisplay im Armaturenbrett machen den GV90 endgültig zum Wohnzimmer auf Rädern.
Allerdings fordert die kompromisslose Lounge-Auslegung Zugeständnisse. In der viersitzigen Neolun-Konfiguration ist der Gepäckraum durch eine massive Trennwand mit Scheibe vollständig vom Passagierabteil separiert. Das hält Geräusche aus dem rollenden Wohnzimmer fern, begrenzt aber den Nutzwert. Der Kofferraum fällt vergleichsweise kompakt aus und lässt sich mangels umklappbarer Rücksitze nicht erweitern. Variabilität bietet die Neolun-Version praktisch nicht. Als klassisches Familienauto taugt sie daher nur bedingt. Sie ist eher eine repräsentative Chauffeurslimousine im SUV-Format. Der schlichtere Siebensitzer mit konventionellen Türen bietet deutlich mehr Alltagstauglichkeit.
Technische Basis ist die neu entwickelte eMP-Plattform. Sie ist auf große, leistungsstarke Elektroautos zugeschnitten und dürfte künftig auch weiteren Modellen als Basis dienen. Für den Fahrkomfort sorgen eine Mehrkammer-Luftfederung und eine Allradlenkung, die den großen Wagen bei niedrigen Geschwindigkeiten handlicher und bei hohem Tempo stabiler machen soll. Elektronisch geregelte Sperrdifferenziale an Vorder- und Hinterachse verteilen die Antriebskraft je nach Fahrsituation zwischen den Rädern. Zum Sicherheitskonzept gehören zwölf Airbags, darunter ein neuartiger Dachairbag. Mehr als fünf Millimeter starkes Akustikglas an sämtlichen Scheiben soll Außengeräusche vom Innenraum fernhalten.
Auch beim Antrieb große Dimensionen
Auch beim Antrieb operiert der GV90 in großen Dimensionen. Je ein Elektromotor an Vorder- und Hinterachse sorgt für Allradantrieb, zusammen stellt das Duo 490 kW/666 PS und 800 Newtonmeter bereit. Die Standardversion beschleunigt in 4,9 Sekunden auf Tempo 100, der schwerere Neolun benötigt 5,3 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt jeweils 240 km/h. Die Energie liefert ein Akku mit 123,5 kWh Kapazität, der Reichweiten von mehr als 500 Kilometern ermöglichen soll. Genesis spricht von einer Hochvoltarchitektur, deren Nennspannung bei 703 Volt liegt. An einer entsprechend leistungsfähigen Schnellladesäule lässt sich mit bis zu 350 kW der Ladestand in 22 Minuten von 10 auf 80 Prozent erhöhen.
Bemerkenswert ist vor allem das Gewicht. Bereits der Siebensitzer soll mindestens 3.030 Kilogramm wiegen, der viersitzige Neolun sogar 3460 Kilogramm. Drei Sitze weniger, aber rund 430 Kilogramm mehr: Portaltüren, Trennwand, Komfortsessel und weitere Extras sorgen für die Extrapfunde. Angesichts von fast dreieinhalb Tonnen und 240 km/h erscheint die Vierkolben-Bremsanlage zumindest erklärungsbedürftig. Vielleicht würden Sechskolben-Sättel für mehr Souveränität auch beim Tempoabbau sorgen. Und zu klären wäre angesichts von fast 3,5 Tonnen Gewicht auch noch die Frage der Fahrerlaubnis, sobald jemand außer dem Fahrer zusteigt.
2027 soll der GV90 auch nach Deutschland kommen. Preise nennt Genesis noch nicht, doch selbst die konventionelle Ausführung dürfte deutlich mehr als 100.000 Euro kosten. Für den Neolun ist mit einem entsprechend kräftigen Aufschlag zu rechnen. Große Verkaufszahlen erwartet man bei Genesis Deutschland nicht. Das Flaggschiff dürfte hierzulande ein seltener Anblick bleiben.