Auto

Auf Traumauto-Level angekommen Mit dem neuen Polestar 5 durch halb Europa

01.06.2026, 09:26 Uhr Patrick-portraetfotoVon Patrick Broich, Genf/Nizza
00:00 / 07:11
Polestar_5_FE_VO
Mit markanter Thorshammer-Grafik verbirgt auch der neue Polestar 5 seine skandinavische Herkunft nicht. (Foto: Polestar)

Es hat ein wenig gedauert, aber mit dem Polestar 5 ist die skandinavische Marke im Traumauto-Segment angekommen. Bestellen kann man die noble Sport-Limousine schon länger, jetzt durfte ntv.de sie erstmals fahren. Und es gibt mehrere Überraschungen.

Bevor es jetzt gleich gedanklich zum neuen Polestar 5 geht, sei eine Sache noch mal vorab betont: Polestar ist ein skandinavisches Label mit Leib und Seele und kein chinesisches. Ja, die Marke gehört dem Geely-Konzern zu 100 Prozent und unterhält Produktion in China, aber ebenso in den USA und demnächst auch in Europa. Das Design jedoch entsteht in Göteborg, und entwickelt wird dort auch. Wer wirklich denkt, Polestar mute chinesisch an, sollte zum Vergleich mal ein Produkt der Marke Zeekr unter die Lupe nehmen - insbesondere die Machart innen ist eine ganz andere.

Hier bietet sich eine praktische Überleitung zum Interieur des Polestar 5 an. So empfängt das kühle Nordlicht seine Passagiere mit reduziert gestalteten, aber gefühlt eher fauteuilartigen Nappaleder-Sportsitzen, von denen aus man auf die typischen Polestar-Displays schaut. Polestar 2 lässt grüßen, Familienzugehörigkeit ist hier also kein Fremdwort. Im Nobelgleiter gibt es aber noch dezente Holztäfelung, das weckt Erinnerungen an alte Zeiten und ist ein erfrischender Gegenpart zum Dauerbrenner in dieser Klasse namens Sichtcarbon.

Ehe jetzt gefahren wird, vielleicht noch ein kleines Vorwort dazu, wie Polestar sein Flaggschiff präsentiert. Gerade im Kontext mit der immer häufiger thematisierten Elektromobilität ist das nicht ganz unspannend. Denn während schon Tausende Menschen elektrisch durch Europa cruisen, fragen sich wieder andere, wie und wo man überhaupt laden soll.

Polestar_5_FE_HI
Auch beim Polestar 5 haben die Gestalter auf eine Heckscheibe verzichtet. (Foto: Polestar)

Um eindrucksvoll zu demonstrieren, wie das funktioniert, ist der Hersteller kurzerhand mit einem Tross von etlichen neuen Power-Viertürern und Dutzenden Exemplaren anderer Modellreihen als Supportfahrzeuge von Skandinavien aus in die Sahara gefahren. Natürlich in Etappen, und ntv.de durfte den rund 600 Kilometer langen Abschnitt von Genf bis nach Nizza bestreiten.

Nun, jetzt kann man frotzeln und schmunzeln, dass 600 Kilometer in einem Umfeld mit hervorragender Infrastruktur wirklich kein Problem darstellen, aber das ist ja gar nicht der primäre Punkt. Es geht ja im Rahmen dieser Tour insbesondere darum, dieses neue Auto kennenzulernen.

Polestar_5_FE_SE
Gleich von der Sonne in die Batterie, so fährt ein E-Auto am umweltfreundlichsten. Leider ist das nicht immer die Realität. (Foto: Polestar)

Polestar 5 ist komfortabler als vermutet

Und das entpuppt sich als wahrlich komfortabel - eindrucksvoll, da man von Polestar doch eher die straffere Tour gewohnt ist. Bedenkt man, dass vor allem der "Performance" auf ziemlich dicken 21-Zöllern angefahren kommt, erstaunt in der Tat, wie smooth er über kurze Wellen stromert. Dass man den Zweieinhalbtonner hingegen wild um die Kehre werfen kannt, verwundert weniger. Massig Akku im Unterboden hält den Schwerpunkt schön niedrig. Außerdem misst er bei bei 5,09 Metern Länge gerade mal 1,42 Meter in der Höhe, das hat schon etwas von Sportwagen. Dazu kommt eine Lenkung mit einem definiert-technischen Touch sowie einer angenehmen Rückmeldung. Das ist sicher nicht Athlet, aber eben Gran Turismo pur - jedenfalls quer.

Und längs? Das 1015-Newtonmeter-Biest zieht schon brutal durch. Das Werk nennt 3,2 Sekunden bis 100 km/h. Aber Fakt ist, dass in einem unbemerkten Moment plötzlich 200 Sachen auf der Uhr stehen, und zwar nach unter zwölf Sekunden. Und keine 20 Sekunden dauert es, bis der Schwede die Topspeed von 250 km/h erreicht. Näherungswerte allesamt, aber die Richtung sollte passen.

Polestar_5_FE_OB
Der flache Viertürer wirkt schon drahtig, das ist keine Frage. (Foto: Polestar)

Bloß fehlt bei der bissigen Beschleunigung jede Dramatik, das ist eben so ein Elektroauto-Ding. Spaß macht der große Tourer dennoch. Allein, muss es unbedingt die 884 PS starke Performance-Ausgabe sein, die mit 141.600 Euro im Konfigurator zu finden ist? Könnte man nicht auch mal sparsam sein und die Basis (748 PS) zu "nur" 118.600 Euro kaufen? Immerhin unterbietet auch diese die Viersekunden-Marke für den Standard-Sprint auf 100 km/h (3,9 Sekunden), und 250 km/h sind gesetzt.

Ein ganz anderer Unterschied als die PS-Differenz könnte am Ende jedoch zur höheren Attraktivität des Grundmodells führen. Und zwar eine Disziplin, die Kunden in dieser Liga eher nicht auf dem Schirm haben: der Verbrauch. Statt 21,2 kWh je 100 Kilometer bei der Topversion rangiert der Wert des Einsteigers bei 17,8 bis 18,3 kWh nach gemitteltem WLTP-Muster. Und auch wenn der Mehrverbrauch kein finanzielles Loch in die Wand reißt - es ist etwas anderes, ob der Luxustourer nach 558 oder erst nach 678 Kilometern wieder ans Kabel muss. In der Praxis dürften die Werte aber weit darunter liegen, zumal das Powerschiff arg zur Nutzung der Leistung animiert. Hier auf den einsamen französischen Landstraßen sind bei wilder Gangart jedenfalls kaum 400 Kilometer real machbar mit einer Batteriefüllung.

Könnte einen Zacken schneller laden

Richtig schlimm ist das nicht, zumal das Laden grundsätzlich schnell abgehandelt werden kann. Dank 800-Volt-Bordnetz sollen 350 kW Ladeleistung im Peak möglich sein. Das verwundert dennoch etwas, denn im Konzern ist deutlich mehr möglich. Warum kann ein Mittelklasse-Smart-#5 mit bis zu 420 kW laden (ebenfalls Geely-Technik), während der sündhaft teure Polestar deutlich darunter bleibt? Und 22 Minuten für den Hub von 10 auf 80 Prozent sind zwar okay, aber in dieser Klasse heutzutage nur noch zweite Wahl, so ehrlich muss man sein.

Unverständlich auch, warum Polestar nicht erlaubt, den 112-kWh-Akku manuell zu konditionieren. Auch das geht beim Smart. So muss man immer mit Ladeplanung fahren, um den Stromspeicher vor dem Ladevorgang wohltemperiert zu haben und demnach schnellstmöglich laden zu können. Das erscheint vor allem in heimischen Gefilden unnötig.

Polestar-5
Innen mutet der Schwede skandinavisch-kühl an. Mit chinesischem Stil hat das nichts zu tun. (Foto: Polestar)

Zum Schluss noch ein Lob an die Human-Interface-Designer: Mit der Menüstruktur auf dem Touchscreen kommt man wirklich gut zurecht. Obwohl Lenkrad- und Spiegelverstellung dort schlicht nichts zu suchen haben. Auch sollte der Konzern überdenken, ob es richtig ist, dass trotz ausgeschalteter Assistenten immer noch ein Rest der Fahrerüberwachung eingeschaltet bleibt. Auf diese Weise greift das System bei Unaufmerksamkeit in die Querführung ein. Dazu muss man aber in der Tat permanent den Blick von der Straße nehmen - insofern kann man damit noch so gerade leben.

Unter dem Strich darf der Polestar 5 als durchaus empfehlenswerte Alternative zum hiesigen Premiumwettbewerb durchgehen. Wer jetzt bestellt, hat laut Konfigurator gute Chancen, sein Auto im Herbst zu bekommen. Das ist doch eine schöne Perspektive.

Quelle: ntv.de

PolestarElektroautosGeelyElektroautosElektromobilität