"Das beste Auto der Welt"Mit der Mercedes S-Klasse im Dauerlauf
Von Patrick Broich, Delhi/Thimphu
Zum 140. Geburtstag hat sich Mercedes ein besonderes Geschenk gegönnt. Der Hersteller schickt unter Beobachtung der Öffentlichkeit zwei Erprobungs-S-Klassen um die Welt. Diese Aktion dient nicht nur dazu, deren Zuverlässigkeit zu testen.
"Das hier wird eine etwas längere Tour, pack' also genug Klamotten ein!" - so ungefähr dürften häufig Sprüche gelautet haben in Richtung derjenigen, die an dieser Ausfahrt beteiligt waren. Das ist nämlich nicht nur einfach eine kleine Spazierfahrt, sondern gleich eine Runde um die ganze Welt mit zwei Entwicklungsträgern, die sich aus Stuttgart aufgemacht haben, um durch die Kontinente zu streifen.
Wer sich dieses Jahr ein bisschen mit Mercedes beschäftigt hat, etwa um einen zu kaufen oder sich schlicht zu informieren, wird das Badge "140 Years" vielleicht schon irgendwo erblickt haben. Es prangt überall, auf der Website, auf Werbeplakaten, wird sogar auf den Displays der Fahrzeuge angezeigt. Da kann man mal sehen, wofür Over-the-Air-Technologie so alles taugt. Und jetzt dachte sich Mercedes, "wenn die Leute nicht zu uns kommen, kommen wir halt zu ihnen", also steckten Marketing- und Technikkollegen die Köpfe zusammen und überlegten, was sie tun könnten. Warum nicht 140 Plätze auf der Welt abfahren? 140 Years, 140 Places, so einfach ist das.
Begleitet von Ingenieuren aus der Langzeiterprobung auf Realerprobung, das wäre doch etwas. Also stellte Mercedes ein Team zusammen, zog zwei Entwicklungsautos aus dem Pool und legte los. Wie viele Kilometer am Stück kann ein Auto eigentlich machen, bis es den Geist aufgibt? Kommt natürlich auf die Belastung an, aber von diversen S- oder auch E-Klassen weiß man ja, dass sie schon über eine Million Kilometer abgespult haben mit einem einzigen Motor. Dagegen ist der Trip um die Welt ja harmlos, das sind ja bloß 40.000 Kilometer.
Genug immerhin, um herauszubekommen, ob etwas knarzt oder überhitzt oder sonst etwas. Und vor allem, um herauszubekommen, ob das S-Klasse-Vergnügen unter höchst unterschiedlichen Bedingungen gleich bleibt. Woran man häufig nicht denkt, was aber die Entwickler eines Weltautos berücksichtigen müssen: In anderen Regionen der Welt herrschen unterschiedliche Bedingungen, seien es die Anforderungen der Kundschaft, die Straßen oder das Wetter. Aber die S-Klasse muss immer gleich abliefern.
Überhaupt, die S-Klasse, die einer Legende nach das beste Auto der Welt sein soll. So jedenfalls titelte schon das Fachmagazin "Auto Motor und Sport" im Jahr 1975 beim Debüt des 450 SEL 6.9. Natürlich muss man das mit einem Augenzwinkern sehen.
Gottlieb hat viel vor
Wenn man während der Monsunzeit in Delhi landet, erfährt man am eigenen Leib, was das mit den Bedingungen bedeutet. Fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit macht das Atmen zur Herausforderung, aber die Klimaanlage der Luxuskarosse muss trotzdem performen.
Beim ersten Inspizieren der S-Klasse, mit der ich von Delhi durch die Ganges-Ebene bis Bhutan fahren soll, fällt vor allem eines auf: Sie ist schon verdammt weit gereist. Viele Sticker auf der Heckscheibe weisen darauf hin. Australien, Brasilien, Japan, Neuseeland, Malaysia oder Uruguay - und das ist lediglich eine Auswahl an Ländern, deren Fahrbahnen diese S-Klasse bereits unter die Räder genommen hat.
Das Team nennt den langen S 580 4Matic liebevoll Gottlieb, Gottlieb Daimler - benannt eben nach dem berühmten Konstrukteur, der eng mit der Mercedes-Geschichte verbunden ist. Am Ende der gesamten Tour soll Gottlieb einmal im Mercedes-Museum landen mit all seinen Stickern, die von den abgefahrenen Stationen zeugen.
Doch bevor der Fünfachtzig wieder europäische Gefilde erreicht, um dann im Oktober in Stuttgart einzulaufen, muss er sich noch in Extremsituationen beweisen. Hitze, Kälte, über Passstraßen Tausende Höhenmeter überwinden, Wind, Regen, weite Landstraßen, Schlaglöcher - das Monster-Programm fordert der Luxuslimousine viel ab. Schon der Start aus Delhi heraus in Richtung Lucknow und Patna ist eine Herausforderung. Es sind weniger die Autobahnabschnitte, die stressen. Hier ist der Untergrund nämlich einigermaßen glatt, die Luftfederung lässt den schweren Wagen geschmeidig über die wenigen Bodenwellen flauschen.
Stressig wird es erst in den Millionenstädten. Indisches Verkehrsgewusel verleiht den Kamerasystemen mehr Daseinsberechtigung als beispielsweise in Deutschland. Sie erleichtern das Manövrieren durch enge Gassen, und außerdem braucht man vermutlich nirgendwo so dringend auf der Welt eine orange aufleuchtende Totwinkel-Kontrollleuchte im Spiegel wie in indischen Metropolen. Autos, Mopeds und Roller quatschen sich in letzter Sekunde noch vorbei, die bei uns brav warten würden, und das in einer satten Fülle.
Abgeschottet in der S-Klasse
Außerdem sind städtische Ausfallstraßen und manche Überlandpassagen dann doch eine gewaltige Aufgabe für das Fahrwerk. Vor allem bei Dunkelheit schlecht erkennbare Schlaglöcher auf einer sonst optisch eigentlich intakten Piste lassen die überwiegend samtig agierende Karosse hart durchschlagen. Das ist Materialmord im Zeitraffer. Eigentlich müsste man hier eher einen Unimog fahren. Es gibt allerdings eine andere Sache, vor der eine S-Klasse in dieser Gegend wirkungsvoll schützt: Lärm. Nirgendwo wird mehr gehupt als in indischen Großstädten. Und generell ist es laut und chaotisch auf den Straßen - doch im satt gedämmten Luxus-Mercedes ist es abgeschottet und leise. Ein Asset, das hier mehr zur Geltung kommt als in der Heimatregion.
Ich wechsele während der Tour immer mal wieder den Platz. In Indien bedeutet der Fahrerplatz definitiv mehr Stress, als im ausladenden Fond mitzufahren. Hier spielt die S-Klasse ihre Qualitäten als Chauffeurlimousine also definitiv wirkungsvoller als in heimischen Gefilden. Weniger wuselig werden die Städte in Indien übrigens nicht, auch nicht im beschaulicheren westbengalischen Shiliguri - einer Großstadt in Richtung indisch-bhutanischer Grenze. Hier liegt die Einwohnerzahl mit rund 650.000 zwar deutlich unter der Million, aber der Totwinkelalarm tut nach wie vor wirksame Dienste.
An der Grenze angekommen, braucht es ein paar Stunden, um dann wirklich auf dem Boden des Bhutan zu landen. Und die Einfahrt in das exotische asiatische Königreich kommt einem harten Kulturwechsel gleich. Plötzlich keine dissonanten Gerüche mehr, vor denen das aufwendige Filtersystem der S-Klasse schützen müsste (auch so ein Feature, dem bei uns weniger Bedeutung zukommt). Und auf einmal geht es im Straßenverkehr geordnet zu.
Auf dem Weg in die Hauptstadt Thimphu kann der S 580 plötzlich eine ganz andere Stärke ausspielen: sein Drehmoment. Mit 750 Newtonmetern treibt der M177 Evo unter der ausladenden Haube den leisen 2,3-Tonner nämlich mühelos mehr als 2000 Himalaya-Höhenmeter hinauf. Dabei klingt er leicht bollernd, aber stets hinreichend leise. Immerhin, die Anzahl der Zylinder sollen die Fahrgäste schon akustisch erfahren.
In der Hauptstadt Thimphu endet dieser Slot der Marathonstrecke dann auch. Inklusive Besuche von Mercedes-Händlern (die sehen in Indien ähnlich schick wie bei uns aus), Stofffabriken und buddhistischen Kulturfesten. Mit der Erkenntnis, dass knapp 2000 Kilometer S-Klasse-Strecke unter erschwerten Bedingungen immer noch ziemlich bequem von der Hand gehen. Und während ich nach Hause darf, muss die S-Klasse weiter. Immer mit dem finalen Ziel Stuttgart vor dem Stern als Kühlerfigur respektive vor den Augen des Fahrers. Nur, dass der achtzylindrige Langstrecken-Profi noch den Umweg über Afrika nimmt. Fingerübung. Ist ja eine S-Klasse. Angeblich einst das beste Auto der Welt.