Kolumnen

Schlechte Zeiten, gute Zeiten Der neue Himmel über Berlin

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Musikuntermalung zu dieser Kolumne: The Orb - "Little Fluffy Clouds"

(Foto: imago images / Jochen Tack)

In der Krise werden neben vielen Sorgen derzeit auch gute Nachrichten produziert - gerade, wenn es um Klimaziele geht. An sie darf man in diesen Tagen auch mal wilde Träume und große Hoffnungen knüpfen. Wenigstens für den Moment.

Vergangene Nacht, als es in Berlin wieder saukalt war, träumte ich von einer Fernreise. Viel Sonne und angenehm warme Luft, daran denke ich in dieser Jahreszeit nicht nur tagsüber. Unter der warmen Bettdecke einer neu formierten Zweierbeziehung (die aus meiner Pop-Up-Corona-WG hervorgegangen ist) lässt sich davon auch nachts schön träumen - bis einem die Decke weggezogen wird.

Es muss in einer grünen und hoch gelegenen Landschaft von Südamerika gewesen sein, wo mein Unterbewusstsein die aufregende Nachrichtenlage der Gegenwart über meine ganz persönliche Bedürfnislage legte und unvergessliche Traumbilder erzeugte. Begeistert von den grafischen Meisterleistungen hatte ich mir gestern die Fotos von geparkten Flugzeugen angesehen. Außerdem hatte ich von der Beeinträchtigung des Handels mit Avocados gelesen - es kommen jetzt wohl weniger Früchte bei uns an, was der Drogenmafia nicht gefallen dürfte, für die Avocados ein lukratives Nebenprodukt darstellen. Und selbstverständlich waren mir nicht die Berichte über die Zustände in den Kliniken Italiens, Spaniens und New Yorks entgangen.

Ob ich im Schlaf Hunger hatte? Kommt vor. Die in meinem Hirn gespeicherten Daten reichten für ein Traumszenario mit George-Lucas-Qualität, untermalt von sphärischen Klängen, die den alten Electro Hit "Little Fluffy Clouds" wachrufen. Was ich sah, waren Riesenavocados so groß wie Häuser, die aus dem schwülen Tropenhimmel fielen, bevor sie auf einmal sauber aufgeschnitten, aufrecht, ohne Kerne und ordentlich hintereinander in der Landschaft standen - so wie die Flugzeuge. Während sie außen von bewaffneten Männern bewacht wurden, waren innen auf mehreren Etagen Krankenstationen eingebaut.

Hat die Krise einen positiven Einfluss auf das Klima?

Das Klima tat den Patienten gut, sie tranken Milchshakes und aßen Eis - alles wirkte sehr friedlich, obwohl sich die fantastische Klinik womöglich in einem unfriedlichen Land wie Venezuela befand. Dahin will ich schon seit Langem reisen, zum Beispiel zu den 1000 Meter hohen Wasserfällen Salto Angel. Doch es ist eines der gefährlichsten Länder der Erde, auf dessen Präsident die USA gerade heute erst ein Kopfgeld ausgesetzt haben. Von einer Reise sollte man ohne die aktuellen Einschränkungen nur träumen - notfalls besiedelt mit einer Stadt aus Avocados.

Mit dem kalten Erwachen sprangen uns drei Fragen in die Köpfe:

- Wer hat das Fenster aufgelassen?

- Warum ist es Ende März in Berlin so eisig kalt?

- Liegt das an den möglichen Klimaeffekten der Corona-Krise, über die gerade viel spekuliert wird?

Obwohl wir uns nicht drei Sekunden mit dem Fenster aufhielten, war die Nacht erst einmal gelaufen. Leicht möchte man sich einbilden, dass der Himmel über Berlin seit ein paar Tagen einer neuer ist: frischer, blauer und klarer, und es riecht mehr nach Frühling als früher. Doch abgesehen davon, dass keine Flugzeuge und deutlich weniger Helikopter unterwegs sind, ist das wahrscheinlich Quatsch. Außerdem liegt die Frage ja tatsächlich nicht nur in der kalten Berliner Luft: Hat die Corona-Krise einen positiven Einfluss auf das Klima?

Um diese Frage zu beantworten, betrachten Forscher die kurz- und die langfristigen Ziele und Entwicklungen.

Zwei gute Nachrichten vorab: In China hat die in allen Sektoren massiv gedrosselte Wirtschaft innerhalb von nur einem Monat (Januar bis Februar) zu einem gigantischen Rückgang zum Beispiel der Emission von Stickstoffdioxid geführt, kurz NO2. Das zeigen Luftbilder der Nasa, die um die Welt gingen. Für Millionen Chinesen kommt das schon jetzt einer Luftkur gleich, weil die Atemluft auf einmal deutlich geringer mit Schadstoffen belastet ist als üblich.

Die zweite positive Entwicklung liegt in einem um immerhin 25 Prozent reduzierten Ausstoß von Kohlendioxid, kurz CO2, den Forscher vom US-amerikanischen Center for Research on Energy and Clean Air berichtet haben. Als eines der sogenannten Treibhausgase trägt es letztendlich zur Erwärmung der Atmosphäre bei - sodass es im Moment viele Kilometer über dem chinesischen Festland schon etwas kühler sein dürfte.

Ziehen diese Wechselwirkungen in derselben Weise nach Westen und schließlich um den Globus, so wie es das Virus gemacht hat, können wir tatsächlich hoffen und möglicherweise bald ein paar handfeste gute Nachrichten in schlechten Zeiten vermelden. Erste erfreuliche Hinweise kommen - trotz aller traurigen Umstände - aus Italien. Die ESA will im Norden des Landes einen Rückgang des Gases NO2 verzeichnet haben. Auch die Smog-Gefahren in italienischen Großstädten sei zurückgegangen, heißt es.

"Immer ran an de Buletten"

Und was nun konkret den Himmel über Deutschland und damit auch über unserer WG in Berlin betrifft, gibt es ebenfalls einen Lichtblick. Die regierungsnahe Institut Agora Energiewende verbreitete unlängst die Hoffnung, dass Deutschland seine Klimaziele für 2020 erreichen könnte, die für einige schon als verloren galten. Dass die Menschen heute mehrheitlich zu Hause sind und so wie ich und meine neue Frau einen Teil des Tages damit verbringen in den neuen Himmel von Berlin zu schauen, statt ihn in Flugzeugen zu bevölkern, könnte kurzfristig dazu führen, dass in diesem Jahr in Deutschland 45 Prozent weniger CO2 ausgestoßen wird als 1990. Das offizielle Ziel lag bei 40 Prozent.

Und während die Frau und ich im Bett schon recherchierend an unseren - nicht ganz CO2-freundlichen - Geräten sitzen, fällt auch schon rasch das große ABER auf uns herab wie saurer Regen: Dieselben Forscher und Experten, die mit ihren ermutigenden Nachrichten wie Umweltengel klingen, warnen zugleich vor heftigen Konjunkturprogrammen und einer Art Nachholeffekt der Industrie sowie der Konsumenten. Dieser war zum Beispiel nach der Wirtschaftskrise 2008 erkennbar, sodass der Ausstoß von CO2 rasch auf Rekordwerte anstieg.

Auch ich muss zugeben, dass ich weit davon entfernt bin, mir meine Träume von Südamerika, den Wasserfällen und den Avocados vollständig aus dem Kopf zu schlagen. Irgendwann möchte ich das alles nachholen! Wir alle denken doch im Moment: Aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben. Unsere Hausmeisterin, die jeden Herbst nach Gran Canaria fliegt, würde sagen: "Immer ran an de Buletten!"

Musikuntermalung zu dieser Kolumne: The Orb - "Little Fluffy Clouds"

Quelle: ntv.de