Leslie Mandoki glaubt an den FCBayerns "Road to Budapest" - zumindest musikalisch gefestigt
Von Sabine Oelmann
Er denkt weder über Work-Life-Balance nach, noch ans Aufhören. Vielmehr will er etwas hinterlassen, etwas "G'scheites". Und vor allem hat er 1000 Pläne: Ein Gespräch mit Leslie Mandoki, unter anderem über die Champions League, verrät viel über Deutschland.
Ein Treffen mit Leslie Mandoki bedeutet immer, sich Zeit zu nehmen. Denn er nimmt sie sich auch. Die Dinge, die ihm wichtig sind, werden mit hoher Priorität behandelt, dazu gehören vor allen Dingen: Die Familie, die Musik, die Politik, die Gesellschaft, das Netzwerk, das jeweilige Gegenüber, der FC Bayern. Die Reihenfolge kann variieren. Es gibt so vieles, worüber man reden kann, wir versuchen heute, uns auf Fußball und Ungarn, das Geburtsland des seit über 50 Jahren eingefleischten und eingemeindeten Bayern, zu beschränken.
Mandoki trifft sich mit ntv.de an seinem Lieblingsort am Starnberger See, er kommt direkt aus dem Studio. "Was da gerade los ist, ist allerdings eine ganz andere Geschichte", sagt er gleich zu Beginn, und wir verabreden uns, darüber zu gegebener Zeit zu sprechen. Jetzt ist der 73-Jährige im Fußball-Fieber. Er hat mit "Road to Budapest" die Bayern-Hymne zur Finalrunde der Champions League geschrieben und produziert - und zwar auf Bitte von Karl-Heinz Rummenigge. "Beim Champions-League Spiel in Eindhoven kam die Idee zur Sprache, nachts um zwei Uhr war ich am Starnberger See bei mir zu Hause und eigentlich sehr müde. Aber dann habe ich mich wieder angezogen und bin in mein Studio gefahren. Dort hab' ich den Song geschrieben - und jetzt ist es hoffentlich die Hymne, die den FC Bayern nach Budapest begleitet."
Das Champions-League-Finale findet am 30. Mai in Mandokis alter Heimat statt - wird er dort sein, auch, wenn Bayern das Finale nicht erreicht? Er lacht: "Schau, ein Künstler setzt immer auf Sieg. Für mich als gebürtigen Budapester und bekennenden Bayern wäre es natürlich das Allerschönste, wenn der FC Bayern den Pokal gegen Atlético Madrid oder den FC Arsenal nach München holen könnte." Doch zuvor müssen die Bayern, in ihrem Heimatstadion immerhin, Paris St. Germain schlagen - keine leichte Aufgabe nach dem torgewaltigen Hinspiel der letzten Woche.
Glaube versetzt Berge
Mandoki weiß natürlich, dass Paris eine hervorragende Mannschaft hat. Aber er glaubt an seine Bayern, die sind für ihn sowieso mehr als Fußball - Der FC ist ein Sinnbild für Deutschland, wie es in einer idealen Welt sein könnte.
Mandoki erzählt die Geschichte des illegalen Einwanderers, als der er 1975 nach Deutschland kam, immer wieder. Und das sehr gern. Erstaunlicherweise wird man dieser Geschichte nie überdrüssig. Er betont, und das wird mit den Jahren immer deutlicher und dringlicher, dass er in ein Land kam, "das verliebt war in das Gelingen. Deutschland war geradezu gierig darauf, nach dem Albtraum des Krieges alles richtigzumachen. Es war friedfertig, dem Pluralismus verpflichtet, die Züge fuhren pünktlich", erzählt er in einer Mischung aus Kopfschütteln und Lachen.
Er erinnert sich an ein Land, das stolz war auf seine Errungenschaften, auf seine Wirtschaft, auf seine Menschen, die sich dem Motto "Schneller - höher - weiter" verpflichtet fühlten. "Deutschland hatte einen Ehrgeiz, den ich heute sehr vermisse", so Mandoki - der in seinem Alter übrigens nicht eine Sekunde daran denkt, mit seinem Beruf aufzuhören und das Wort "Work-Life-Balance" mit einem gewissen Bedauern ausspricht. "Wir wollten immer die Besten sein", sagt er nachdenklich, "und das fing bei der Bildung an. Davon sind wir weit entfernt."
Die Frage nach dem, was wir unseren Kindern und den Generationen nach uns hinterlassen, treibt den Künstler an. Diesen unbedingten Willen, den er einmal für die DNA Deutschlands hielt, besitzt er selbst - und sieht ihn beim FC Bayern. Aus Berliner Sicht gefragt: Wollen die Bayern immer die Klassenbesten sein? Und in Kauf nehmen, damit zu nerven? Mandoki schmunzelt: "Natürlich. Nimm das Spiel letzte Woche, neun Tore! Normalerweise denkt man, das kann keiner mehr aufholen, aber sie sind rangekommen an die Franzosen. Das ist dieser unbeirrbare Bayern-Wille dieser unfassbar guten Mannschaft", schwärmt er.
Davon sollte der Rest Deutschlands sich also eine Scheibe abschneiden? Am besten schon, findet Mandoki, der ja tatsächlich ein gutes Beispiel ist, wie Integration funktionieren könnte: "Ich habe anfangs kein Wort Deutsch gesprochen. Ich war Schlagzeuger, mit dem absoluten Willen, mit den besten Musikern der Welt zusammenzuarbeiten."
Leslie Mandoki hat sich seinen Platz in Deutschland geschaffen. Er ist nach wie vor begeistert. Wäre das auch so, wenn er nicht in Bayern gelandet wäre, sondern in Schleswig-Holstein? Er lacht: "Wahrscheinlich. Ich bin ein deutscher Patriot. Aber: Ich bin vor allem ein Bayer. Und ein Fan dieses international besetzten Clubs."
Abgesehen davon ist er aber auch ein großer Fan seiner alten Heimat. Er freut sich über den Aufbruchswillen in Ungarn: "Mein Vater und der Vater meiner späteren Frau haben 1956 gegen die russischen Besatzer und für die Freiheit gekämpft. Wie auch deren Urgroßväter 1848, als diese für Freiheit und Unabhängigkeit kämpften - gegen die Armee des russischen Zaren." Seit die Ungarn 1989 den Eisernen Vorhang durchschlagen und sich von den sowjetischen Truppen befreit haben, "wird im Maschinenraum der Demokratie fleißig gearbeitet", freut sich Mandoki.
Kein Wunder, dass er dem Finale in Budapest entgegenfiebert wie ein kleiner Junge. Kein Wunder, dass er eine Hymne geschrieben hat, die für ihn Ende Mai all das vereinen könnte, was ihm am Herzen liegt: Alte und neue Heimat, Musik und Fußball, alte und neue Familiengeschichten, ein geeintes Europa - und vor allem die Hoffnung, dass in demokratischen Ländern nach dem von ihm so oft beschworenen Kompass gesucht werden kann, der aus dem Labyrinth der Krisen führen kann.