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"Ich habe ein paar Sachen zu sagen", rief Frances McDormand, als sie die Bühne betrat.
"Ich habe ein paar Sachen zu sagen", rief Frances McDormand, als sie die Bühne betrat.(Foto: REUTERS)
Montag, 05. März 2018

Monster, Frauenpower und #MeToo: Diese Oscar-Show soll Hollywood retten

Von Markus Lippold

Ein Kracher war diese Oscar-Show nicht, aber richtungsweisend. Trotz des Penis-Witzes von Jimmy Kimmel. Ein Fantasy-Film, eine beste Hauptdarstellerin und viele kleine Momente beweisen: Es steckt noch Leben im Koma-Patienten Hollywood.

Nach zweieinhalb Stunden konnte man sich eigentlich nur verdutzt die Augen reiben. War da was? Die Missbrauchsfälle von Hollywood, die #MeToo-Bewegung und der Ruf nach mehr Gerechtigkeit in der Filmbranche - das alles spielte bis dahin allenfalls am Rande der Oscar-Verleihung eine Rolle, vor allem als Gag-Lieferant. Und hatten bis dahin nicht vor allem Männer ihre Preise auf der Bühne abgeholt? Hatte die überwiegend alte und männliche Academy wiedermal den Schuss nicht gehört?

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Doch, hatte sie, zumindest zum Teil. Denn die letzten eineinhalb Stunden der Preisverleihung setzten dann doch noch mehrere Ausrufezeichen. Mal forsch und laut wie in der Dankesrede von Frances McDormand, die ihren Oscar-Gewinn dazu nutzte, mehr Rechte für Frauen einzufordern - und mit "Inclusion Rider" wohl das Wort der Show aussprach.

Mal wurde es nachdenklich, wie beim sehenswerten Einspieler, in dem Frauen und Männer über die "Time's Up"-Bewegung sprachen, über weibliche Charaktere, Diversität in Hollywood und die Chance, den bisherigen Status Quo zu beenden. Eingeleitet wurde dieser Beitrag von Salma Hayek, Ashley Judd und Annabella Sciorra - drei Frauen, die dem einst mächtigen Filmmogul Harvey Weinstein sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung vorwerfen.

Und es gab subtile Momente, die erst auf den zweiten Blick zeigen, dass sich etwas geändert hat in der Traumfabrik: Da wurden Menschen und Filme geehrt, die etwas zu sagen haben, abseits der Klischees. Die Academy ist nicht auf Revolutionen aus, aber sie hat bei der diesjährigen Oscar-Show gezeigt, dass sie zu Reformen fähig ist - wenn ihr auf diesem langen Weg nicht die Puste ausgeht.

Die Oscar-Statue hat keinen Penis

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Viel Puste hatte Moderator Jimmy Kimmel zum Auftakt, als er die allgegenwärtigen Themen von Trump bis Weinstein für ein paar Witze nutzte. Er lobte die Oscar-Statue dafür, dass sie ihre Hände so halte, dass man sie sehen könne. Vor allem aber habe sie keinen Penis. "Das ist ein Mann, von dem wir mehr in dieser Stadt brauchen", unkte er. "Wir haben einen Film namens 'Was Frauen wollen' gemacht - und der Star war Mel Gibson", witzelte Kimmel weiter und warnte, dass die ganze Welt auf Hollywood schaue.

Was die Welt zunächst sah, war allerdings eine langweilige Show, die reichlich Nostalgie über ihre 90. Ausgabe goss. Die gute alte Kinozeit - damit gibt man bei jeder Oscar-Verleihung gut und gerne an. Dass sich die Zeiten geändert haben, merkte man allerdings, als Kimmel nicht müde wurde, Filme wie "Black Panther" und "Wonder Woman" zu würdigen. "Ich erinnere mich an eine Zeit, als die Studios nicht daran glaubten, dass Minderheiten oder Frauen einen Superhelden-Film tragen könnten. Warum ich mich erinnere? Weil das im letzten März war", sagte Kimmel - und traf damit ins Schwarze.

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In diesem März im Jahr 2018 war da einiges anders. Nicht, weil die Akademie-Mitglieder besonders politisch gewählt hätten, sondern weil die Filme, die sie auszeichneten, neben ihrer künstlerischen Klasse auch noch etwas zu sagen hatten. So wurde der Fantasy-Film "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" zum großen Oscar-Gewinner. Nicht nur, dass es dieses Genre schon immer schwer hatte bei den Oscars. Die Academy ehrte damit auch noch einen Film, der von Ausgrenzung erzählt, von Außenseitern und der Liebe zu einem vermeintlichen Monster.

"Ich bin ein Immigrant"

Dass mit Guillermo Del Toro zudem ein Einwanderer aus Mexiko bei diesem Märchen Regie führte - das ist vielleicht das Sahnehäubchen obendrauf. "Ich bin ein Immigrant", waren denn auch seine ersten Worte, als er sich auf der Bühne für den Regie-Oscar bedankte. Da spielte es auch gar nicht so eine große Rolle, dass mit Jordan Peele ("Get Out") und Greta Gerwig ("Lady Bird") zwei Regisseure leer ausgingen, auf die vielleicht viele gesetzt hatten. Allein die Tatsache, dass ein Schwarzer und eine Frau nominiert waren, lässt für künftige Jahre hoffen.

Peele erhielt ja immerhin den Academy Award für das beste Originaldrehbuch - als erster Schwarzer überhaupt. Verschenkt wurde dagegen die Chance, mit Rachel Morrison erstmals eine Frau für die beste Kameraarbeit auszuzeichnen. Allerdings sei Roger Deakins der Oscar nach 13 erfolglosen Nominierungen gegönnt. Auch Gerwigs Film "Lady Bird" ging trotz fünf Nominierungen leer aus, genau wie Steven Spielbergs "Die Verlegerin" mit Tom Hanks und Meryl Streep. Es kann eben nicht jeder gewinnen.

Und man kann Veränderungen nicht übers Knie brechen. Das würde niemandem nutzen. Der Oscar ist kein politischer, sondern ein künstlerischer Preis. Umso wichtiger ist es, jene Talente zu fördern, die viel zu lange übergangen wurden. "Nur elf Prozent der Filme werden von Frauen gedreht", sagte Moderator Kimmel am Anfang. Es ist das grundsätzliche Problem, das behoben werden muss. Hollywood, das sich jahrelang ins Koma gelangweilt hat, kann nur gewinnen, wenn es sich endlich öffnet und den Status Quo überwindet. Das erkennt man schon daran, dass es das offenste und spannendste Oscar-Rennen seit langem war. Keinem Film gelang ein Durchmarsch, viele Streifen kamen dieses Mal zum Zug.

Wie formulierten es Jane Fonda und Helen Mirren, als sie auf die Bühne kamen, um Gary Oldman seinen lang verdienten Oscar zu überreichen? "Von den 60ern bis in die Gegenwart haben wir beide so viele Veränderungen erlebt, in der Politik, in Mode und Film", sagte Mirren und fügte an: "Und jetzt zwischen Frauen und Männern." Und Fonda ergänzte: "Was einst als bahnbrechend galt, wird bald zur Norm." Diese Oscar-Show war ein Schritt in die richtige Richtung. Aber Hollywood steht noch ein langer Marsch bevor.

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Quelle: n-tv.de