"Wir müssen da durch"Gabrielle Carteris in Berlin ausgezeichnet
Interview: Sabine Oelmann 
Am Wochenende wurden Trophäen im Rahmen des Deutschen Schauspielpreises vergeben, einen bekam Gabrielle Carteris, bekannt aus "Beverly Hills 90210". Aber warum ein deutscher Schauspielpreis an eine Hollywood-Legende?
Gabrielle Carteris hat gerade einen Film abgedreht und ist in neuen Episoden der Krankenhausserie 'Chicago Med' zu sehen. Sie ist glücklich verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und Präsidentin der Internationalen Schauspielerföderation FIA. Der weltweite Dachverband von Schauspielergewerkschaften ist eine starke Stimme in Brüssel, die sich für Themen wie KI, Persönlichkeitsrechte und das EU-Urheberrecht einsetzt. Mit Gabrielle Carteris und Hans-Werner Meyer spricht ntv.de über KI, Solidarität - und dass man durch manche Zeiten wohl einfach "durch muss".
ntv.de: Liebe Gabrielle, wollen wir zuerst über Frauen in ihren Sechzigern sprechen? Denn obwohl Sie ja über 60 sind, haben Sie zum Glück gut zu tun.
Gabrielle Carteris: Gern. Privat kann ich nur sagen, eine Frau in den Sechzigern, gesund und glücklich zu sein, ist das Beste. Für die Arbeit in Hollywood muss ich sagen: Es ist hart. Eine Freundin meiner Mutter sagte mal, als sie achtzig war: "Als Frau älter zu werden bedeutet, unsichtbar zu werden." Aber ich habe meinen Platz finden können.
Frauen müssen dennoch lauter werden, oder?
Allerdings!! Wir müssen auf uns aufmerksam machen, wir sind die Boomer!! Wer soll denn den ganzen Krempel kaufen, für den Werbung gemacht wird – Schuhe, Autos, Reisen – wenn nicht wir (lacht)?
Sind Frauen inzwischen klüger geworden?
Frauen waren schon immer klug. Aber erst jetzt schaffen sie es, sich zumindest an einigen Stellen durchzusetzen, sich ihren Teil zu holen. Frauen empowern einander, oder schreiben und produzieren sich ihre eigenen Rollen. Übrigens, auch dank vieler technologischer Möglichkeiten. Es ist wirklich viel passiert in den vergangenen Jahren. Auf der anderen Seite ist es immer noch schwerer, in unserer Gesellschaft eine Frau zu sein, als ein Mann. Frauen wird nicht gestattet, zu altern. Männern schon.
Sie waren bei Beverly Hills 90210 wesentlich älter als Sie sein "durften", Sie haben mit Ende zwanzig für eine Teenagerrolle vorgesprochen, die der intellektuellen Anti-Barbie Andrea Zuckerman ...
... und die Rolle bekommen (lacht)! Das ist das eine, aber das andere war, dass, als ich später, nach einer Pause aus gesundheitlichen Gründen, wieder ans Set kam, feststellen musste, inzwischen als 'ältere Frau' betrachtet zu werden. Ich durfte die "Supporting Role" sein, also die in der zweiten Reihe. Ich war jetzt 'die Mutter von', 'die verlassene Frau von', 'die Assistentin', nicht mehr der Boss. Jetzt aber habe ich das Gefühl, dass ich wieder bei mir selbst angekommen bin. Es gibt einen Platz für ältere Frauen!!
Das ist beruhigend!
Natürlich!! Meine Rollen sind jetzt viel interessanter als früher, vielschichtiger und spannender. Dennoch: Ageismus ist sehr real! Der einzige Weg, wie wir das in den Griff bekommen ist, wenn Frauen die Geschichten von Frauen erzählen. Frauen wurden lange genug unter den Teppich gekehrt, kluge Frauen, Forscherinnen, wie Marie Curie, denen Männern ihre Lorbeeren abspenstig machten. Das dürfen wir nie mehr zulassen. Frauen müssen einander unterstützen, Mentorinnen sein. Wir sind viele! Auch wenn man es wirtschaftlich betrachtet, dann sind wir die kaufkräftige Zielgruppe. Punkt! Wir können etwas ändern.
Sie sind in Berlin, weil Sie am Freitagabend beim Deutschen Schauspielpreis den Ehrenpreis Inspiration erhalten haben...
Oh ja, aber nicht nur ich, sondern die FIA hat diesen Preis für ihre fortlaufende Arbeit und ihre Leistungen erhalten. Ich habe den Preis nur entgegengenommen und bin sehr dankbar. Weil ich auch weiß, dass alle hart dafür gearbeitet haben. Einige haben wirklich viel dafür riskiert, wenn wir zum Beispiel an den "SAG-AFTRA-Streik", der vor ein paar Jahren von all unseren Mitgliedern weltweit unterstützt wurde, denken. Das war ein Wachrüttler, der perfekte Sturm zur richtigen Zeit, und es hat dazu geführt, dass wir nicht immer nur unsere Unterschiede, sondern vor allem unsere Gemeinsamkeiten erkennen konnten. Wir haben viel erreicht, weil wir alle in einem Boot sitzen, und deswegen bin ich sehr stolz und froh über diesen Preis.
Was planen Sie für die Zukunft?
Viel (lacht)! Offen gestanden: Die Zukunft ist schon da! Es geht alles rasend schnell. Ein großes Thema wird sein, wie wir in Zukunft mit KI umgehen. Die meisten haben Angst davor, und es ist auch beängstigend, aber unsere Aufgabe wird es sein, sich die KI gefügig, zu eigen zu machen und nicht, sich von ihr ersetzen zu lassen. Sicher, es wird Jobs geben, die verschwinden werden, aber wir arbeiten alle an einem Produkt - und das ist die Kunst. Im Filmbusiness, egal, ob im TV oder Kino, sind wir Arbeiter, ob nun Schauspielerin oder Kameramann, Cutterin oder Stylist oder Kostümbildnerin. Und sich international zusammenzuschließen, ist wichtig.
Arbeiten Sie mit KI?
Auf jeden Fall! Wir können das nicht negieren. Was wir jetzt machen müssen, ist, den Grundstein für die Zukunft zu legen, wir müssen Kommunikatoren bleiben, Gründer. Wir wollen aber vor allem für die da sein, die von KI betroffen sind. Es soll darauf hinauslaufen, dass die KI uns hilft, und nicht umgekehrt. Es geht um faire Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung, auch um Transparenz.
Der Eindruck, dass Schauspieler spitzenmäßig verdienen, täuscht also?
Leider ja (lacht). Es gibt natürlich die Spitzenverdiener, aber das sind die wenigsten, die Stars. Der Rest ackert so vor sich hin und versucht oftmals, sich mit anderen Jobs über Wasser zu halten oder macht Dinge, die eigentlich nichts mit Schauspielerei zu tun haben.
Hier schaltet sich Hans-Werner Meyer ein, Schauspieler und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Schauspiel (BFFS).
Hans-Werner Meyer: Da möchte ich ergänzen: Wir haben vor einiger Zeit eine Studie anfertigen lassen, die belegt, dass nur vier Prozent der deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler über 100.000 Euro im Jahr verdienen. Es sind 70 Prozent, die unter dem liegen, was der deutsche Normalverdienst ist (Anm. d. Red.: Das durchschnittliche Bruttomonatsgehalt für Vollzeitbeschäftigte in Deutschland liegt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bei rund 4784 Euro) und 60 Prozent bei 20.000 Euro. Das Image von dem, was deutsche Schauspieler verdienen, ist total verklärt. Und es ist immer noch so, dass, wenn ich einen Millionär spiele, ich persönlich auch für reich gehalten werde (lacht).
Schauspieler wirken einfach echt, wenn sie gut sind ...
Meyer: Wir müssen dennoch dringend von der Diskussion wegkommen, ob wir einander beneiden. Wir müssen viel eher fragen, was wir einander geben können. Denn Schauspieler geben viel. Das merke ich hauptsächlich dann, wenn ich Theater spiele. Es gibt Menschen Hoffnung, sie sehnen sich nach Kunst und guter Unterhaltung. Und wie das ist, wenn die Kunst weg ist, wissen wir aus der Covid-Zeit.
Carteris: Da waren wir isoliert und einsam, TV und Film waren für viele das Einzige, was sie unterhalten hat. Wir brauchen die Verbindung untereinander. Deswegen ist unsere Gewerkschaft auch so wichtig: Wir wollen nicht die Reichen reicher machen, sondern denen, die sonst untergehen würden, zu mehr Gleichheit verhelfen. Dass ihr Arbeitsplatz sicher ist, dass sie sich entwickeln können. Wenn Leute viel verdienen, super, aber wenn nicht, dann sorgen wir dafür, dass sie nicht untergehen.
Momentan muss man Angst haben, dass die Menschen erstens vergessen, wie es in der Covid Zeit war und sich alle nach Kunst sehnten. Und zudem müssen wir darauf achten, dass die Politik uns keinen Strich durch die Rechnung macht: Kürzungen, Cancel-Culture, eine zunehmend rechte Gesinnung, die ganz andere Vorstellungen von Kunst hat als wir ...
Carteris: Das passiert nicht nur in Deutschland, das kippt weltweit. Wir müssen darüber sprechen, immer wieder, für Aufmerksamkeit sorgen. Und, ganz wichtig: Wir müssen uns einig sein. Zusammenhalten, Solidarität zeigen, für Schwächere eintreten. In den USA, wo ich lebe, verfolgt unsere Gewerkschaft dieselben Ziele wie Ihre in Deutschland oder Europa; die Probleme sind überall dieselben."
Meyer: Das Gute ist – wir arbeiten zusammen, wir ergänzen und helfen uns. Wir dreschen keine hohlen Phrasen. Es ist unser tägliches Brot, sowohl die Arbeit als Schauspieler als auch die Arbeit in unseren Verbänden. Ich mag die Idee, dass wir alle enger zusammenrücken.
Carteris: Man kann den Fortschritt nicht aufhalten, das sollte man auch nicht. Dass wir enger zusammenrücken, gehört zu den guten Entwicklungen. Wir können so viel voneinander lernen.  Es heißt ja auch, das Einzige, was wirklich beständig ist, ist der Wandel (lacht).
Wir leben in einer Welt, die bestimmt ist vom Wandel, in letzter Zeit nicht unbedingt zum Guten. Müssen wir da durch?
Carteris: Ich fürchte ja. Das ist anscheinend der einzige Weg, wie die Menschheit sich weiterentwickeln kann. Wir müssen da durch.