"Bösartige Angriffe"Prinz Harry im Kreuzverhör: "Ich hatte wirklich Angst"

Die Vorwürfe wiegen schwer: Prinz Harry bezichtigt einen Verlag, illegal intime Details von ihm und seinen früheren Freundinnen beschafft zu haben. In London kommt es nun zu einem Gerichtsverfahren. Im Zeugenstand wird der Royal besonders emotional.
Prinz Harry ist am dritten Tag des Verfahrens in seiner Zivilklage gegen den Verlag der Boulevardzeitung "Daily Mail" überraschend vorzeitig in den Zeugenstand getreten. Harry und andere Prominente, wie Popstar Elton John und Schauspielerin Elizabeth Hurley, werfen den Journalisten des Verlags vor, über einen Zeitraum von rund zwei Jahrzehnten illegale Recherchemethoden angewandt zu haben, um Schlagzeilen zu generieren. Der Verlag Associated Newspapers Limited (ANL), zu dem auch "Mail on Sunday" gehört, weist die Vorwürfe entschieden zurück.
Eigentlich sollte der jüngere Sohn von König Charles III. erst am Donnerstag aussagen. Dass ein Royal überhaupt vor Gericht auftritt, ist ein außergewöhnliches Ereignis. Im Kreuzverhör mit dem Anwalt der Gegenseite bot Harry vielfältige Einblicke in die von ihm so empfundene Verletzung seiner Privatsphäre. Im Zeugenstand wirkte Harry angespannt. Der Richter musste ihn mehrfach ermahnen, nicht selbst die Argumentation zu übernehmen. "Ihre Rolle ist einfach, die Fragen so gut wie möglich zu beantworten", sagte der Richter an den Royal gerichtet. Das Gericht müsse den Kontext verstehen und was es bedeute, 24 Stunden am Tag unter Beobachtung zu stehen, rechtfertigte sich Harry.
Im Zeugenstand sagte Harry, das Medieninteressen an seinem Liebesleben sei stets riesig gewesen. Dabei sei er auch medial mit Frauen in Verbindung gebracht worden, mit denen er überhaupt nicht zusammen war. Von den "Tausenden" Artikeln, die über sein Liebesleben veröffentlicht wurden, sei keiner "im öffentlichen Interesse" gewesen, findet der Duke of Sussex.
Als Beispiel führte er etwa den Fall seiner Exfreundin Cressida Bonas an. Die "Daily Mail" habe im Jahr 2013 einen Artikel veröffentlicht, in dem es hieß, dass sich Bonas auf der Insel von Richard Branson und nicht bei Harry aufgehalten habe. Harry fragt sich, wie das Blatt wohl an diese Informationen gekommen sein kann. "Es ist ein schreckliches Dasein für ein junges Mädchen, so verfolgt zu werden - wahrscheinlich haben sie Cressida verfolgt oder Informationen über ihren Flug erschlichen und sie dann überwacht, so wie sie es mit meinen anderen Freundinnen getan haben", fügt er hinzu.
Harry: "Ich hatte wirklich Angst"
Seine ehemalige Partnerin Chelsy Davy habe sich von der Presse "gejagt" gefühlt. Harry sagte: "Das Verhalten der Presse und ihre Behandlung von Chelsy waren nicht normal. Ich hatte wirklich Angst, dass etwas Schlimmes passieren würde."
In seiner Zeugenaussage erklärte der Prinz zudem, dass er seine Haltung zu den Medien erst änderte, als er seine heutige Ehefrau, Herzogin Meghan, kennengelernt hatte. "Ende 2016, als meine Beziehung zu Meghan, meiner heutigen Frau, öffentlich wurde, begann ich es zunehmend nicht richtig zu finden, nicht gegen die Presse vorzugehen angesichts der bösartigen und anhaltenden Angriffe, Belästigungen und aufdringlichen, teils rassistischen Artikel über Meghan", schrieb er in der Zeugenaussage. Die Situation habe sich nach Geburt seines sechsjährigen Sohnes Archie noch verschlimmert.
Vom Anwalt der Beklagten befragt, warum er nicht schon früher juristisch gegen einzelne Medien vorgegangen sei, erklärte Harry, dies habe mit seiner Zugehörigkeit zum Königshaus zu tun. Das Königshaus verfolge die Strategie: "Niemals beschweren, niemals erklären."
Freunde verloren
Doch durch die mutmaßlichen, illegalen Verletzungen seiner Privatsphäre durch die Verlagsgruppe Associated Newspapers habe sich der Kreis seiner Vertrauten verkleinert, sobald private Informationen über ihn an die Öffentlichkeit gelangten waren. Ihm sei es schwergefallen, anderen zu vertrauen. Immer wenn er misstrauisch geworden wäre, hätte er den Kontakt abgebrochen und deswegen Freunde verloren.
Am Abschluss des Prozesstages wurde Prinz Harry im Zeugenstand besonders emotional. Er sagte, sein Leben sei seit seiner Teenager-Zeit "zum Abschuss freigegeben" gewesen. Um Auflage und Klicks zu generieren, habe die Presse jeden Aspekt seines Privatlebens durchleuchtet. Er empfinde als als "ekelerregend", im Gerichtssaal zu sitzen und sich anhören zu müssen, wie die Gegenseite "behautet, dass ich kein Recht auf Privatsphäre besitze".
"Sie verfolgen mich immer noch, sie haben das Leben meiner Frau zur Hölle gemacht", sagte er mit zitternder Stimme. Die Beweislage ist schwierig: Im Fall von Prinz Harry hat das Anwaltsteam der Kläger 14 Zeitungsartikel vorgelegt, bei denen sie von einer illegalen Informationsbeschaffung ausgehen.
Harrys Vorwürfe wiegen schwer
Auf legalem Weg, so die Argumentation von Klägeranwalt David Sherborne, wäre es nicht möglich gewesen, an die teils intimen Informationen zu gelangen. Zudem will er anhand von Informationen zum Zahlungsverkehr eine enge Zusammenarbeit zwischen "Mail"-Journalisten und einschlägig bekannten Privatdetektiven aufzeigen.
Unter anderem sollen Privatdetektive damit beauftragt worden sein, Telefongespräche und Mailbox-Nachrichten abzuhören, sogar Wanzen sollen zum Einsatz gekommen sein. Beim sogenannten Blagging sollen sich Journalisten und deren Helfer unter Angabe einer falschen Identität Zugang zu persönlichen Daten wie Krankenakten und Bankauszügen verschafft haben.
Die Gegenseite argumentiert hingegen, die Informationen seien von Harrys Umfeld an die Presse gegeben worden. "Mein soziales Umfeld war nicht undicht, ich möchte das absolut klarstellen", konterte Harry in unterkühltem Ton die Versuche von ANL-Anwalt Antony White, Zweifel an der Darstellung der Kläger zu säen.
Kreuzzug gegen die Boulevardpresse
Dass Harry bereit ist, ins Kreuzverhör genommen zu werden, bewies er bereits im Prozess gegen den "Mirror-Verlag" - ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang für ein Mitglied der britischen Königsfamilie. Die Royals vermeiden solche Auftritte, um nicht ungewollt noch mehr aus ihrem Privatleben offenbaren zu müssen.
Doch der Prinz, der sich 2020 aus dem inneren Kreis der Royals löste und mit seiner Frau Herzogin Meghan und den beiden gemeinsamen Kindern in den USA lebt, führt seit Jahren einen regelrechten Kreuzzug gegen die "Tabloid Press", wie die britische Boulevardpresse genannt wird. Er will eigenen Angaben zufolge zeigen, dass die illegalen Methoden System hatten.
Immer wieder hat Harry deutlich gemacht, dass er den Unfalltod seiner Mutter Prinzessin Diana 1997 in Paris den Paparazzi anlastet, die ihr und ihren Begleitern damals auf den Fersen waren. Mehrmals deutete er an, dass er befürchtet, seine Frau Meghan könne ein ähnliches Schicksal ereilen.
Auch den Austritt aus dem engeren Kreis der Königsfamilie und das Zerwürfnis mit Angehörigen auf beiden Seiten lastet er teilweise den Boulevardmedien an. Sie waren ihm seit seiner Kindheit auf Schritt und Tritt gefolgt.