Bücher

Brüder, Paare und Beastie Boys Der Buchwinter bietet Überraschungen

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Die Adventszeit lädt zum Nachdenken ein: Wie will man eigentlich leben?

(Foto: picture alliance / Patrick Pleul)

Zwei Brüder, von denen sich einer totsäuft. Eine Vorstadtsiedlung, hinter deren hübscher Fassade sich Tragödien abspielen. Drei Freunde, die miteinander Musik machen. Ein Cowboy in Paris. Und jede Menge Quatsch. Der Buchwinter ist noch für manche Überraschung gut.

Zwei Brüder auf Sauftour

In seinem 2015 erschienenen Roman "Eigentlich müssten wir tanzen" ließ Heinz Helle fünf Freunde durch eine postapokalyptische Welt irren. Auf verstörend-berührende Weise zeigte er, was mit Menschen geschieht, wenn sie nichts als der pure Überlebensinstinkt leitet. Auch in seinem neuen Buch "Die Überwindung der Schwerkraft" stellt er existenzielle Betrachtungen über die Conditio humana an. Dafür schickt er ein ungleiches Brüderpaar in einer eisigen Winternacht auf eine Sauftour durch die Münchner Kneipenszene.

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Der Ältere trinkt längst ohne jeden Anlass. Im Berufs- und Privatleben ist er gescheitert und gleichzeitig seiner verzweifelten Wut angesichts einer Welt voller Schmerz und Gewalt schutzlos ausgeliefert. Mit der Schlechtigkeit der Menschheit beschäftigt sich der Historiker nahezu obsessiv. Bier um Bier redet er sich an besagtem Abend ins Delirium, philosophiert über die Schlacht um Stalingrad und den belgischen Mädchenschänder Marc Dutroux. Und er erzählt von dem Kind, das eine Prostituierte bald bekommen wird und das von ihm ist - jedenfalls vielleicht. Der Jüngere hört die ganze Zeit einfach nur zu, widerspricht an keiner Stelle und verharrt in seiner vertrauten Sprachlosigkeit. Was beide nicht wissen: Ein Wiedersehen wird es nicht geben.

"Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb." Mit einem Abstand von sieben Jahren rekonstruiert der kleine Bruder die letzte Begegnung der beiden Männer. Helle wählt dafür einen sowohl inhaltlich als auch grafisch extrem dichten Text. Kapitel oder Absätze gibt es nicht, die Sätze sind mehrfach verschachtelt und oft seitenlang. Und so kreist der Roman wie ein meditativer Erinnerungsfluss um die Fragen, "wie man richtig lebt, und gut, und gerecht und wahrhaftig, wie man dann, irgendwann, zu einem hoffentlich möglichst wenig unpassenden Zeitpunkt stirbt, und was von einem zurückbleibt, und wenn nichts, warum dann das Ganze". (kse)

Drei Freunde sollt ihr sein

Gruppenbild Credit_Mit freundlicher Genehmigung der Beastie Boys.jpg

Die drei Beastie Boys während des Drehs zum Video von "Intergalactic" - Bild aus dem besprochenen Band.

(Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Beastie Boys)

Die Beastie Boys sind eine Konsensband. Im besten Sinne. Mit dem Trio aus New York können sich Hip-Hopper genauso identifizieren wie Rocker und Punks oder Freunde elektronischer Sounds. Das Debüt "Licensed to Ill" mit dem Ohrwurm "Fight For Your Right (to Party!)" gehört genauso zu ihren Erfolgen wie das zum Klassiker gewordene Hip-Hop-Album "Paul's Boutique" oder der Crossover-Meilenstein "Ill Communication" mit dem Song "Sabotage" und dessen legendärem Video. MCA (Adam Yauch), Ad Rock (Adam Horovitz) und Mike D (Michael Diamond) haben die (Pop-) Kultur der 80er- und 90er-Jahre geprägt wie wenige andere und eine Unzahl anderer Musiker und Künstler beeinflusst. Man schaue sich nur mal die Starriege an, die beim "Fight For Your Right Revisited"-Video von 2011 mitmachte.

Umso trauriger war der frühe Tod von Adam Yauch vor sechs Jahren. Ohne ihn konnten die beiden verbliebenen Beastie Boys nicht weitermachen. Nicht nur, weil Yauch ihr Mitmusiker, sondern vor allem, weil er ihr Freund war. Das wird schnell klar, wenn man das "Beastie Boys Buch" aufschlägt, dieses grandiose Vermächtnis einer grandiosen Band. Gleich zu Beginn wird MCA nicht nur als aufgeschlossener Musiker gewürdigt, der stets Neues entdecken wollte, sondern vor allem als unverzichtbarer Bestandteil einer Band, die immer wieder durch die Freundschaft ihrer Mitglieder vorangetrieben wurde.

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In einer Vielzahl von Texten, die erstaunlich reich an Geschichten und Details sowie mit vielen Bildern illustriert sind, erzählen Ad Rock und Mike D sowie eine Handvoll illustrer Gastautoren, wie sich die drei auf Konzerten kennenlernten, wie sie zunächst von Punk und Hardcore inspiriert wurden, sich aber nach einem Konzert von Afrika Bambaataa dem Hip-Hop zuwandten. "Wir hatten die Zukunft gesehen und wollten mehr davon", heißt es da schlicht. Der Rest ist Musikgeschichte: Die Beastie Boys starteten als Rüpel-Rapper durch, wurden zu Hip-Hoppern, die wegweisende Alben vorlegten, und zu Soundtüftlern, die immer wieder neue Stile für sich entdeckten. Ihrer Punk-Attitüde sind sie dabei stets treu geblieben. Genau wie ihrer Freundschaft. Vielleicht macht genau das die Authentizität der Band aus. Und vielleicht ist deshalb das "Beastie Boys Buch" mehr als eine Autobiografie, ein Bildband oder ein Panorama der Popkultur der letzten Jahrzehnte. Es ist ein Hohelied auf die Freundschaft. (mli)

Die Hölle der 80er

Aus heutiger Sicht mögen die 1980er-Jahre der Bundesrepublik seltsam heil und perfekt wirken, das Leben als ruhiger Fluss, ein sicher gesteckter Rahmen, den niemand zu verlassen gedenkt. Doch in Alexa Henning von Langes Roman "Kampfsterne" stecken hinter dieser Fassade stille Tragödien.

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Rita und Georg leben 1985 mit ihren Kindern Johannes und Klara in einer verkehrsberuhigten Siedlung in Westdeutschland ebenso sowie Ulla und Rainer mit Cotsch und Lexchen. Rita liebt eigentlich Ulla und findet ihren Mann Georg unfassbar langweilig. Der wiederum isst sein Knäckebrot im Garten, um das Haus nicht vollzukrümeln. Rainer schlägt Ulla und zwingt sie zu einer Existenz weit unter ihren Möglichkeiten. Aber Ulla liebt Rainer und vor allem den Sex mit ihm. Doch dann kommt es zu einer Vergewaltigung und einer Kindesentführung.

Was nach einem Krimi klingt, ist eher ein Gesellschaftsroman mit ziemlich schwarzem Humor. Der Alkoholkonsum auf den Grillfesten in den Vorgärten ist so hoch wie die Erwartungen an irgendeinen anderen oder wenigstens an die Kinder. Kaum jemand hält in dieser Vorstadthölle sein "fehlgeleitetes Leben", wie Rita es beschreibt, aus. Und niemand ist bereit, es zu verlassen. (sba)

Altmanns "provozierender Blick" auf Mexiko

Mexiko - ein Land mit einer uralten Kultur, mit Stränden und Dschungel und Maya-Tempeln. Mit einer Küche, die fast die ganze Welt erobert hat (wenn auch oft in arg verfälschter Form) und einer ebensolchen Musik. Aber in letzter Zeit ist Mexiko eher nicht wegen seiner Farben- und Lebensfreude, sondern wegen der unfassbaren Gewalt in den Schlagzeilen. Im Jahr 2017 erlebte das Land diesbezüglich ein zweifelhaftes Hoch mit mehr als 29.000 "Tötungsdelikten", wie es offiziell heißt.

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Eine Umfrage vom Juli 2018 ergab, dass gut drei Viertel der Mexikaner sich in den Städten nicht sicher fühlten. Klingt eher abschreckend? Nicht für Andreas Altmann. Der Reisereporter geht gern dahin, wo es wehtut. Nicht, dass er keine Angst hätte - die hat er, "jeden Tag. Eine Angst wie ein Peitschenhieb. Der antreibt." Aber das muss so sein, der Autor muss "schwitzen und in Not geraten, sonst ist er mein Geld und meine Lebenszeit nicht wert". Ein radikaler Anspruch, den er da an sich und andere stellt.

Aber Altmann hat es sich nie bequem gemacht, er reist gern Holzklasse und setzt sich in die billigen Kaschemmen, um näher dran zu sein. Um seinen "provozierenden Blick" auf alles zu werfen, was ihm über den Weg läuft. Getrieben von der "Neugier auf das Leben anderer". Aber er hat sich vorgenommen, vorsichtiger, schonender zu kritisieren, denn niemand würde schließlich sein Leben ändern, nur weil er, Altmann, ihn verspotte oder an ihm herummaule. Nun ja, so ganz kann er ja doch nicht aus seiner Haut - er haut wieder mächtig drauf auf die Kirche und die Pfaffen, auf die Smartphone-Glotzer, auf die Anti-Raucher ("... Gaskammern, die wie Telefonzellen aussehen. In jeder steht ein Raucher. Die Rache der Gesundheitsterroristen: die Sünder vergasen"), auf die fetten Mexikaner und Mexikanerinnen, auf die korrupte Polizei, auf die Busfahrer, die gedankenlos blutrünstige Videos laufen lassen.

Dafür singt Altmann wieder sein Hohelied auf die Buch- und Zeitungsleser (auch wenn die mexikanischen Zeitungen wiederum wegen ihrer extrem reißerischen Gewaltberichterstattung Kopfschütteln und Entsetzen hervorrufen), auf alle Menschen, die mit offenen Augen und offenen Herzen durch die Welt gehen - und natürlich: auf die Frauen. Wer Altmanns Bücher kennt, dem kommt einiges vertraut und bekannt vor. Wer seinen Stil mag, wird auch dieses Buch gern lesen. (abe)

Einsamer Cowboy in der Stadt der Liebe

Erstaunlich, dass Comiczeichner Morris nie auf die Idee gekommen ist, seinen Comic-Helden mal nach Europa zu schicken. Zwar hat Lucky Luke bereits Kanada besucht und Mexiko ebenfalls. Weiter ist er aber nie gekommen. Das ändern nun Autor Jul und Zeichner Achdé mit "Ein Cowboy in Paris", dem besten Lucky-Luke-Band seit einigen Jahren.

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Das Abenteuer beginnt wie viele andere enden: Lucky Luke hat die Daltons erwischt und bringt sie ins Gefängnis. Da entdeckt er mitten in der Prärie ein außergewöhnliches Objekt: eine riesige Hand aus Kupfer und Stahl. Es ist ein Teil der noch im Bau befindlichen Freiheitsstatue, das durch die USA gekarrt wird, um Spendengelder einzusammeln. Mit dabei: Frédéric-Auguste Bartholdi, der Schöpfer der Statue. Der freilich hat mächtige Feinde. Gefängnisdirektor Abraham Locker geht Sicherheit über alles und die Huldigung der Freiheit ist ihm ein Dorn im Auge. Mit allen Mitteln versucht er, die Spendentour zu sabotieren. Deshalb wird Lucky Luke gebeten, Bartholdi zu beschützen - und schließlich mit ihm nach Paris zu reisen, um die fertige Statue in die USA zu bringen.

Lukes Reise ist gespickt mit Abenteuer und Slapstick, Wortwitz und Anspielungen und hat mit Paris auch noch ein besonders schönes Reiseziel zu bieten. Daneben erzählen Jul und Achdé aber auch vom ewigen Kampf zwischen Freiheit und Sicherheit. Mit Locker haben sie einen Gegenspieler geschaffen, der bis in die Gegenwart hineinreicht: Seine Forderung, doch endlich eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, kennt man bereits. Dieser Mix aus Unterhaltung und Doppeldeutigkeit, aus historischen Fakten und Fiktion funktioniert im neuen Album so gut wie schon lange nicht mehr bei Lucky Luke - sieht man mal von den unnötigen Klischees ab, mit denen hier etwa die Indianer dargestellt werden. Übrigens: Fans des Cowboys dürfen sich nach diesem gelungenen Band auch schon auf kommendes Jahr freuen. Dann erscheint das erste "Lucky Luke"-Album eines deutschen Zeichners. (mli)

Bob Odenkirk kann Quatsch

Auch Quatsch will gekonnt sein. Und Bob Odenkirk kann Quatsch. Der Titel seines Büchleins "Jede Menge Mumpitz" kommt ja nicht von ungefähr. Seine Sammlung kleiner Texte ist eine Mischung aus Monty Python und Helge Schneider, aus satirisch überspitzter Gesellschaftskritik, schwarzem Humor und hemmungslosem Blödsinn. Dass Odenkirk über trockenen Humor verfügt, hat er als halbseidener Anwalt Saul Goodman in "Breaking Bad" und Hauptfigur der daraus entstandenen Serie "Better Call Saul" bewiesen. Davor war er aber auch jahrelang ein Emmy-gekrönter Autor von Saturday Night Live und anderer Comedy-Formate.

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Er verfügt jedenfalls über den Gestus, den es für diese Art des Humors braucht, wenn er nicht peinlich werden soll: Er hat die Beobachtungsgabe und sprachliche Finesse, die der Satire eigen ist, aber auch den nötigen Größenwahn, wenn er zum humoristischen Vorschlaghammer greift. Darum legt er hier nicht nur die schlechteste Rede von Martin Luther King vor ("Äh. Also. Hm. Hallo.") oder das Theaterstück "Hitlers Dinnerparty" ("Tut mir leid. Das ist alles meine Schuld."), sondern etwa auch brüllend komische Rezensionen von "Huckleberry Finn" und "Der Pate II" - natürlich als gnadenlose Verrisse. Wer eine kleine Aufheiterung für die dunkle Jahreszeit braucht oder zwischen zwei Serienstaffeln einfach mal das Zwerchfell strapazieren will, der wird hier bestens bedient. Mit totalem Quatsch. (mli)

Quelle: n-tv.de

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