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Maxim Biller über Missgunst Der Hitlergruß war nicht genug

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Menschenmassen demonstrierten 1990 für die deutsche Wiedervereinigung.

(Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten)

Im Roman "Der falsche Gruß" will Erck Dessauer all das, was der jüdische Starautor Barsilay hat: Ruhm, Frauen und den Durchbruch als Schriftsteller im Deutschland der Nullerjahre. Sein Wunsch wird schnell zu Neid und gipfelt darin, dass er in einem Szene-Restaurant steht und den rechten Arm hebt.

"Er beneidete die Klavierspieler um ihre Begabung, die Soldaten um ihre Narben." Dieses Zitat von Gustave Flaubert stellt Maxim Biller seinem neusten Roman "Der falsche Gruß" voran und mit ihm hätte das Buch bereits an dieser Stelle enden können. Der Neid und die Missgunst von Erck Dessauer, dem Ich-Erzähler, begleiten den Leser als roter Faden dieser Geschichte des "Kiepenheuer & Witsch"-Verlages über einen jungen Schriftsteller im Berlin der Nullerjahre bis zur letzten Seite.

Zwar überrascht es in dieser Umgebung kaum, dass Dessauer seine Persönlichkeit noch nicht gefunden hat, doch weist Biller an vielen Stellen auf die extremen Schwankungen seiner Träume und Ambitionen hin: Einerseits lebt er endlich in einer modernen, teuren Wohnung in der Bernauer Straße in der Hauptstadt. Hier gehört er zu denen, die im neuen Berlin etwas geworden sind. Andererseits wünscht er sich eine "umgekehrte Zeitmaschine, die das vereinte Deutschland in ein sozialistisches Land verwandeln würde."

Dessauer, von Unsicherheiten zerfressen, fühlt sich ständig bedroht. Die Einbildung, jemand könnte ihm etwas wegnehmen, wird zur Paralyse seines Lebens und zugleich zum Antreiber der Geschichte. Angetan hat es ihm der schillernde Star-Feuilletonist Hans Ulrich Barsilay, dem Gegenspieler der Geschichte. Der jüdische Autor hat alles, was sich Dessauer wünscht: Den Ruf, die jungen Ex-Freundinnen, die teuren Abende in den Restaurants der Intellektuellen. Vor allem aber hat Barsilay bereits seinen Durchbruch geschafft. In seinem autobiografischen Bestseller "Meine Leute" beschreibt er einen Auschwitz-Besuch, der erst zu einem Nervenzusammenbruch und dann zu seiner Erleuchtung führte. Der junge Autor Dessauer neidet Barsilay die schlimmste Familiengeschichte, so drängt es sich dem Leser auf. Biller beschreibt es als großes Glück für Dessauer, dass "Barsilay die große Erleuchtung ausgerechnet am dunkelsten, verbotensten Ort der Erde gekommen ist".

Der "bösartige Erck-Flüsterer und Saboteur"

Von Barsilay erfährt der Leser nur das, was Dessauer in ihn projiziert. Das erste Mal treffen sich die beiden im exklusiven Café-Einstein. 16 Euro kostet hier das Frühstück, was dem jungen Dessauer "ähnlich verrückt und verboten" vorkam wie die Tatsache, dass er als kleiner Junge im Schlafzimmer seiner Eltern den Hitlergruß übte. Dem Leser stößt dieser absurde Vergleich negativ auf - das ist es, was Biller erreichen wollte. So legt er mit der Erinnerung Dessauers zur Sicherheit noch einmal nach: "Ich habe es an diesem aufregenden Morgen genauso empfunden". Dessauer versucht den Starautor mit dem Thema seiner Magisterarbeit, auf das er bis dato sehr stolz war, zu beeindrucken, woraufhin dieser philosophiert: "Was können Sie schreiben, was nicht schon gedacht und geschrieben wurde?" Die rhetorische Frage Barsilays bringt den Studenten Dessauer dazu, die Universität noch am selben Tag zu verlassen und "Spätbolschewismus als Identität und Nachteil" nie zu Papier zu bringen. Zu Dessauers Neid gesellt sich fortan eine unzähmbare Wut auf Barsilay, den "bösartigen Erck-Flüsterer und Saboteur meiner vielversprechenden akademischen Laufbahn". Was auf den Leser wirkt wie nichtiger Caféhaus-Smalltalk, ist damit eine Schlüsselsituation für den Hitlergruß-Ausfall Dessauers ein paar Jahre später, um den die Geschichte kreist und der in all seiner Absurdität nicht zu übertreffen sein wird.

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Auch diese Szene spielt in einem angesagten Berliner Restaurant. Erck Dessauer erblickt seinen selbst ausgemachten Konkurrenten im Restaurant, trinkt sich Mut an und tritt schließlich direkt vor den Tisch des jüdischen Autors, "dem ewigen Unruhestifter und Menschenfeind Hans Ulrich Barsilay", um ihm seine "absurde Nazigymnastik" zu zeigen. Schon als Kind hatte er sich beim Hitlergruß "schön und stark gefühlt". Die Frage, was Dessauer dieser, in allen Facetten merkwürdige, Vorfall gebracht hat, beantwortet Biller nicht. Im ersten Moment stellt es sich für den Leser als nicht mehr als der bittere Versuch dar, das fehlende Selbstbewusstsein mit Ideologien zu strecken. Von denen hat Dessauer als Sohn eines Dozenten für Marxismus-Leninismus und Enkel eines Wehrmachtsgroßvaters im Übrigen genug. Die beiden familiären Randfiguren tauchen in Dessauers Geschichte immer wieder auf. Beschrieben werden sie durchweg als heulend um ihren Verlust - einerseits den Verlust der DDR, andererseits den des Dritten Reichs.

Die Nazigruß-Situation brennt sich dem Leser allerdings nicht nur aufgrund ihrer Schrulligkeit ins Gedächtnis. Nach kurzem Nachdenken steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, was sie Dessauer gebracht hat, sondern was sie ihm nicht gebracht hat. Dessauer treffen keinerlei Folgen, nachdem er den rechten Arm gehoben hat - weder strafrechtlich, noch gesellschaftlich. Immerhin plagt den Jungautor nun die Scham. Die kurze Hoffnung des Lesers, Dessauer könnte so etwas wie Reue verspüren, wird jedoch schnell im Keim erstickt, denn mit "Scham" meint Biller Dessauers Befürchtung, dass Barsilay die Aktion nutzen wird, um seine "ganz persönliche Naturkatastrophe" publik zu machen - und ihm schließlich auf diesem Wege das Thema zu stehlen. An keiner Stelle der Geschichte gibt es Anhaltspunkte dafür, dass der prominente Feuilletonist einen solchen Plan verfolgt. Es gibt nur die Angst, den Neid und die Schuldzuweisung des jungen Mannes. Also beschließt Dessauer Konsequenzen. So folgt der zweite Akt der Geschichte - auf Gesten folgen Taten.

Ritt durch die deutsche Geschichte

Denn Dessauer hat etwas gegen Barsilay in der Hand. Ganz so einfach macht es Maxim Biller dem Leser nicht, die Geschichte in Schwarz und Weiß, Gut und Böse einzuordnen. So ist Barsilay, der allseits gelobte Autor, nicht das perfekte Opfer, sondern vielmehr ein Mensch mit Fehltritten in der eigenen Geschichte. Seine große Erleuchtung in Auschwitz hatte sich der Feuilletonist ausgedacht, in Polen ist er nie gewesen. Durch eine kurze Internetrecherche hat Dessauer das rausgefunden. Kurzerhand veröffentlicht er die Lüge Barsilays und bezichtigt ihn der "üblen Manipulation, um uns kleinen deutschen Sünder noch kleiner zu machen als wir es schon waren". Die Umkehr der Opferrolle schlägt ein - für die Gesellschaft ist Barsilay fortan der Lügner, da hilft auch keine Entschuldigung.

Der einstige Autor spielt nun keine Rolle mehr in der Geschichte. Der Artikel "über seine kleine Auschwitzlüge" hat ihn "ausgelöscht", überspitzt Biller die Situation und bringt damit die Gewalt der Aktion zum Ausdruck. Den Leser überrascht es jedoch wenig, dass Dessauer nicht als Sieger vom Platz geht. Seine Frenkel-Biografie schafft es zwar "für acht oder neun Wochen" in die Bestsellerliste, doch Erck Dessauer, der neue Star am Feuilleton-Himmel, leidet noch Jahre später an Verfolgungswahn. Schuld ist wieder Barsilay, natürlich.

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Maxim Billers Roman, der am 19. August 2021 erschienen ist, ist ein beachtenswerter Ritt durch die deutsche Geschichte. Auf 120 Seiten schafft es der Autor, den Nationalsozialismus und den Holocaust, die DDR, den Israel-Konflikt und schließlich auch mogelnde Journalisten durch einen roten Faden aus Neid und Missgunst miteinander zu verbinden. Für Billers pointierte und satirische Zuspitzung braucht es jedoch einen Moment des Sackenlassens. So wirkt es auf den Leser an vielen Stellen verstörend, über die größten Verbrechen der Geschichte zu lesen, ohne dass auch nur eine Silbe das Leid der Millionen Menschen erwähnt.

Auch Dessauer als Hauptfigur wirkt zunächst unpassend, seine Taten sind oft überzeichnet. An vielen Stellen gelingt Biller jedoch die Identifikation - auch, wenn es keine schöne ist. So starrt jedem hin und wieder ein Bild voller Selbstzweifel entgegen, wenn er in den Spiegel blickt. Biller macht deutlich, zu was das führen kann. Es lohnt sich, "Der falsche Gruß" zu lesen und es lohnt sich noch mehr, einen Moment über das Gelesene nachzudenken. Es ist das, was Biller nicht schreibt, das am Ende zu den Kernfragen seines Romans führt: Wie steht es um Antisemitismus und Rassismus zwanzig, fünfzig und siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg? Wie geht die Gesellschaft mit Schuld um - was tut sie und vor allem: Was tut sie nicht?

Quelle: ntv.de

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