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"Berlin" von Jason Lutes Ein letzter Tanz auf dem Vulkan

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Politisch unruhige Zeiten: "Berlin" spielt zwischen 1928 und 1933.

(Foto: Jason Lutes, Carlsen Verlag, Hamburg)

Marthe kommt 1928 nach Berlin. Während sie sich in einen Autor verliebt und mit ihrer Geliebten das schillernde Nachtleben entdeckt, toben auf den Straßen politische Kämpfe. Jason Lutes lässt in seinem glänzenden Comicepos "Berlin" eine Epoche wiederauferstehen.

Kaum ein Autor dürfte die Übersetzung seines Werkes für besser als das Original halten. Nicht so Jason Lutes, der unumwunden zugibt: "Das Buch ist auf Deutsch viel besser." Der US-amerikanische Zeichner sitzt in einer Bibliothek in jener Stadt, die seinem Comic den Titel gibt: "Berlin". Es ist der 30. Januar 2019, auf den Tag genau 86 Jahre nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler.

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Die Berliner Mundart ist die große Stärke der deutschen Ausgabe.

(Foto: Jason Lutes, Carlsen Verlag, Hamburg)

Da schließt sich ein Kreis, denn jener 30. Januar bildet auch den Endpunkt von Lutes Werk, das auf 600 Seiten ein umfassendes Panorama der Stadt vom September 1928 bis zum Januar 1933 zeichnet. 22 Jahre hat der 1967 geborene Zeichner an dem Werk gearbeitet, dessen ersten beiden Teile 2003 und 2008 auf Deutsch bei Carlsen erschienen. Lange mussten die Leser warten, aber nun liegt auch der abschließende Teil vor, sowie eine voluminöse Gesamtausgabe mit Anhang.

Warum aber schätzt Lutes die deutsche Version so sehr? Ganz einfach: Der Übersetzer Heinrich Anders und der Journalist Lutz Göllner haben für die Übertragung nicht nur ein paar historische Fehler der englischen Originalausgabe korrigiert, sondern vor allem vielen Dialogen den Berliner Dialekt verpasst, was einigen Szenen nochmal einen ganzen Zacken mehr Atmosphäre verleiht: "Der saacht, sie hammet satt zu übn, sie wolln kämpfn", sagt ein Arbeiterkind, was dann eben authentischer wirkt als Hochdeutsch. Jenes typische "Herz mit Schnauze" lässt das alte Berlin wieder aufleben.

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Angesichts des Aufstiegs des Nationalsozialismus verfallen viele Intellektuelle in Apathie, darunter "Weltbühne"-Autor Kurt Severing.

(Foto: Jason Lutes, Carlsen Verlag, Hamburg)

Lutes geht es um ein möglichst korrektes Porträt jener Jahre. Allerdings wurde er nicht durch einen Berlin-Besuch zu dem Werk inspiriert - er kam erstmals in die Stadt, als er den ersten Teil bereits fertig hatte. Es war vielmehr ein Bildband mit Fotografien der Stadt aus den 1920er- und 1930er-Jahren, der ihn auf die Idee brachte. "Berlin" ist aber keinesfalls eine Karl-May-artige Fantasievorstellung eines weit entfernten Ortes, sondern ein penibel recherchiertes, historisch glaubwürdiges und visuell beeindruckendes Buch über diese politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich krisengeschüttelten Jahre.

Zeppeline und Weltwirtschaftskrise

Der Künstler stellt mehrere Figuren in den Mittelpunkt seines Buches, um das vielfältige Leben Berlins aus der Perspektive unterschiedlicher sozialer Schichten und politischer Einstellungen zu zeigen. Marthe Müller etwa, die das verbindende Element vieler Handlungsstränge ist, entflieht ihrem großbürgerlichen Elternhaus in Köln, um in Berlin Kunst zu studieren. Sie beginnt eine Beziehung mit dem linksliberalen "Weltbühne"-Autor Kurt Severing. Als diese scheitert, stürzt sie sich mit ihrer Geliebten Anna Lencke, einer Transvestitin, ins wilde Berliner Nachtleben.

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Auch historische Figuren treten in "Berlin" auf, hier Adolf Hitler.

(Foto: Jason Lutes, Carlsen Verlag, Hamburg)

Ein zweiter großer Handlungsstrang handelt von der jungen Silvia. Ihre Mutter verlässt zu Beginn des Buches ihren nationalsozialistischen Mann und wendet sich den Kommunisten zu. Während des Blutmais 1929 wird sie jedoch erschossen. Silvia landet auf der Straße, schlägt sich mit Kleinkriminalität durch, kämpft auf Seiten der KPD und landet schließlich bei der jüdischen Familie Schwartz, die wiederum die zunehmenden Repressionen der SA-Schlägertrupps zu spüren bekommt.

Mit vielen weiteren Figuren greift Lutes immer neue Facetten jener Zeit auf: die Begeisterung für die Zeppeline, aber auch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die Unternehmer in den Ruin und Arbeiter auf die Straße treibt. Die Ausschweifungen der Oberschicht und die geheimen Treffpunkte von Homosexuellen. Das Trauma des Ersten Weltkriegs, die Demonstrationen der KPD, die Aufmärsche der SA und die Apathie von Teilen des Bürgertums angesichts des Aufstiegs des Nationalsozialismus. Fiktive Figuren treffen dabei auf historische Gestalten, vom "Weltbühnen"-Chef und späteren Nobelpreisträger Carl von Ossietzky über die ideologischen Einpeitscher Thälmann und Goebbels bis zu Adolf Hitler, der im letzten Teil in das ihm verhasste Berlin kommt.

"Die Sinfonie der Großstadt"

Nicht zufällig nennt Lutes als eine seiner Inspirationen Walter Ruttmanns Film "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" von 1928. Sie teilen sich nicht nur den Beginn auf Schienen, sondern auch die Herangehensweise. Das Buch ist eine Collage, in der sich die Handlungsstränge und Protagonisten rhythmisch abwechseln, um am Ende ein großes Ganzes zu ergeben. Mitunter sind es nur kleine Szenen oder visuelle Ideen, die dennoch das Verständnis für die Widersprüche der Zeit erweitern. Grafisch setzt das Lutes in klar voneinander abgetrennten Panels um, deren Aufbau er aber variiert. Es ist ein distanzierter, eher dokumentarischer Blick, der es vermeidet, die Protagonisten zu heroisieren oder zu verurteilen.

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Marthe und ihre Geliebte Anna genießen das Berliner Nachtleben.

(Foto: Jason Lutes, Carlsen Verlag, Hamburg)

Die klaren Linien erinnern wiederum an die Ligne claire von "Tim und Struppi"-Autor Hergé. In den schwarz-weißen Tuschezeichnungen, in den verengenden Perspektiven und mitunter kleinteiligen Panelfolgen, die die zunehmend beklemmende Atmosphäre der Zeit widerspiegeln, sind aber auch Einflüsse des expressionistischen Films der Weimarer Republik erkennbar. Mitunter geht Lutes dabei erstaunlich detailliert vor, vor allem bei den historischen Stadtansichten - die selbst Berliner beeindrucken - oder der Gestaltung von Innenräumen. Er muss sich dafür durch sehr viele Bücher und Fotos gearbeitet haben. Nur so aber gelingt es "Berlin", diese Epoche glaubhaft wiederauferstehen zu lassen.

Natürlich entstehen angesichts der Fülle der Aspekte und der sich überschlagenden Ereignisse auch Sprünge und Lücken. Lutes' Darstellung erschöpft sich mitunter in der Gegenüberstellung von rechts und links, von prügelnden SA-Männern und Moskau-hörigen Kommunisten. All jene, die es dazwischen gab, große Teile des Bürgertums, kommen dabei entweder zu kurz oder sie werden als unpolitisch dargestellt. Dennoch ist "Berlin" aufgrund seines vielschichtigen Blicks auf die Zeit ein beeindruckendes Porträt der Stadt, kurz bevor Deutschland die dunkelste Zeit seiner Geschichte erlebt.

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Berlin: Berlin Gesamtausgabe
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Dass das Werk nun vollständig vorliegt, ist einerseits ein zeitlicher Glücksfall, weil die Epoche derzeit ohnehin durch Volker Kutschers Romane und deren Serienumsetzung "Babylon Berlin" auf großes Interesse stößt. Andererseits schließt Lutes sein Werk aber auch in einer Zeit ab - das letzte Kapitel schrieb er während des US-Wahlkampfes 2016 -, in der Populisten weltweit Auftrieb erhalten, rechtsextreme Organisationen ungehemmt auftreten und die politischen Auseinandersetzungen zunehmen. Wie das die Gesellschaft verändert, kann man bei ihm nachlesen.

"Berlin" ist in drei Einzelbänden (je 14 Euro) oder in einer etwas größerformatigen Gesamtausgabe mit Anhang (46 Euro) erhältlich. Jason Lutes präsentiert sein Buch noch in Stuttgart (4. Februar), Köln (5. Februar) und Gießen (6. Februar). Mehr Infos dazu gibt es hier.

Quelle: n-tv.de

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