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"Prinzling" und "roter Kaiser"Eine Biografie schaut hinter die Kulissen von Xi Jinpings Aufstieg zur Macht

06.04.2026, 08:06 Uhr MarkusVon Markus Lippold
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Xi Jinping auf dem Nationalen Volkskongress im März in Peking. (Foto: REUTERS)

Das Leben von US-Präsident Donald Trump ist in allen Facetten erzählt und ausgeleuchtet. Anders sieht es beim chinesischen Präsidenten Xi Jinping aus. Es gibt zwar offizielle Darstellungen, doch die sind lückenhaft. Journalist Michael Sheridan versucht in einer Biografie, Leerstellen zu füllen.

Er ist einer der mächtigsten Männer der Welt, herrscht über ein Milliardenvolk und die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch kommt es zu Details aus dem Leben von Xi Jinping, tun sich schnell Leerstellen auf. Natürlich gibt es Äußerungen Xis zu seinem Leben und offizielle Biografien, die seinen Weg zum mächtigsten chinesischen Präsidenten seit Mao Zedong nachzeichnen. Doch sie schönen den Lebenslauf und verschleiern Details.

Der Journalist und langjährige Asienkorrespondent Michael Sheridan versucht in seiner Biografie "Der rote Kaiser. Xi Jinping und sein neues China", erschienen im Finanzbuchverlag, solche Lücken zu füllen. Dabei stellt er nicht nur die verschiedenen Stationen Xis dar, sondern legt viel Wert darauf, die politischen Hintergründe und das System hinter dessen Aufstieg zu erklären.

Xi wurde 1953 in Peking als Sohn eines hohen kommunistischen Parteifunktionärs geboren. Diese Herkunft bestimmt wesentlich das weitere Leben des sogenannten Prinzlings, wie die Nachkommen von Bürgerkriegs-Veteranen und früher Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas genannt werden.

Der einflussreiche kommunistische Adel

So widersinnig es klingt: Familien wie die Xis bilden im kommunistischen China eine Art Adel, der tief mit dem System verstrickt und schwerreich ist und dadurch viel Einfluss ausübt. Es ist ein Verdienst Sheridans, dass er diese Herkunft nicht nur als Fußnote betrachtet, sondern aufzeigt, wie die Einflussnahme der Familie, vor allem des Vaters, Xis Weg nach oben begleitet. Immer wieder kommt er auch auf den Reichtum zu sprechen, den Familien wie die Xis anhäufen.

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Dabei ist die Laufbahn des heutigen Präsidenten keineswegs geradlinig. In Maos verheerender Kulturrevolution wird der Vater entmachtet, der Sohn zur Zwangsarbeit aufs Land geschickt. Er flieht, kommt in Lagerhaft und wird zurück aufs Land gezwungen. Sherdian versucht, jene Jahre zu rekonstruieren, auch wenn das aufgrund fehlender Quellen schwierig ist. Er nähert sich durch die Schilderung der von Denunziation und Selbstbezichtigungen vergifteten Atmosphäre dieser Jahre, durch den Blick auf Zeitgenossen und ähnliche Schicksale. Die Schlussfolgerung: Ganz so heldenhaft, wie es die Propaganda schildert, war Xis Zeit in der Verbannung nicht.

Mit diesem Ansatz, mit Quellen und Geschichten, die Sheridan über Jahrzehnte als Korrespondent in Asien gesammelt hat, verfolgt er die weiteren Stationen Xis: das Studium zum Chemieingenieur in den 70ern, die Arbeit als Sekretär des Verteidigungsministers Geng Biao, als Kreisparteichef, Vizebürgermeister von Xiamen und Gouverneur von Fujian. Dann im neuen Jahrtausend der Aufstieg zum Parteichef in den wirtschaftsstarken Ostküstenprovinzen Zhejiang und Shanghai, schließlich die Berufung in den Ständigen Ausschuss des Politbüros und zum Vizepräsidenten. Sheridan bettet dies in eine kleine Geschichte der Volksrepublik ein, in der er historische Entwicklungen und Blicke hinter die Kulissen der Macht kombiniert.

Zigaretten, Alkohol - und uneheliche Kinder?

Daneben bleibt Platz für die private Seite. Sheridan schildert Xi als wissbegierigen jungen Mann, der sich anders als seine Freunde wenig für Beziehungen und westliche Filme und Literatur begeistert. Frauen hätten ihn als "langweilig" empfunden, wird ein Professor zitiert. Doch obwohl er Karl Marx liest, "hielten ihn die anderen jungen Leute für nur durchschnittlich intelligent, ein Etikett, das ihm während seines gesamten Erwachsenenlebens in der Pekinger Gesellschaft anhaftete", wie Sheridan schreibt. Mitte der 80er Jahre sei Xi ein "einsamer, geschiedener Provinzbeamter" gewesen, heißt es an anderer Stelle.

Etwas Glamour bringt erst seine zweite Frau in sein Leben, eine bekannte Sängerin von Volksliedern. Man erfährt zudem, dass Xi bereits in jungen Jahren Raucher wurde, dass er gern dem Alkohol zuspricht - und dass immer wieder spekuliert wird, er habe trotz Ein-Kind-Politik neben der Tochter Xi Mingze auch uneheliche Söhne, um die Linie des Clans fortzuführen. Beweise dafür gibt es keine.

Dankenswerterweise vermeidet es Sheridan, allzu tief in die Gerüchteküche abzutauchen. Stattdessen versucht er stets, Transparenz herzustellen und Quellen offenzulegen, deren Glaubwürdigkeit dann die Leser bewerten können. Das gilt auch für die politischen Aspekte in Xis Leben. Denn die Kommunistische Partei und ihre Führungsgremien sind schwer zu durchschauende Systeme, aus denen wenige Informationen herausdringen. Sheridan zeigt auf, wie sehr Chinas Politik vor Rivalitäten, Intrigen und Gewalt strotzt. Herkunft und Netzwerke spielen beim Aufstieg eine viel größere Rolle, als es die Propaganda suggeriert.

Das Tian'anmen-Massaker als Türöffner

Sheridan bietet den Lesern immer wieder interessante und hintergründige Einblicke in das politische Leben Chinas und in die wechselhafte Geschichte des Landes, auch wenn mitunter grobe Vorkenntnisse hilfreich sind. So zeigt er etwa, wie Xi auf seinen Posten an der Ostküste von der wirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping profitiert. Oder wie ihm ausgerechnet das Tiananmen-Massaker im Juni 1989 den Weg in höchste politische Kreise öffnet. Denn Jiang Zemin, der sich in dieser tiefen Krise gegen erbitterte Rivalen durchsetzt, fördert später Xis Karriere.

Später ist es Bo Xilai, der zum größten Konkurrenten Xis im Kampf um die Macht wird. Bo ist Vertreter der maoistischen Renaissance, die sich gegen den marktwirtschaftlichen Kurs des Landes wendet. Er stolpert 2012 über Korruptionsskandale und den Mord am britischen Geschäftsmann Neil Heywood, für den seine Frau verurteilt wird. Bo selbst kommt lebenslang in Haft. Es ist das Jahr, in dem Xi Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission wird. Im Jahr darauf folgt die Präsidentschaft. Nun hat er Partei, Militär und Staat in seiner Hand.

Einmal an der Macht, greift Xi hart durch. Anders als sein Förderer Jiang verzichtet Xi auf eine kollektive Führung und eine Öffnung gegenüber dem Westen. Er setzt stattdessen auf Allmacht und totale Kontrolle, eine aggressive Außenpolitik und Personenkult. "Unter Xi wandte sich China nach innen", schreibt Sheridan im Epilog. Der Autor wertet das als Ende der Reformära. An deren Stelle trete "eine neue Ära, in der 'Sicherheit' und 'Kampf' das Vokabular der Partei beherrschten". Und in der Xi jegliche wirtschaftliche Freiheit und abweichende Meinung knallhart unterdrückt.

Der Mann, der als Jugendlicher in der Verbannung in einer Höhle lebte, ist zu einer der weltweit mächtigsten Figuren aufgestiegen. Sheridan schildert dies mit viel Insiderwissen und Verständnis für die Mechanismen des chinesischen Systems, die er den Leserinnen und Lesern nahebringt. Seine Xi-Biografie ist eine Bereicherung für alle, die sich näher mit der Großmacht China und ihren Machtzirkeln auseinandersetzen wollen.

Quelle: ntv.de

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