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Manga über den Zweiten Weltkrieg Hitler und der verlorene linke Arm

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Hitler hat den Zweiten Weltkrieg begonnen. Am Ende sind Millionen Menschen tot, liegt Europa in Schutt und Asche.

(Foto: Reprodukt 2019 / Mizuki Production 2019)

Shigeru Mizuki hat den Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib erlebt. "Ohne Hitler hätte ich immer noch meinen linken Arm", sagte er einmal. Das Leben des Diktators beschreibt der Zeichner in einem Manga. Intensiver und authentischer ist jedoch seine Darstellung des Pazifikkriegs.

Der Zweite Weltkrieg, der heute vor 74 Jahren in Europa endete, wurde zum Lebensthema von Shigeru Mizuki. Zwar war der Zeichner in seiner japanischen Heimat vor allem für seine Manga über Geister und Monster bekannt und preisgekrönt. Doch seine eigenen Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs ließen ihn nicht mehr los. Er verarbeitete sie in mehreren historischen Comics und wurde zum Teil einer Bewegung, die erstmals Mangas für Erwachsene zeichnete.

"Mein Schicksal wäre ein anderes gewesen. Mein Leben wäre nicht im Krieg ruiniert worden und ohne Hitler hätte ich immer noch meinen linken Arm", sagte Mizuki, der 2015 im Alter von 93 Jahren starb. Das Zitat steht im Klappentext von Mizukis Manga "Hitler", einem von zwei Werken, die der Reprodukt-Verlag zum Start einer Mizuki-Reihe auf Deutsch herausbringt. Die Reihe ist längst überfällig, gilt Mizuki doch in Japan als einer der großen Comiczeichner, während er in Deutschland kaum bekannt ist.

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Letzte Tage im Bunker - Hitler und Goebbels (als Manga von rechts nach links zu lesen).

(Foto: Reprodukt 2019 / Mizuki Productions 2019)

Die ersten beiden Bände sind gut gewählt: einerseits das Buch über Hitler, das vor allem in Deutschland auf Interesse stoßen dürfte. Das zweite Buch, "Auf in den Heldentod!", ist dagegen sehr persönlich und gibt einen Einblick in Mizukis Zeit als japanischer Rekrut im Südpazifik, wo er bei einem alliierten Bombenangriff seinen Arm verlor. Gemeinsam haben beide Bände Mizukis pazifistische Grundhaltung. In ihrer Ausrichtung sind sie jedoch recht unterschiedlich.

In "Hitler" - der 1971 erstmals als Buch erschien - erzählt Mizuki auf 285 Seiten die Biografie des selbsternannten "Führers", von den Tagen als gescheiterter Kunstmaler in Wien bis zu seinem Tod 1945. Stellenweise gerät der Band dabei zur Chronik, der gewissenhaft alle wichtigen Etappen in Hitlers Leben abhandelt. Erstaunlich viel Zeit verwendet Mizuki allerdings auf die Jahre bis zu Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 - mehr als die Hälfte des Buchs ist da bereits erreicht. Der Zweite Weltkrieg nimmt dann gerade mal 80 Seiten ein.

Der hasserfüllte Charakter des Diktators

Das mag auf den ersten Blick ungewöhnlich sein, doch Mizuki geht es darum, zu zeigen, wie Hitlers Aufstieg möglich war, vor allem aber: mit wem und durch wen er möglich wurde. Detailliert werden etwa die innerparteilichen Querelen zwischen Hitler und Gregor Strasser geschildert, die 1932 in einem regelrechten Machtkampf um die Ausrichtung der Partei gipfelten. Hitler setzte sich durch, Strasser wurde 1934 ermordet. Mizukis Figurenensemble besteht nicht nur aus den üblichen Nazigrößen Göring, Goebbels und Himmler, sondern auch aus Nebenfiguren, die allenfalls Historikern ein Begriff sind. Die Akribie, mit der Mizuki dabei vorgegangen ist, ist ein Gewinn.

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Akribisch gezeichnet sind auch die Hintergründe. Immer wieder sind historische Fassaden und prunkvolle Gemäuer zu sehen - wie sie auch heute noch viele japanische Touristen interessieren. Im starken Kontrast dazu stehen die mit wenigen Strichen gestalteten Figuren. Hitler und Konsorten werden ein ums andere Mal zur Karikatur und erinnern dabei an Chaplins "Großen Diktator". Die Überzeichnung ist Absicht. Doch Mizuki geht es weniger um Satire als darum, die persönliche Ebene der Geschichte zu betonen. Hitlers Wutanfälle, sein politischer Eifer, seine melodramatische Traurigkeit, als sich seine Nichte Geli umbringt: Mizuki kehrt Hitlers Inneres nach außen, potenziert es und entblößt damit den hasserfüllten, verbrecherischen Charakter des Diktators.

Problematisch an Mizukis "Hitler" sind ganz andere Aspekte. So stützte er sich bei seinen Recherchen Ende der 60er-Jahre etwa auf heute teils als überholt geltende Quellen. Soweit möglich, wurden diese Fehler in der deutschen Ausgabe korrigiert. Auffallend ist jedoch, dass der Holocaust in dem Band eine Randnotiz bleibt. Auch das ist zumindest teilweise der damaligen Geschichtsschreibung geschuldet. Erst später wurde der Massenmord an den Juden zu einem der zentralen Elemente der historischen Darstellung dieser Zeit. Beheben ließe sich dieses Manko, indem man parallel den Comic "Maus" von Art Spiegelman liest, in dem er die Erlebnisse seiner Eltern in deutschen Konzentrationslagern verarbeitet. Eine erste Vorarbeit dazu hatte Spiegelman 1972 veröffentlicht, ein Jahr nach Mizukis "Hitler".

Schikane im Pazifik

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Ausschnitt aus "Auf in den Heldentod!": Ein Soldat wurde schwer verwundet. Um ihn in der Heimat beerdigen zu können, wollen ihm zwei Kameraden einen Finger abschneiden.

(Foto: Reprodukt 2019 / Mizuki Production 2019)

Während sich Mizuki "Hitler" also aus Quellen erarbeitete und entsprechend distanziert bleibt, schildert er in "Auf in den Heldentod!" eigene Erlebnisse - seine Darstellung sei zu 90 Prozent wahr, schreibt der Zeichner im Nachwort. Der Manga ist direkter, authentischer und vor allem kritischer als "Hitler". Denn im Mittelpunkt stehen nicht Befehlshaber, sondern einfache Soldaten, die im Krieg schikaniert und verheizt werden. Der Band erlangt daraus eine zeitlose Aktualität.

1943 landen 500 japanische Soldaten auf Neubritannien und Neuirland im Südpazifik. Viele von ihnen haben keine Ausbildung, für die Offiziere sind sie deshalb nichts wert. Hinzu kommt das dröge Lagerleben, das von Schlägen durch die Vorgesetzten, entwürdigenden Befehlen und niederen Arbeiten bestimmt ist. Viele Soldaten leiden Hunger, einige erkranken an Malaria (wie Mizuki). Und dann greifen die US-Amerikaner an, lassen Bomben auf die Inseln fallen und die Soldaten werden von ihrem Kommandeur in ein Selbstmordkommando geschickt - in den Heldentod.

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Gerade die Darstellung des stumpfsinnigen Alltags ist die große Stärke des Mangas. Banale Unterhaltungen der Soldaten stehen neben brutalen, manchmal bizarren Situationen, als etwa ein Soldat bei der Suche nach Essen von einem Krokodil gefressen wird. Große Tragik und abgründiger Humor wechseln sich ab - wie bei "Hitler" nimmt das Mizuki auch hier in den Zeichnungen auf, die realistische Hintergründe mit überzeichneten Figuren mischen.

Im Grunde ist "Auf in den Heldentod!" der lohnendere Manga Mizukis. Denn hier hat er seine ganze Wut auf den Krieg und die Obrigkeit gebündelt, ohne sich in Zynismus zu ergehen. Nicht zuletzt schildert er einen Aspekt des Zweiten Weltkriegs, der in Deutschland kaum bekannt ist: den brutal geführten, verlustreichen Krieg im Pazifik. Mizuki ist ihm lebend entkommen, wenn auch ohne linken Arm.

Quelle: n-tv.de

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