Zurückgehen in der ZeitJudith Hermanns Ausflüge in die Vergangenheit
Von Sabine Oelmann
In welche Zeit würden Sie gern zurückgehen? Würden Sie sich lieber auf ein Konzert von Elvis in Las Vegas beamen lassen oder zu Ihrem Großvater, der für die SS in Radom stationiert war? Judith Hermann hat sich entschieden.
Sie findet die Spuren - mühsam. Jedenfalls ist das der erste Eindruck beim Lesen. Hermann landet im polnischen Radom und versucht, eine von der Familie lange verleugnete Geschichte ans Tageslicht zu befördern. Will man das? Es könnte unangenehm werden, schließlich war der Großvater an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos beteiligt. Aber Hermann macht sich unverdrossen ans Werk. Ihr in diesem Kapitel zu folgen, braucht Aufmerksamkeit und Kraft, sie vertüddelt sich ab und an in ihren eigenen Untertönen und Zwischenzeilen, um dann aber wieder umso genauer zurückzukommen.
Eine Klarheit, die ihre Mutter nicht mehr hat. Hermann will so vieles von ihr wissen, vor allem über ihren Großvater, doch die Mutter kann ihr keine Antwort geben. Will ihr keine Antwort geben. Sie hat mit sich zu tun, denn sie löst sich auf. "Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr bin", fragt sie ihre Tochter, und beantwortet diese Frage selbst mit "nichts".
Das stimmt nicht, natürlich nicht, sie hinterlässt Kinder, Enkel, Hermann schreibt, "die Erinnerungen meiner achtzig Jahre alten Mutter (an ihren Vater) sind widersprüchlich und durcheinander, immer schon widersprüchlich und durcheinander gewesen." Von ihr wird sie nicht viel erfahren.
Recht auf eigenes Vergessen?
Judith Hermann begibt sich also nicht nur auf eine Reise an andere Orte oder andere Zeiten, sie begibt sich auch in ihr Inneres. Das ist, wie die meisten wissen, die anstrengendste Reise. Sie fragt sich, ob es ein Recht auf eigene Erinnerung gibt. Und dementsprechend auch auf eigenes Vergessen. Wird sie die Gegenwart von der Vergangenheit trennen können, und wie lange und wie sehr hängt uns die eigene Geschichte in den Knochen und der DNA? Geht uns das Leben unserer Vorfahren eigentlich etwas an, oder haben sie nicht auch ein Recht auf ihre Geheimnisse, müssen wir immer alles aufdecken, alles wissen?
Liest man weiter, wird man sehr belohnt. Nicht mit den üblichen Erkenntnissen, die müssen wir schon selbst entdecken. Was Judith Hermann bewiesenermaßen wirklich richtig ausgezeichnet kann, ist erzählen! Das ist zwar nicht neu, sie ist schließlich eine überaus erfolgreiche Autorin, aber in diesem Buch fällt auf, dass sie am besten erzählen kann, wenn sie sich selbst in Beziehung zu anderen setzt.
Die Geschichte, wie sie aus Radom weiterreist nach Neapel zu ihrer Schwester, die dort mit ihrer Familie lebt, ist wunderbar. Von Isabell Allendes "Geisterhaus" bis zu den Entdeckungen, die man im verschütteten Pompeji noch heute machen kann, ist es eine Familiengeschichte, von der man immer mehr wissen will: Eigenwillige Charaktere, ruhige Schilderungen, man riecht Süditalien förmlich, und das ganz ohne den üblichen Kitsch sonst quasi permanent duftender Zitronen. Zwischendurch landen wir in der Berliner Bamberger Straße, wo sie mit ihrer Schwester die Cousinen trifft. Eine kurze absurde Erzählung, etwas, das jeder kennt, der sich mit seiner Familie wirklich anfreunden will und es dann doch nicht hinkriegt, aus welchen Gründen auch immer. "Ich wusste, dass ich ein solches Treffen nicht initiieren würde", schreibt Hermann.
Pepsi trinkend und Panino essend sitzen die Schwestern in Pompeji und auch hier stößt Hermann auf eine Mauer, als sie mit ihrer Schwester diese Cousinen-Begebenheit, die "Geschichte der Traurigkeit" besprechen will. Ihre Schwester will sich daran nicht erinnern, dafür fällt ihr was anderes ein, woran Judith nun wieder keine Erinnerung hat. Sagt sie. Warum ist das passiert, was passierte, fragt Hermann. Weil sie "zwanghaft Leute anstarren" müsse, antwortet die Schwester. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Unter Geschwistern muss man manchmal nicht viel sagen, auch wenn man möchte.
Tidslomme
Folgerichtig, nachdem man Hermanns Ursprungs-Familie etwas kennengelernt hat, fragt man sich, was ist eigentlich mit deinen eigenen Liebsten? Und dann kommt auch schon – leider – das letzte Kapitel, "Tidslomme" genannt. "Tidslomme" ist ein dänischer Begriff und bedeutet wortwörtlich "Zeittäschchen". Er beschreibt einen Moment oder einen Ort, an dem die lineare Zeit stillzustehen scheint. Er bietet einen Raum zum Innehalten, in dem Erinnerungen aufbewahrt werden, während anderes verblasst. Die Eltern ihres Mannes waren an einem solchen Ort, und wie Hermann das erzählt, ohne plakativ zu werden, ohne ins Detail zu gehen, ohne jemanden zu entblößen, das ist wirklich wunderbares Kopfkino. Reine Melancholie.
Nach "Tidslomme" sollte man sich mit diesem Buch auch begeben: Und darüber nachdenken, wohin man mal verschwinden oder zurückgehen wollen würde. Wo einen keiner kennt, niemand fragt, was machst du gleich, was hast du eben gerade gemacht, wie lange noch, was denkst du? Und sich fragen, ob es nicht durchaus okay ist, einige Dinge zu vergessen.
