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"Schunkeln is awesome!" Wie man ein typischer Deutscher wird

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Deutschland ist laut der Umfrage der BBC weltweit das beliebteste Land.

(Foto: picture alliance / dpa)

Deutschland liegt bei den Briten im Trend. Der lebende Beweis ist Adam Fletcher. Der Engländer beschäftigt sich intensiv und britisch-humorvoll mit den Traditionen und Skurrilitäten der Deutschen. Die sind offenbar lustiger, als man vermutet.

Was ist eigentlich typisch deutsch? Im Land der Dichter und Denker tut man sich schwer mit der Frage nach der eigenen Identität. Für den Rest der Welt sind die teutonischen Kultur-Kämpfe offenbar nebensächlich. Die Umfrage der BBC vom Juni 2014 zeigt, dass Deutschland weltweit das beliebteste Land ist. Noch erstaunlicher an der Auswertung dürfte ein anderer Aspekt sein: Nirgendwo sonst auf der Welt werden die Deutschen offenbar so sehr gemocht wie in Australien und, wer hätte das gedacht, im Vereinigten Königreich.

Spätestens seit der BBC-Dokumentation "Make me a German" (2013) lechzen die Briten förmlich nach Wissen über das Volk, das viele von ihnen immer noch als "Krauts" verunglimpfen. Vor Kurzem endete im British Museum in London die Sonderausstellung "Germany - Memories of a Nation", begleitet von einer 30-teiligen Radiosendung in der BBC - mit überwältigendem Erfolg.

Deutschland liegt bei den Briten im Trend. Laut jüngstem Migrationsbericht leben 103.427 Exil-Briten in Deutschland, Tendenz steigend. Einer von ihnen ist Adam Fletcher. Der 31-Jährige bezeichnet sich selbst als "bad Englishman", rühmt sich dafür aber für seinen ausgeprägten "Ausländerblick". Dieses Talent hat ihm bereits zu den Bestsellern "Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten" und "Denglisch for Better Knowers" verholfen. Das Erfolgsrezept ist denkbar einfach: Mische dich unter die Deutschen, beobachte ihre Sitten und ihre Sprache und bringe schließlich deine Erfahrungen mit viel britischem Humor zu Papier.

Mut zum Selbstexperiment

Für sein neuestes Werk "Make me German" geht Fletcher noch einen Schritt weiter. Während man dem kahlköpfigen Autor unterstellen könnte, dass er in seinen ersten beiden Werken lediglich gängige Klischees bedienen wollte, ist er nun darum bemüht, eine authentischere Darstellung der Deutschen zu liefern - und wagt deshalb eine Reihe von Selbstexperimenten.

Anstatt nur zu beobachten, lautet nun also Mitmachen die Devise. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Unverständnis beschreibt der Wahl-Berliner seine Erfahrungen mit Deutschen, die er zumeist als pedantisch, vor allem aber als traditionsversessen wahrnimmt.

Schützenfest, Malle, Tatort

Zunächst verschlägt es Fletcher auf ein Schützenfest. Dieser - lediglich regional verbreiteten - Tradition kann er allenfalls etwas abgewinnen, weil er dort den "Höhepunkt menschlicher Kulturentwicklung" kennenlernt: das Schunkeln. Diese Bewegung (oder ist es doch nur der Begriff?) löst bei ihm solch eine Begeisterung aus, dass er "Schunkeln is awesome!" zum Leitmotiv seines Buches wählt.

Natürlich darf deshalb bei seinem Projekt ein eigens einstudierter Schlager ebenso wenig fehlen wie ein Pauschalurlaub auf Mallorca. Die meisten seiner Unternehmungen sind ziemlich amüsant - zumindest für die Leserschaft. So macht er Bekanntschaft mit dem deutschen Behördensystem sowie der Deutschen Bahn, die ihn gleichermaßen an den Rand der Verzweiflung treiben. Ebenso qualvoll gestaltet sich für den wehleidigen Engländer eine Woche, in der er sich täglich für zehn Stunden dem deutschen Fernsehprogramm hingibt. Immerhin entschlüsselt er am Ende das Geheimnis des "Tatort"-Erfolgs.

Humorvolle Liebeserklärung

Mit viel britischem Humor hält Fletcher den Deutschen den Spiegel vor, wobei er sich allerdings nicht vollkommen vom Klischee-Denken lösen kann. Als deutscher Leser muss man vor allem über sich selbst lachen können. Wie die bisherigen Bücher ist auch "Make me German" zweigeteilt: Die eine Hälfte ist auf Deutsch, die andere auf Englisch - schließlich ist die eigentliche Zielgruppe außerhalb des deutschsprachigen Raums zu verorten. Damit Fletchers Wortspiele und sein Witz voll zur Geltung kommen, empfiehlt es sich, das Buch umzudrehen und die englische Variante zu lesen.

Wer bei dem Buch eine umfassende Betrachtung des modernen Deutschland erwartet, kommt nur bedingt auf seine Kosten. Die stark selektive Wahrnehmung dürfte dazu führen, dass nicht wenige deutsche Leser "den Deutschen", wie er von Fletcher beschrieben wird, in sich selbst nicht wiedererkennen. Ebenso wenig können ausländische Leser eine Handlungsanleitung zum "Deutschsein" erwarten - auch wenn der Titel des Buches es anders suggeriert.

Nicht einmal die Frage, was denn typisch deutsch ist, kann "Make me German" am Ende wirklich klären. Doch letztendlich geht es gar nicht darum. "Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt", wusste schon der greise Goethe zu berichten. Fletcher ist so ein englischer Gewinner, denn ihm gelingt erneut ein lesenswertes Stück Unterhaltungsliteratur. Sein liebe- und humorvoller Blick auf die Traditionen und Skurrilitäten der Deutschen ist als eine Liebeserklärung an das Land zu verstehen, das er vor nunmehr acht Jahren als neue Heimat gewählt hat.

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Quelle: ntv.de