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Raus aus der Komfort-Zone "Atlas" - über Wohnwahnsinn und alte Schuld

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Hat er Schuld? Vielleicht. Ist das ein Grund für ewige Scham? Sicher nicht. Rainer Bock als Walter.

(Foto: dpa)

Entmietung, Enteignung, Eigenbedarf - die andere Seite von "Schöner Wohnen". In Zeiten, in denen an jeder Ecke Geschäfte aufmachen, die Wohnaccessoires und Samtsofas anbieten, in denen man Interior-Bloggern auf Instagram folgt wie früher Pop-Stars, in denen ein jeder es - angeblich - versteht, es sich hygge zu machen in seinem tiny home, vergisst man leicht, dass es bei vielen Leuten ums nackte Überleben geht. Darum, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben oder das, was man hat, zu behalten. Und darum geht es in "Atlas", einem Film voller feinfühliger Schauspieler, die Regisseur David Nawrath in seinem Kino-Debüt um sich herum versammelt hat. Er erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte, die sich unter dem Druck einer kriminellen Entmietung verdichtet.

Zusammen mit seinem Speditionstrupp soll der Möbelpacker Walter (Rainer Bock), ein in die Jahre gekommener ehemaliger Gewichtheber, eine Wohnung räumen. Als sich die Tür zu dem Altbau öffnet, glaubt er in dem jungen Familienvater (Albrecht Schuch) seinen Sohn zu erkennen, den er als kleines Kind zum letzten Mal gesehen hat. Es beginnt eine vorsichtige Annäherung und ein folgenreicher Versuch, die junge Familie aus der Gefahr zu retten. Mit n-tv.de sprechen David Nawrath und Hauptdarsteller Rainer Bock, der momentan auch in "Der Fall Collini" zu sehen ist, über Muskeln, Miete und Männer, die nicht viel reden, aber viel zu sagen haben.

n-tv.de: Ein Film, der einen aufsaugt, der einen sehr vereinnahmt ... Wie hat das am Anfang auf Sie gewirkt, Herr Bock, als Sie das Drehbuch angeboten bekamen?

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Möbelpacker - nichts für Zartbesaitete.

(Foto: Pandora Filmverleih)

Rainer Bock: So ein Drehbuch bekommt man als Schauspieler nicht alle Tage in die Hände. Dass das etwas ganz Tolles ist, war mir sofort klar. Dass ich zum Casting gebeten wurde, fand ich allerdings merkwürdig, denn ich hielt mich anfangs für die klassische Fehlbesetzung (lacht). Da standen Regieanweisungen und Beschreibungen drin wie "… hat Hände wie Bratpfannen, … sein Muskelspiel zeichnet sich unter dem T-Shirt ab …", da habe ich schon sehr gelacht.

Sie sind aber hingegangen zum Vorsprechen …

RB:  … ja, verhältnismäßig entspannt. Und es hat Spaß gemacht! Ich bin dann aber gegangen mit der Vermutung, dass ich nichts mehr hören werde. Und dann rief David mich an mit dem Satz, den ich wirklich all meinen Kollegen einmal im Leben gönnen würde: "Ich kann mir meinen Film ohne dich nicht mehr vorstellen." Da war ich tief gerührt. Dann habe ich aber gefragt, wo der Haken an der Sache ist. "Du müsstest wohl ein halbes Jahr ins Fitnessstudio", hat David gesagt (lacht), und das habe ich dann auch beherzigt.

Es gibt Schlimmeres, oder?

RB: Naja, für so einen alten Körper ist das schon schlimm. Aber das Drehbuch wirkte auf mich wie die Möhre, die vor dem Esel hängt, der er hinterhertrottet.

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David Nawrath erzählt wie es ist, wenn einem die Sicherheit genommen werden soll.

(Foto: imago/Future Image)

David Nawrath: Du musstest ganz schön viel essen, oder?

RB: Ja, es waren Muskeln und Bauchansatz gewünscht (lacht). Immerhin musste ich nicht abnehmen! Ich habe eine ganz andere Körperlichkeit bekommen und einen anderen Gang. Ich sollte, sagen wir es mal so, appetitlich aufgerüstet werden.

DN: Rainer hat ein Dreivierteljahr trainiert. Und beim Dreh selbst, wo er keine Gelegenheit mehr hatte, so hart zu trainieren, konnte man quasi dabei zugucken, wie der Körper wieder abbaut.

RB: Na, na …

DN: Das war mir auch nicht klar, dass das so schnell geht (lacht).

RB: Wir haben 10 bis 12 Stunden täglich gedreht und zwar sechs Wochen lang. Das schaffe ich nicht mehr, danach noch in die Muckibude zu gehen.

Die Rolle des Walter ist jetzt nicht wirklich gesprächig und alles in allem ist sie wirklich ungewöhnlich …

DN: Ich weiß, was Sie meinen, die Rolle geht quasi komplett gegen die Schauspielernatur. Ein Schauspieler will sich zeigen, strahlen, dazu ist er da, er hat ein exponiertes Wesen. Und die Rolle des Walter ist genau das Gegenteil. Die absorbiert eher, als dass sie strahlt, sie ist fast unsichtbar. Rainer selbst ist eher lustig, er redet gerne, er kommuniziert gern, da kann man jetzt wirklich nicht von einer 1:1-Typbesetzung sprechen.

Was haben Sie denn in ihm gesehen?

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Der Sohn ist nun selbst Vater.

(Foto: Pandora Filmverleih)

DN: Wir haben lange gesucht, ich habe mir viele Männer angeguckt, die infrage hätten kommen können. Als Rainer den Raum betrat, hat es ungelogen 30 Sekunden gedauert, bis mir klar war: Der ist es!

Haben Sie das auch gleich gemerkt, Herr Bock?

RB: Nein, überhaupt nicht. Aber das war egal, denn was dann kam, ist ja viel wichtiger. Wir haben uns die Figur später zusammen erarbeitet, so empfinde ich das jedenfalls. Ich hatte gewisse Ressourcen, das wird wohl stimmen, aber es hat viel mit der Persönlichkeit zu tun, des Regisseurs, des Schauspielers, es ist ja nicht alles Technik. Ich habe ganz stark danach gesucht, was mich mit dieser Figur des Walter verbindet.

Und Sie haben es gefunden …

RB: Ja, ich habe mir vorher aber zum Beispiel immer ganz genau angeguckt, wenn ich auf der Straße Umzugsunternehmen gesehen habe, wie die Männer sich bewegen, ob die reden oder nicht … Ich war mir anfänglich ja nicht sicher, wie der sein soll, der Walter. Dass der so schweigsam ist, war für mich zuerst eine wahre Tortur. Ich musste noch nie so wenig Text für so eine große Rolle lernen, angenehm eigentlich (lacht). Nach Drehschluss habe ich dann geredet wie ein Buch …

DN: Das stimmt (lacht).

Der Film hat neben dem Bekenntnis zur Familie, auch wenn sie schwierig ist, noch einen anderen großen Aspekt: Es geht um das Thema Wohnen.

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Die heilige Familie.

(Foto: Pandora Filmverleih)

DN: Die Gefahr ist natürlich, dass man bei solchen Filmprojekten nur in eine Richtung abdriftet und uns war klar, das wollen wir nicht. Den Film gibt es ja überhaupt, weil zum Beispiel ich in Berlin lebe und täglich mitbekomme, was hier links und rechts um einen herum passiert, Stichwort Gentrifizierung. Ich kenne Leute, die davon betroffen sind, man sieht, wie das die Menschen verändern kann, wenn es um die Bedrohung geht, dass einem der Wohnraum weggenommen werden kann, dass es knapp wird. Wegen Eigenbedarf, wegen Mieterhöhung. Das lässt mich nicht kalt. Man spürt eine tiefe Ungerechtigkeit und da lag es nah, das Thema aufzugreifen. Aber im Zentrum steht in unserem Film immer der Mensch und das Zwischenmenschliche. Und natürlich beleuchten wir in einem Spielfilm nur Einzelschicksale, aber gleichzeitig lenkt man die Aufmerksamkeit auf ein großes Problem.

Inwiefern?

DN: Die Gentrifizierung ist wie eine Bühne für die Arm-Reich-Schere, die gerade so drastisch auseinandergeht. Und wie die Politik es nicht schafft, das zu regeln. Vielleicht auch gar nicht kann. Oder will. Meiner Ansicht nach ist Enteignen jedenfalls nicht der geeignete Weg aus der Wohnungsnot. Das kann man doch ganz einfach aus der Vergangenheit lernen. Dass es jetzt so weit gekommen ist, ist schon ein Drama. Aber vielleicht braucht es diesen Warnschuss, damit die Politik aufwacht. Den Leuten, die in der Situation sind, wohnungslos zu sein oder keine Wohnung zu bekommen, kann man allerdings keinen Vorwurf machen, dass sie sich irgendwann mal wehren.

Dieser Film hat übrigens noch einen Aspekt mehr, nicht nur Familie und Wohnungsmarkt, sondern auch noch die Clan-Kriminalität in Großstädten.

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Albrecht Abraham Schuch und Thorsten Merten in einer unangenehmen Situation.

(Foto: Pandora Filmverleih)

RB: Ja, aber der David hält den Ball ja extrem flach. Er versucht zwar, im "Klischee" zu bleiben, aber wenn es nun mal so ist wie es ist? Wir können ja nichts dafür, dass es diese Art von Clans gibt. Es geht ja nicht um Rassistisches, oder Ressentiments Ausländern gegenüber, es geht einfach gegen kriminelle Strukturen, die in unserer Gesellschaft als Parallelgesellschaft existieren. Und man muss sich fragen: Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte das nicht frühzeitiger erkannt und unterbunden werden? Eine Razzia mehr oder weniger ist ja geradezu lächerlich. An eine Zerschlagung dieser Art von Kriminalität kann ich nicht glauben. Ich finde, der Film blickt da recht realistisch drauf, sehr authentisch. Ich habe übrigens noch einen vierten Themenkomplex für diesen Film im Angebot.

Der da wäre?

RB: Das Thema Zivilcourage. Wer traut sich was zu? Nehmen wir aktiv Teil an der Entwicklung in unserem Land? Stehen wir auf, wehren wir uns, gehen wir bei Ungerechtigkeiten dazwischen, mischen wir uns ein? Ich finde, wir sind auf einem ganz guten Weg momentan, man geht ja wieder auf die Straße.

Zurück zu Walter: Dass der sich als Vater verkrümelt hat, hat ja einen Grund …

RB: Sogar zwei. Zum einen wollte er der Entwicklung seines Sohns nicht im Wege stehen und außerdem musste er untertauchen. Dann hat er sich einen sehr kleinen Kosmos aufgebaut, er hat kaum Freunde, keine Beziehung, das ist alles sehr knapp gehalten, ein wirklich kleines Leben. Dass er da wieder rausgeht, nachdem er seinen Sohn erkennt, dass er etwas riskiert, das ist für mich auch Zivilcourage. Wenn man bereit ist, für seine Haltung etwas zu opfern. Und das ist er, denn er hätte auch weiter schweigen können. Er versucht es Schritt für Schritt.

DN: Ich finde, bei seiner Figur geht es ja um etwas ganz Großes: um Scham. Wir reden immer von Schuld, aber es ist in gewisser Weise eben auch Scham, denn Scham wird zu einer unsichtbaren Mauer, die einen umgeben kann.

RB: Schuld und Scham liegen ja dicht beieinander ...

DN: Ja, aber Walters Schuld ist gar nicht so groß, und was daraus für eine Scham erwächst …

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"Atlas" startet am 25. April in den deutschen Kinos.

(Foto: Pandora Filmverleih)

RB: Es geht halt um seine Empfindungen. Ganz wichtig ist doch, wie er auf Wiederentdeckung seiner eigenen Empathie ist. Wie in ihm etwas zu puckern anfängt. Davon lässt er sich leiten. Er sieht ein Leben, das seines Sohnes und das seines Enkels, das er in der Form nie gehabt hat.

DN: Er erwacht wie aus einem Winterschlaf und seine Eiskruste bricht auf.

Walter ist einem trotz allem sympathisch, man möchte ihn in den Arm nehmen …

DN: Ja, und vor allem möchte man ihm ja den ganzen Film lang zurufen: Tu' etwas! Wach' auf, es ist nie zu spät, Dinge zu ändern! Vielleicht sollten wir uns das alle immer mal wieder selbst zurufen.

Mit Rainer Bock und David Nawrath sprach Sabine Oelmann

"Atlas" startet am 25. April im Kino.

Quelle: n-tv.de

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