Kino

Darf man den Tod verschweigen? "Farewell": Familienrat im Kino

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Im Film "Farewell" trifft eine verstreute Familie zusammen, um gemeinsam Abschied zu nehmen.

(Foto: Nick West / DCM A24)

Billis Oma hat Krebs, aber Billi darf es ihr nicht sagen. Die Familie hat entschieden, dass sie ohne Sorgen sterben soll. Der Film "Farewell" verhandelt liebevoll, scharfsinnig und mit genau dem richtigen Witz den Umgang mit dem Tod.

Du sollst nicht lügen, heißt es. Aber ist eine Lüge erlaubt, wenn sie tröstet? Wenn sie schützt und für den Moment lang heil erscheinen lässt, was zu zerbrechen droht? Vor der Frage stehen im Filmdrama "Farewell" die US-Amerikanerin Billi (Awkwafina) und ihre Familie. Bei der Großmutter wird Krebs diagnostiziert und während die noch nicht ahnt, dass die Schatten auf dem Röntgenbild nichts Vorübergehendes bleiben werden, packen ihre Verwandten bereits die Koffer. Unter dem Vorwand einer Hochzeit reisen die Familien aus den USA und Japan zurück in ihr Geburtsland China, um nach Jahrzehnten der Trennung zum ersten Mal gemeinsam an einem Tisch zu sitzen.

In China sei es nicht unüblich, dass Angehörige ihren sterbenden Verwandten ihre Krankheit verheimlichen, wird zu einem späteren Zeitpunkt ein Arzt erklären. Sie sollen das Ende ihres Lebens nicht mit Angst verbringen - so die Theorie. In "Farewell" ist es die Enkelin Billi, die seit ihrem sechsten Lebensjahr in den USA aufgewachsen und entsprechend westlich sozialisiert ist, die sich an dieser Praxis am meisten reibt. Was, wenn ihre Großmutter, ihre Nai Nai, noch etwas zu erledigen hat?

Wenn Trauer verbindet

"Farewell" zeigt, wie Trauer verbindet und wie Trauer trennt. Regisseurin Lulu Wang hat einen scharfen Blick für die feinen Zärtlichkeiten, die Familienmitglieder einander entgegenbringen, auch wenn sie sich fremd fühlen. Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich im Moment der Schwäche eine Zigarette teilen. Cousins, die miteinander wenig anfangen können, sich aber stützen, wenn einer von ihnen zusammenbricht. Doch "Farewell" verheimlich nicht, dass der Umgang mit Verlust auch zu Konfrontation führen kann, weil er offenbart, wie unterschiedlich die Wertesysteme sind, die die Trauernden ihrem Handeln zugrunde legen.

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Billi will ihrer Nai Nai die Wahrheit sagen, doch die Familie lässt sie nicht.

(Foto: Casi Moss / DCM A24)

Immer wieder geht es in "Farewell" um Wurzeln. Es wird wichtig, wer wie gut Chinesisch spricht. Wer an Selbstverwirklichung glaubt und wer in einem Ganzen aufgehen will. Ob die USA die große Chance versprechen oder China schon immer alles geboten hat oder doch jedenfalls genug. Der Film gibt keine Antworten. Außer vielleicht die, dass alle Lebensrealitäten nebeneinanderstehen, durch Liebe verbunden sein und damit als validiert gelten können.

"Farewell" verhandelt Themen mit Tiefe, doch im Kern ist "Farewell" kein Trauerstück. Der Film ist wahnsinnig traurig, das schon. Aber er ist auch immer wieder auf diese liebevolle Art komisch, die einen mit schiefgelegtem Kopf treudoof die Mundwinkel zum Grinsen verziehen lässt. Es entbehrt eben nicht einer gewissen Komik, wenn ausgerechnet "Killing Me Softly" der Karaoke-Song der Wahl ist oder Familienmitglieder gemeinsam zur Massage pilgern, "damit niemand krank wird". So ist es ja eben wirklich: Auch im größten Schmerz muss man irgendwann mal lachen und das ist dann nicht nur okay, sondern gerade richtig. Kurz bevor der Abspann läuft, wird die eine oder andere Träne kullern. Aber "Farewell" lässt seine Zuschauer mit einem durchweg wohligen Gefühl zurück. Wenn das Licht wieder angeht, rufen Sie Oma an. Oder Ihre Mutter oder Ihren Bruder. Dafür ist es nie zu spät.

"Farewell" startet am 19. Dezember in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de