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Sehen gut aus, fühlen sich grässlich: Michael Hanekes Figuren in "Happy End".
Sehen gut aus, fühlen sich grässlich: Michael Hanekes Figuren in "Happy End".(Foto: HAPPY END / X Verleih AG)
Donnerstag, 12. Oktober 2017

Die armen Reichen: "Happy End" mit Menschenopfern

Von Anna Meinecke

Dass sich bei "Happy End" am Schluss nur einer die Hände reibt, sollte eigentlich klar sein. Michael Haneke hat mit seinem neuesten Film eine Menge Frust auf die Leinwand gebannt. Die Bourgeoisie zerlegt sich. Keine Pointe.

Was passiert eigentlich, wenn man seinem Hamster Antidepressiva verabreicht? Nichts Gutes? Tatsache. Und was passiert eigentlich, wenn man selbst einmal ordentlich in den Pillenvorrat langt? Brechreiz? Tod? Aufmerksamkeit? Die Protagonisten von "Happy End" flirten mit der Vergänglichkeit, weil sie selbst in Begriff sind, zu verschwinden, wo sie noch in der Blüte ihres Lebens stehen oder doch wenigstens in einem Leben, das nicht das Schlechteste ist.

Im Zentrum von "Happy End" steht eine Familie. In der französischen Küstenstadt Calais betreibt sie ein Bauunternehmen - erfolgreich, dem Mobiliar des Familienanwesens nach zu schließen. Vorgestellt werden die einzelnen Mitglieder des Clans nicht. Der Zuschauer muss sich ihr Elend schon selbst zusammenreimen. Er wird es bis zuletzt nicht ganz begreifen.

Fortsetzung für "Liebe"

(Foto: X Verleih AG)

Hanekes letzter Film, "Liebe", gewann 2012 die Goldene Palme, den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes. Es folgten erst ein Golden Globe, dann ein Oscar als bester fremdsprachiger Film. Dass der Patriarch von "Happy End" wie die Hauptfigur in "Liebe" Georges heißt und von Jean-Louis Trintignant gespielt wird, legt die Lesart nahe, in "Happy End" eine Art Fortsetzungsfilm zu sehen.

Eine Frage wäre damit also beantwortet: Nein, Georges stirbt nicht mit seiner Frau gemeinsam. Der Georges, den Haneke nun präsentiert, wäre das wohl aber gern. Jedenfalls nutzt er jede Gelegenheit dazu, Komplizen für ein schnelleres Lebensende zu engagieren. Wieso nicht der Barbier? Wieso nicht eine Gruppe schwarzer Männer, die er auf der Straße aufgabelt? Wieso nicht ein Kind?

Dämon mit Handykamera

Weil man den Figuren nicht richtig nahe sein kann, muss man ihre dysfunktionalen Beziehungen eben aus der Distanz betrachten. Lieblos tauschen sie Gesten der Zärtlichkeit aus, die allenfalls Überbleibsel internalisierter Etikette, keinesfalls aber Ausdruck echten Mitgefühls sind. Sie sind unsympathisch. Und so ist "Happy End" denn neben seiner visuellen Anziehungskraft auch ein lustvoll unsympathischer Film.

Die Sonne scheint über Calais. Aber das ist auch schon alles. Im korrumpierten Kind bündelt sich der Schmutz. Was man im Erwachsenen als Malaise romantisieren könnte, wird in den Augen des Heranwachsenden zum vernichtenden Urteil über das Leben. Georges' Enkelin, Eve, gerade ein Teenager, wandelt als Dämon durch den Film. Sie braucht keine rot animierten Augen, sie braucht nur ihre Handykamera. Ein Geheimnis, ein paar Pillen, einen Abhang. Opa rollt.

"Happy End" startet am 12. Oktober in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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