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Punk, Pfarrer und PolitikHiddensee - Insel der Nacktbader, Künstler und Aussteiger

20.08.2026, 15:00 Uhr a02Von Andrea Beu
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Hier wird nackt gebadet - oder auch nicht: Jede, wie sie will. (Foto: © Weltkino Filmverleih)

Hiddensee ... den Namen der Insel sprechen die einen voller Sehnsucht aus, für andere wiederum ist sie gar nichts. Das Ostsee-Eiland ist nur klein, aber von großer Schönheit und voller irrer, spannender, auch konfliktreicher Geschichten. Der Film "Hiddensee" erzählt einige von ihnen aus den vergangenen 100 Jahren.

"Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee", sang einst Nina Hagen, als sie noch DDR-Bürgerin war. Und Angela Merkel wünschte sich beim Zapfenstreich zu ihrer Verabschiedung als Bundeskanzlerin unter anderem diesen Schlager, also "Du hast den Farbfilm vergessen", vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr. Sanddorn wächst leider kaum noch auf der Insel - aber sonst ist vieles hier so, wie es immer war. Ein Grund für viele, immer und immer wieder herzukommen. Oder wie es gleich am Anfang des Films "Hiddensee" von Annekatrin Hendel heißt: Wer einmal hier war, kommt immer wieder - oder nie mehr.

Schon vor 100 Jahren hat die kleine Ostseeinsel viele Besucher magisch angezogen, darunter viele bekannte und große Namen: Nobelpreisträger wie Gerhart Hauptmann und Albert Einstein, Schriftsteller wie Kurt Tucholsky und Joachim Ringelnatz, die Tänzerin Gret Palucca, den dänischen Stummfilmstar Asta Nielsen ... und zu DDR-Zeiten die ganze Promi-Bandbreite von Schauspielerin Inge Keller über "Sudel-Ede" Karl-Eduard von Schnitzler (und nun ihre gemeinsame Tochter Barbara Keller) bis hin zu Mitgliedern der Punkband Feeling B (die in Teilen heute zu Rammstein gehört).

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Paul Landers, Aljoscha Rompe und Christian "Flake" Lorenz: Mitglieder der DDR-Punkband Feeling B (v.l.). (Foto: IT WORKS!/Peter Brune)

Jede Menge Prominenz - und Aussteiger

Regisseurin Annekatrin Hendel reist in ihrem Film in der Zeit zurück und wieder vor - komplett in Schwarz-Weiß; so gibt es keine farblichen Brüche zwischen den historischen Fotos und den aktuellen Aufnahmen. Der Film springt immer wieder zwischen heute und damals, mit all den Brüchen und Konflikten der Geschichte. Beginnend in der Weimarer Republik, während der die Insel schon 1922 mit dem Slogan "kein Luxusbad - judenfrei" um Badeurlauber warb, sich aber auch viele Künstler und Freigeister dort gern und oft aufhielten. Und Literaturnobelpreisträger Hauptmann sich im Ort Kloster ein Haus kaufte, in dem er dann auch während der NS-Zeit vergnüglich lebte und gern eine Weinlieferung von Albert Speer entgegennahm. Dennoch wurde er nach seinem Tod 1946, also kurz nach Kriegsende, mit großen Ehren auf dem Hiddenseer Inselfriedhof feierlich beigesetzt - im Beisein des späteren DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck.

In der DDR wurde die Insel dann einerseits zum Zufluchts- und Sehnsuchtsort für jene, die der Enge des realsozialistischen Landes entfliehen wollten, oft mit Saisonjobs in der Gastronomie. Wer dabei war, redet heute noch gern davon - auch im Film kommen einige zu Wort. Glücklich, wer ein Fährticket oder gar eine Unterkunft ergattern konnte! Da steigen etwa Erinnerungen hoch an die legendären Konzerte von Feeling B am Strand, die die halbe Insel beschallten. Aber auch Kabarettist Uwe Steimle ist kurz zu hören, wie er bei seinem Auftritt im Zeltkino, mit großem Engagement unterstützt von Bürgermeister Thomas Gens, kürzlich vor und mit den Zuschauern die DDR-Hymne singt.

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"Neues Deutschland": Zeitungslektüre am Strand, 1980er. (Foto: IT WORKS!/Peter Brune)

"Eingebildet kommt man hier nicht weit!"

Man sieht Hiddensee-Bewohner bei ihrer täglichen Arbeit - etwa bei der Physiotherapie, im Kleidergeschäft oder im Inselmuseum - oder erfährt von ihnen, wie es sich hier lebt und wie es früher hier war. So sagt eine 100-Jährige: "Früher war alles schön!", um sich dann aber doch zu erinnern, wie sie als Postbotin den Frauen und Müttern auf Hiddensee im Zweiten Weltkrieg die Todesbotschaften der gefallenen Männer und Söhne überbringen musste. Und wie unbeliebt Hauptmann auf der Insel war, denn: "Eingebildet kommt man hier nicht weit!" Und man erfährt, warum die Schauspielerin Inge Keller sich Ende der 1970er ein Haus auf der Insel bauen lassen konnte - obwohl es doch offiziell einen Baustopp gab. Wie hieß es doch in der DDR im Volksmund: Hier sind alle gleich, aber manche sind gleicher!

Doch nackt sind dann auch wieder alle wirklich gleich und das ist gleich geblieben: Auf Hiddensee geht jeder ins Wasser und am Strand lang, wie er will - ob nun mit Badekleidung oder ohne. Und auch ohne Beachtung irgendwelcher "FKK-Strand"-Schilder. (Das gilt allerdings auch für Hunde am Strand - der Bereich des "Hundestrands" wird von den Tierbesitzern sehr freizügig ausgelegt.)

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Junges Paar am Strand, 1980er. (Foto: IT WORKS!/Peter Brune)

"Hiddensee ist nicht Mallorca!"

Hendels Hiddensee-Film ist kein touristisches Hochglanzstück a la "So schön ist es auf ...". Ihr gelingen sehr berührende Aufnahmen und die umwerfende Schönheit der Insel zeigt sich auch in Schwarz-Weiß. Doch sein Schwerpunkt liegt auf der wechselvollen Geschichte Hiddensees der letzten 100 Jahre und er ist zeitweise auch sperrig, mit etwas zu viel Gerhart Hauptmann. Die Konflikte der jüngeren Vergangenheit nehmen einen großen Raum ein, vor allem der zwischen Bürgermeister und Fischbrötchenverkäufer Gens (den man wohl ohne Übertreibung umstritten nennen darf) und dem Inselpastor Konrad Glöckner. Auch wenn der Hintergrund der Auseinandersetzungen etwas vage bleibt, wird doch klar: Es gibt offenbar unterschiedliche Ansichten darüber, was aus Hiddensee werden soll, wohin die Reise geht. Mehr bauen, weniger bauen, gar nicht bauen ...? Mehr (Kreuzfahrt-)Touristen anlocken oder verliert die Insel dann ihren Charakter - das, was sie ausmacht? Exemplarisch dafür auch die Szene, wie ein schon ziemlich berauschter Zuschauer bei einem Konzert von Jürgen Drews 2019 wiederholt ruft: "Hiddensee ist nicht Mallorca!"

Wer Hiddensee noch nicht kennt, lernt es durch den Film nicht kennen; er ist kein ausführliches Porträt, aber gibt spannende und im besten Fall neugierig machende Einblicke. Dann muss man schon selber hinfahren und rausfinden, was die Insel so besonders macht. Und dann immer wieder kommen - oder nie wieder.

Der Film "Hiddensee" von Annekatrin Hendel läuft ab dem 20. August 2026 im Kino.

Quelle: ntv.de

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