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Serebrennikows "Leto" spielt in Leningrad, der Wiege der russischen Rockmusik.
Serebrennikows "Leto" spielt in Leningrad, der Wiege der russischen Rockmusik.(Foto: Hype Film Kinovista)
Mittwoch, 07. November 2018

Serebrennikows großes Kino: "Leto" - Ein Sommer in Schwarz-Weiß

Von Uladzimir Zhyhachou

Der kremlkritische Regisseur Serebrennikow steht unter Hausarrest. Sein Film "Leto" erzählt von jungen Rockmusikern in der Sowjetunion - von Menschen, die ihre künstlerische Freiheit an einem denkbar unpassenden Ort leben. So wie er selbst.

Kippe im Mund, Sonnenuntergang am Strand, unendlich viel Zeit und kein Geld. Es ist "Leto", es ist ein Sommer in Leningrad in den frühen 1980er-Jahren. Vor der Kulisse einer Stadt kurz vor dem Umbruch zeigt Regisseur Kirill Serebrennikow das Erwachsenenwerden und den Aufstieg junger russischer Rockmusiker um Wiktor Zoi und seine Kultband Kino.

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Zoi ist einer der bedeutendsten russischsprachigen Rockmusiker. Mit Kino wird er in der Ära der Perestroika zum Sprachrohr einer ganzen Generation. Millionen Fans kennen seine Lieder auswendig, Zehntausende singen bei Stadion-Konzerten mit. Eine "Kinomania", ähnlich der Beatlemania, befällt das ganze Land. Als Zoi 1990 bei einem Verkehrsunfall stirbt, stehen seine Fans unter Schock. Aber das ist eine andere Geschichte.

Am Anfang war "Leto", ein Sommer in den frühen Achtzigern. Während Alben von Lou Reed und David Bowie heimlich die Besitzer wechseln, brodelt in Leningrad (heute Sankt Petersburg) die Underground-Rockszene. Zoi ist noch längst kein "letzter Held des Rocks", wie ihn die Presse später nennen wird. Er ist ein zurückhaltender junger Mann, der gern Gitarre spielt und eigene Lieder schreibt. Er singt und erklärt, er sei ein Nichtstuer und Mensch ohne Ziel, doch das sei ihm "ehrlich gesagt längst egal". Wiktor lernt Mike Naumenko, den charismatischen Frontmann der verhältnismäßig erfolgreichen Band Zoopark, und dessen Frau Natascha kennen. Ihre unbändige Leidenschaft für die Musik verbindet sie zu einer eigenwilligen Dreieckskonstellation.

Eine der schönsten Szenen des Films: Buspassagiere singen "The Passenger" von Iggy Pop.
Eine der schönsten Szenen des Films: Buspassagiere singen "The Passenger" von Iggy Pop.(Foto: Hype Film Kinovista 2018)

"Leto" ist eine wahre Geschichte, die Serebrennikow hier in Schwarz-Weiß erzählt. Der Film fängt das Lebensgefühl einer sich nach Freiheit sehnenden Generation kurz vor der Perestroika ein. Und das tut er mit Leichtigkeit und pulsierendem Soundtrack der Talking Heads, von Iggy Pop und David Bowie. Aber vor allem die Bands Kino und Zoopark sind die Protagonisten und haben im Film ihren großen Auftritt. Wer also Gitarrenriffs liebt, kommt hier auf seine Kosten.

Die Schönheit des Lebens

"Leto" ist eine Hymne auf die ungestüme Kraft von Musik, Liebe und Freundschaft. Es ist eine Ode an die Schönheit des Lebens. Man trinkt Billigwein, geht nachts baden und springt über Lagerfeuer. Man hat "zwar viel Zeit, aber wenig Geld". Doch das ist ja "total egal". Man sehnt sich nach Freiheit in einer totalitären Gesellschaft, man lebt diese Freiheit, man lebt in einer Utopie.

Rock, Love & Perestroika!
Rock, Love & Perestroika!

Als Wiktor und Natascha in einen Bus steigen, fangen plötzlich mürrische Fahrgäste an, in bester Musical-Manier "The Passenger" von Iggy Pop zu singen. Und die Welt blüht auf. Absurd? Von wegen! "Leto" ist weniger Sozialkritik oder Biopic, vielmehr zeigt der Film eine Traumwelt, in der die Protagonisten leben. In dieser Welt gibt es zwar auch Zensur, Militärdienst und den Genossen Breschnew im Staatsfernsehen, doch man kann dem ganzen Mist ja problemlos entfliehen, indem man einfach in einen Bildschirm hineinspringt, wie einer der Protagonisten es auch tut. Und schon ist man an einem schönen Strand, abseits der tristen Realität. "Unsere Geschichte thematisiert den Glauben, der nötig ist, um diesen sozialen Kontext zu überwinden, und die sorglose Haltung unserer Helden angesichts der Restriktionen", sagt Serebrennikow zu seinem Film.

Romantik der Rebellion

Es ist eine Geschichte über glückliche Menschen, die absolute künstlerische Freiheit genießen, auch wenn sie dafür am falschen Ort und in der falschen Zeit sind. Sie machen Musik und schweben voller Harmonie irgendwo außerhalb der Realität, von der sie sich im Laufe des Films nach und nach entfernen.

Kein Wunder, dass es Serebrennikow sehr gut gelingt, die Romantik der Rebellion so eindrucksvoll zu visualisieren, denn die Motivation seiner Helden und die Hindernisse, vor denen sie stehen, sind ihm wohlbekannt. Seit mehr als einem Jahr steht der kremlkritische Regisseur unter Hausarrest. Er wurde während der finalen Dreharbeiten zu "Leto" im August 2017 festgenommen. Und trotzdem brachte Serebrennikow den Film zu Ende, der seine Weltpremiere in Cannes allerdings ohne ihn feiern musste. In einer Zeit, in der Künstler in Russland wieder den Druck der Regierung zu spüren bekommen, fühlt sich "Leto" wie ein zeitgemäßes Echo an.

"Leto" läuft ab dem 8. November in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de