Kino

Stefanie Giesinger im Kino "Nach zwei Sekunden konnte ich weinen"

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In "Asphaltgorillas" spielt Stefanie Giesinger neben Jannis Niewöhner (l.) ein russisches Töchterchen.

(Foto: Constantin Film Verleih GmbH / Foto: Mathias Bothor)

Es regnete Konfetti, es liefen Tränen. Als Stefanie Giesinger vor vier Jahren "Germany's Next Topmodel" gewinnt, ist die Show wie schon immer und wie in den Folgejahren auch. Aber Stefanie Giesinger ist anders. Im Gegensatz zu den meisten anderen Siegerinnen der Castingshow hat sie Erfolg. Sie ist für Dolce & Gabbana gelaufen und wirbt für eins der weltweit größten Kosmetik-Unternehmen. Auf Instagram folgen ihr über drei Millionen Menschen. Und das mit dem "Folgen" kann man an dieser Stelle wörtlich nehmen, denn Giesinger lässt ihre Fans quasi rund um die Uhr an ihrem Leben teilhaben. Futtern, Fitness, Freunde treffen - was man eben so macht, wenn man jung ist. Was man von Giesinger bislang nicht wusste: Die 21-Jährige hat aufrichtige Schauspielambitionen. Der Regisseur Detlev Buck hat sie nun für ihren ersten Kino-Film besetzt. In "Asphaltgorillas" spielt Giesinger Oxana, die Freundin eines zwielichtigen Emporkömmlings der Berliner Unterwelt. Mit n-tv.de spricht sie über Sex-Szenen, Perioden-Witze und ihre russische Familie.

n-tv.de: Beauty, Mode, Fitness - wenn Sie Interviews geben, treten Sie oft als Markenbotschafterin auf und das sind die entsprechenden Themen. Jetzt geht es um einen Film, was ist anders?

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Detlev Buck hat Stefanie Giesinger für ihre erste Kino-Rolle besetzt.

(Foto: imago/Tinkeres)

Stefanie Giesinger: Das Projekt hat mich wochenlang begleitet. Ich habe Schauspielunterricht genommen und bin in eine Rolle geschlüpft. Ich habe sozusagen als eine andere Person gelebt. Dabei konnte ich mich nochmal ganz anders wahrnehmen.

Wie viele Drehtage hatten Sie denn?

Zehn, glaube ich. Also eigentlich nicht so viele. Beim nächsten Film wünsche ich mir noch mehr. (grinst)

Es wird ja gerne kritisch beäugt, wenn sich Models als Schauspieler versuchen …

Es war mir von vornherein klar, dass es solche Kommentare geben würde. Von wegen: "Sie wird nur genommen, weil sie ein Model ist, wegen ihrer Instagram-Follower und ihrer Reichweite." Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mich all dem zu stellen. Es macht mir einfach so viel Spaß und ich wollte es unbedingt austesten.

Hatten Sie aktiv nach einem Schauspieljob gesucht?

Nein. Das Schauspielern hat mich zwar schon immer interessiert, aber ich habe nie so richtig danach gesucht. Detlev (Buck; Anm. d. Red.) beziehungsweise seine Assistentin hat meine Managerin kontaktiert. Ich habe ein paar Szenen auswendig gelernt und war dreimal beim Casting. Irgendwann hat mich Detlev gefragt, ob ich auf Knopfdruck weinen kann. Ich wusste es nicht. Also habe ich gesagt: "Ich versuch's mal." Nach zwei Sekunden konnte ich wirklich weinen. So habe ich die Rolle bekommen!

Was war Ihre Taktik? Haben Sie fest die Augen zusammengekniffen oder im Kopf furchtbare Szenarien durchgespielt?

(zähneknirschend) Das mit den furchtbaren Szenarien. Aber ich habe dann beim Filmdreh gelernt, wie ich es eigentlich machen soll. Wenn man sich wirklich vorstellt, da steht jemand vor einem, den man sehr liebt und der ist schlimm zugerichtet, sodass man ihn kaum erkennen kann, er blutet. Dann kommen einem die Tränen wie von selbst.

Ist Ihnen die Duschszene auch so leicht gefallen? Ganz schön heiß für den ersten Filmdreh!

Oh Gott, das war das Allerhärteste! Das war wirklich so schwer für mich. Detlev und der Rest der Crew haben versucht, es mir so angenehm wie möglich zu machen. Sie haben gesagt: "Wir wissen, das ist dein erster Film. Wir werden wenig Leute am Set haben." (senkt verschwörerisch die Stimme) Es waren dann trotzdem fünfzig da - "wenig Leute". Jedenfalls durfte ich ein bisschen bedeckt sein. Im Endeffekt hat es dann doch Spaß gemacht. Und es war eine Erfahrung wert. Ich musste echt über meine Grenzen gehen.

Und Sie freuen sich schon, den Film gemeinsam mit Ihrer Familie zu gucken?

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Fucking Hell! (lacht erst laut und räuspert sich dann) Meine Oma und mein Opa freuen sich schon so, den Film zu sehen. Aber gehört dazu, nicht wahr? Ich glaube, das verstehen die auch. Mein Freund versteht das, meine Eltern verstehen das. Das ist halt Schauspielern!

Im Film sprechen Sie Russisch. Das ist neben Deutsch Ihre Muttersprache. Sie sprechen aber vor allem auch mit russischem Akzent. Mussten Sie den erst üben?

Der kam von alleine. Ich komme aus der besten Schule: Mein Vater hat einen sehr starken russischen Akzent. Deswegen fiel mir das auch gar nicht so schwer.

Ein bisschen entspricht Ihre Figur Oxana dem Russinnen-Klischee: über und über mit Accessoires behängt und mit etwas ungesunder Nähe zu ihrem Elternteil …

Aber es ist auch wirklich so. Bei den Vätern heißt es immer: "Töchterchen hier, Töchterchen da". Und eigentlich sind auch die Mädchen immer sehr Papa-fixiert. Ich jetzt nicht unbedingt, aber das kommt schon oft vor. Ich kenne das von meinen russischen Freundinnen. Es ist überhaupt typisch russisch, dass die ganze Familie zusammenhält. Die hat Priorität.

Ärgert es Sie, dass in den Medien so kritisch über Russland berichtet wird?

Ich finde das schade. Eigentlich sind Russen sehr, sehr gastfreundlich. Ich kann mir aber vorstellen, dass viele schlechte Erfahrungen mit dem Land gemacht haben. Ich selbst war bis jetzt nur einmal da. Mir hat Moskau auch nicht so gut gefallen. Aber Russland ist für mich irgendwie etwas ganz anderes. Meine Eltern sind in Sibirien aufgewachsen, nicht in einer der teuren Großstädte. Für mich ist Russland das Heimische. Man lebt von dem, was man selbst angebaut hat. Man hilft sich gegenseitig in der Nachbarschaft. Und Moskau und so - das ist für mich irgendwie gar kein Russland. So komisch sich das auch anhört.

Im Film wirft Oxana ihrem Freund vor: "Du benimmst dich, als hättest du deine Tage!" Nachdem Sie sich vor kurzem für die Entstigmatisierung der Periode eingesetzt haben, drängt sich mir die Frage auf: Bedienen Sprüche wie diese nicht doofe Klischees?

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Wenn Stefanie Giesinger an Russland denkt, denkt sie nicht an Moskau. Ihre Eltern kommen aus Sibirien. Da lebt man anders, erzählt sie.

(Foto: imago/Runway Manhattan)

Das war doch humorvoll gemeint! Ich bin ehrlich gesagt schon ein bisschen "annoying", wenn ich meine Tage habe beziehungsweise kurz davor. Mein Freund weiß dann gleich, was los ist. Ich habe dann komische Stimmungsschwankungen. So ist es ja wirklich! Bei uns Frauen laufen kleine Hormonveränderungen im Körper ab und wir sind dann eben ein bisschen komisch. Ist doch witzig: (spricht mit Oxanas russischem Akzent) "Du benimmst dich, als hättest du deine Tage."

Sie haben es vorhin schon angedeutet: Dies soll nicht Ihr letzter Schauspieljob gewesen sein. Worauf hätten Sie Lust? Ich hörte, Sie mögen Horrorfilme …

Ich liebe Horrorfilme, definitiv! Aber ich würde nicht gerne in einem mitspielen. Dann würde ich doch früher oder später sterben. Das wäre doof. Ich würde lieber in einem tiefgründigen Film mitspielen, einem, der zum Nachdenken anregt. Ich mag es, einen Film anzusehen und danach zu denken: Wow, das hat jetzt echt meine Sicht auf die Dinge verändert. Irgendwas, was einen tagelang beschäftigt.

Haben Sie ein Beispiel?

"Mother!" mit Jennifer Lawrence. Der hat zwar Elemente eines Horrorfilms, aber man kommt darüber ins Grübeln. Der Film war echt cool! So etwas würde mich interessieren - und natürlich eine Hauptrolle. Ha! (grinst)

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Auf Instagram hat Stefanie Giesinger über drei Millionen Abonnenten. Reduziert werden möchte sie darauf nicht.

(Foto: imago/Future Image)

Bis es so weit ist: influencendes Model oder modelnde Influencerin?

Model mit Influencer-Skills. Es verschwimmt doch gerade ohnehin alles ineinander. Jeder Influencer modelt und jedes Model ist Influencer.

Mache nennen sich jetzt Unternehmer …

Das klingt mir zu sehr nach "Stock im Arsch"! (lacht)

Stört es Sie, immer auch über Ihre mehr als drei Millionen Instagram-Follower definiert zu werden?

Ich bin natürlich stolz darauf, dass so viele Menschen sich für mein Leben interessieren. Nur die Vorurteile sind doof. Als würde mir alles wegen meiner Follower zufliegen … Aber ganz ehrlich: Ist mir egal. (gestikuliert) Da rein, da raus.

Wäre es denn so schlimm, aufgrund der Reichweite engagiert zu werden? Was Sie von sich zeigen, kommt an. So ein Feed kann ja wie ein Bewerbungsschreiben funktionieren.

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Es gehört mittlerweile dazu. Aber ich finde es schade, dass man darauf so reduziert wird. In der Modeindustrie ist es extrem. Bei einem Casting lautet die erste Frage immer: "Wie viele Follower hast du?" Dabei gibt es wahnsinnig tolle, talentierte Mädchen, die sich vielleicht nicht so gerne privat zeigen. Die haben es in dem Beruf dann schwerer. Ich hoffe, dass sich das nochmal ein bisschen verändert.

Was müsste passieren?

Die Menschen müssten sich mehr für die reale Person interessieren. Ich glaube, dieser Umschwung wird kommen. So ist es doch immer. Vor 20 Jahren war Privatsphäre noch alles. Jeder hat versucht, möglichst viel geheim zu halten. Heutzutage zeigen die Kardashians, wie sie ihre Intimzone wachsen lassen. Ich glaube, in zehn Jahren hat darauf niemand mehr Lust.

Von den Kardashians habe ich gelernt, dass man Fotos erst veröffentlicht, wenn man sich nicht mehr an dem Ort befindet, an dem sie entstanden sind. Damit Fans einen nicht so leicht aufspüren können.

Ich achte da nicht so drauf. Vor kurzem war ich beim Tomorrowland-Festival. Ich wollte die Zeit meines Lebens haben - einfach mit meinem Freund und seinen Freunden tanzen und Spaß haben. Aber ich habe auch von dort gepostet und dann sind die Menschen immer dahin gekommen, wo ich gerade war. Daraus habe ich gelernt. Ansonsten habe ich nicht so viele Schutzmauern. Ich bin ganz offen auf Instagram. Es ist, als würde ich mit meinen Freunden sprechen. Komisch, oder?

Sie haben sehr jung Karriere gemacht. Gibt es Dinge, die sie verpasst haben?

(überlegt) Es wäre gelogen, wenn ich Nein sagen würde. Ich hatte nie diese Zeit, in der ich einfach nur mit Freunden abgehangen habe. Ich habe die Schule beendet und dann war ich auf einmal erwachsen. Seitdem bin ich auf mich allein gestellt. Dafür stehe ich aber auch auf eigenen Beinen. Ich bereue das alles also nicht. Ich bin glücklich und darf das machen, was ich wirklich machen will. Ist doch total cool, wie mein Leben gelaufen ist.

Mit Stefanie Giesinger sprach Anna Meinecke.

"Asphalt Gorillas startet am 30. August in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de