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Sänger, Spitzel, Baggerfahrer Wer war dieser Gundermann?

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Alexander Scheer, 1976 in der DDR geboren, geht völlig in der Rolle des ostdeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann auf. Dabei konnte er anfangs gar nicht viel mit ihm anfangen: "Der war mir einfach zu ostig."

(Foto: Peter Hartwig / Pandora Film)

Gerhard Gundermann grub sich in die Braunkohle der Lausitz und sang abends auf der Bühne. Er war Offiziersschüler, flog aber raus, auch aus der SED, sogar als Stasi-IM - alles wegen Aufmüpfigkeit. "Gundermann" ist Dresens Filmporträt dieses besonderen Liedermachers.

Gerhard Gundermann war das, was man "eigenwillig" nennt. In seinem Wohnzimmer hing ein Plakat mit Che Guevara an der Wand, mit der Aufschrift "Sei ein Revolutionär. Ein Kommunist". Er verpflichtete sich als Offiziersschüler, wurde aber rausgeworfen: Als beim Besuch von Armeegeneral Heinz Hoffmann das Lied "Mein General" geschmettert werden sollte, weigerte er sich mitzusingen: Das sei Personenkult. Später, als Baggerfahrer, trat er der SED bei, wurde aber 1978 wegen unerwünschter eigener Meinung ausgeschlossen. Nach der Umwandlung des Ausschlusses in eine strenge Rüge folgte 1984 der endgültige Partei-Rauswurf: "Abgelehnt haben wir an ihm seine prinzipielle Eigenwilligkeit, das Nichteinfügen ins Kollektiv, das Nichtverstehenwollen des Prinzips des demokratischen Zentralismus", meinte dazu Horst Göhlsdorf, Betriebs-Parteisekretär.

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1976 wurde Gundermann von der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) angeworben und auch da 1984 ausgeschlossen. Aber bis dahin kam ein wirklich dicker Stapel an Akten mit seinen Berichten zusammen, über den er selbst erschrocken war - nach der Wende, als die Stasi-Opfer die Akten einsehen durften. Gundermann eigentlich nicht, denn er war Täter. Täter und Opfer zugleich. Wie das alles zusammengeht in einer Person, wie solche gebrochenen Biografien in der DDR zustande kamen, zeigt Regisseur Andreas Dresen nun in seinem Film "Gundermann".

"Der singende Baggerfahrer aus der Lausitz" als "IM Grigori"

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Axel Prahl spielt Gundermanns Stasi-Führungsoffizier.

(Foto: Peter Hartwig / Pandora Film)

Wer war also dieser Gundermann, der "singende Baggerfahrer aus der Lausitz", von Freunden, Kollegen und Familie nur "Gundi" genannt, bis heute von seinen Fans tief verehrt? Dresens Porträt springt in den Zeitebenen hin und her, in die Siebziger, die Vorwende- und Nachwendezeit, um zu zeigen, wie aus der ehrlichen Haut ein Stasi-Spitzel wurde - und wie Gundermann später damit umging. Wie er sich wand, sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte, wie er es erst in einzelnen Gesprächen mit Freunden und Bandkollegen beichtete und schließlich auch vor Konzertpublikum öffentlich machte.

Warum er die Verpflichtungserklärung als IM bei der Stasi unterschrieb und "IM Grigori" wurde? Weil er damit seiner Band Auftritte im Westen ermöglichen wollte, so zeigt es der Film. Aber auch, weil er als überzeugter Kommunist - "Wenn es die Weltanschauung nicht schon gäbe, hätte ich da auch selber drauf kommen können", sagt er bei seiner SED-Bewerbung - die DDR quasi von innen heraus verbessern wollte, durch Kritik. Sozusagen über die Stasi als Beschwerdestelle. Zumindest stellt Gundermann das selbst so dar, aber wie aus der "dicken Schwarte" zu ersehen ist, hat er neben der Kritik auch peinliche Petzberichte verfasst. Bis die Stasi 1984 seine Akte schloss und begann, wiederum ihn wegen seines "negativfeindlichen Standpunkts" zu bespitzeln.

Weder Anklage noch Verteidigung

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Der Film zeigt auch die Liebesgeschichte zwischen Gundi und Conny.

(Foto: Peter Hartwig / Pandora Film)

Die Stasi-Vergangenheit Gundermanns ist das zentrale Thema von Dresens Filmporträt - es ist dabei aber weder anklagend noch verteidigend. Er nimmt, wie so oft in seinen Filmen - sei es "Halbe Treppe", "Wolke 9", "Halt auf freier Strecke" oder "Als wir träumten" - mit in den Alltag, das Leben der Protagonisten, ganz ungeschminkt und ungeschönt. Und weckt so vielleicht nicht unbedingt Sympathie, aber wenigstens Verständnis für sie.

Zweites zentrales Thema des Films ist die Liebe zu Conny, die eigentlich schon vergeben ist, Kinder hat mit einem Mann, der ein guter Kerl ist und zudem Mitglied in Gundermanns Singeklub "Brigade Feuerstein". Aber irgendwann nach Jahren gibt sie doch nach, ihm, dem Kerl mit den unglaublich anrührenden Texten und dem großen Herzen. Sie bekommen zusammen ein Kind, Linda (für die er das gleichnamige Lied schreibt, "Du bist in mein Herz gefallen wie in ein verlassenes Haus ...") und Conny bleibt an seiner Seite, bis er stirbt - 1998 mit nur 43 Jahren, an Gehirnschlag. Er, der weder rauchte noch Alkohol trank, dafür aber arbeitete bis zum Umfallen - auf der Bühne und im Bagger.

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Sein Kollege Volker (Milan Peschel) ist IM, so wie er.

(Foto: Peter Hartwig / Pandora Film)

Alexander Scheer, von der Brille bis zum Fleischerhemd und der Unfrisur perfekt im Gundermann-Look, passt wie Arsch auf Eimer in die Rolle - er musste aber altersmäßig auch erst reinwachsen. Dass Dresen fast zehn Jahre kämpfen musste, um das Gundermann-Projekt zum Film zu machen - "weil die Partner von außen nicht richtig an den Film geglaubt haben" - hat ihm da in die Hände gespielt. Vorher wäre er, 1976 (in der DDR) geboren, einfach zu jung gewesen.

"Der war mir zu ostig"

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"Gundermann" startet am 23. August 2018 in den deutschen Kinos.

(Foto: Pandora Film)

Dabei konnte Scheer anfangs gar nicht viel mit Gundermann anfangen: "Der war mir einfach zu ostig und klang auch so. Erst als die Anfrage kam, habe ich mir den ersten Gundermann-Song gegeben. Es war 'Gras'. Danach ging sofort das Memo an Dresen raus: 'Ich spiel dir den mit allem, was ich habe.'" Und das Versprechen hat er gehalten. Scheer, im Film bekannt geworden durch Leander Haußmanns "Sonnenallee" 1999, zuletzt zu sehen in "Gladbeck", geht völlig in der Rolle auf - nicht nur optisch ist die Verwandlung in den völlig uneitlen Liedermacher mit der labbrigen Kleidung und den riesigen Brillen gelungen. Er singt auch alle 18 (!) Lieder selbst, hat sie sich in harter Arbeit angeeignet (und geht inzwischen mit Gundermanns Liedern gemeinsam mit der Band von Dresen und Schauspieler Axel Prahl auf Tour). Und er gibt "Gundi" so überzeugend, dass man manchmal fast vergisst, dass es ein Spielfilm ist und keine Doku.

Auch der restliche Cast ist hervorragend besetzt - natürlich mit Dresens Stammschauspielern Axel Prahl (der inzwischen häufig irrtümlich für einen Ostdeutschen gehalten wird) als Gundermanns Führungsoffizier und Thorsten Merten als bespitzeltem Puppenspieler, Bjarne Mädel als Parteisekretär und Milan Peschel als Arbeitskollege Volker - der ebenso auf Gundermann als IM angesetzt war wie der auf ihn. Erst beklemmende Stille, dann erleichtertes Lachen bei der gegenseitigen Beichte.

Warum anschauen?

Warum sollte man sich so etwas im Kino anschauen, einen Film über einen kleinen Liedermacher aus dem Osten, der seit 20 Jahren tot ist? Weil er dazu beitragen kann, zu verstehen, wie die Leute dort ticken. Was jemanden wie Gundermann dazu veranlasst haben könnte, sich als IM bei der Stasi zu verpflichten und Berichte über Mitmenschen zu verfassen - jemanden, der beileibe kein Duckmäuser war, sondern sein Maul aufgemacht und Probleme angesprochen hat. "Gundermann" rechtfertigt das nicht, der Film liefert auch keine einfache Erklärung. Aber er zeigt, dass es nicht nur Täter und Opfer gab, schwarz und weiß, böse und gut, sondern das ganze große Feld dazwischen. Und jeder kann sich fragen: Was hätte ich getan?

Zudem kann man eintauchen in das Universum von Gundermanns unvergleichlichen Texten, lakonisch und zärtlich, poetisch und zeitlos:
"Weißt du noch? Wir hatten uns so nach ein bisschen Wärme gesehnt und nun ist es fast vorbei.
Weißt du noch? Wir hatten uns schnell an die kurzen Ärmel gewöhnt und nun ist es fast vorbei.
Wir wissen, dass alles, was kommt, auch wieder geht. Warum tut es dann immer wieder und immer mehr weh?"

"Gundermann" läuft ab 23. August 2018 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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