"Mord in der Toskana"Mit Hund muss man keine Angst vor der Scheidung haben
Von Thomas Badtke
Dan Armstrong geht in den Vorruhestand. Der Londoner Chief Inspector bekommt als Abschiedsgeschenk einen Toskana-Urlaub von seinen Kollegen. Doch die Sache hat einen Haken: Er muss einen Schreibkurs besuchen - und der Gastgeber wird wenig später ermordet.
Machen wir uns nichts vor: Es gibt schlechtere Regionen als die Toskana für eine Auszeit - Sonne satt, wunderschöne Natur, hervorragendes Essen und fantastische Weine. Dolce Vita in Perfektion. Die Sache hat nur einen Haken für Dan Armstrong. Der Chief Inspector bei der Metropolitan Police in London hat die Reise nach Italien von seinen Arbeitskollegen als Abschiedsgeschenk bekommen, denn Armstrong geht in den Vorruhestand. Und sie beinhaltet einen Kurs zum kreativen Schreiben.
Er findet in der Villa Volpone statt, idyllisch eingebettet in die typische Natur der Toskana. Das Anwesen gehört dem Schriftsteller Jonah Moore und dessen italienischer Frau Maria. Moore hat einmal einen Erfolgsroman geschrieben, doch den Kurs leitet er nicht selbst. Dafür ist er mittlerweile zu sehr Lebemann und passionierter Weintrinker. Besitzer eines schwarzen Labradors namens Oscar ist er auch, obwohl Maria gegen Hundehaare allergisch ist.
Einmal Toskana - und nie wieder zurück
Armstrong lernt Moore schon auf der Fahrt zur Villa kennen: Er schluckt Staub in seinem mickrigen Miet-Fiat, als der werte Herr Autor mit seinem Lamborghini an ihm vorbeiprescht. Auf dem Anwesen angekommen, lernt Armstrong dann auch schnell Oscar kennen, der ihn umrennt und ihn so voll bekleidet in den Pool des Hauses schmeißt. Armstrong nimmt dem jungen Hund das Ganze nicht übel. Etwas Abkühlung hat ihm ganz gutgetan - und er ist auf andere Gedanken gekommen.
Der Ex-Polizist hadert mit seinem derzeitigen Leben: Die Tochter ist erwachsen und nach mehr als 30 Jahren geht seine Ehe in die Brüche. Armstrongs Frau Helen will die Scheidung, aber er selbst hängt noch sehr an ihr. So betrachtet, kommt die kleine Auszeit in den toskanischen Hügeln wohl doch genau richtig. Schreibkurs hin oder her. Und vielleicht schafft er es doch, die ein oder andere Idee für einen geplanten historischen Roman mitzunehmen.
Von den anderen Kursteilnehmern könnte ja auch das ein oder andere Fünkchen Inspiration kommen, denkt er. Aber schnell wird Armstrong klar, dass dem nicht so ist: Die restlichen Kursteilnehmer sind eher im Erotik-Genre als im Historiendrama unterwegs. Das ist dann doch etwas verstörend. Armstrong freundet sich mit der rothaarigen und sommersprossigen Charlotte an. Immerhin. Vielleicht wird daraus ja mehr?
Ein Stich ins Herz
Dann ist der Gastgeber tot. Ein Dolch im Herzen. Dazu noch Gift in einem Glas. Scheinbar wollte jemand auf Nummer sicher gehen. Aber wer ist der Mörder? Einer der Angestellten? Etwa Antonio, die gute Seele des Hauses, dessen blasser Teint ihn für jeden Vampir-Horrorstreifen prädestiniert. Oder die Köchin, die die traumhaft schmeckenden toskanischen Gerichte zaubert? Oder doch ein Kursteilnehmer?
Armstrong weiß nur eines mit Sicherheit: Er hat Moore nicht ermordet. Er war zur Tatzeit in Florenz, auf der Polizeistation, eine Flasche guten Arran Single Malt beim dortigen Kommissar Pisano abgeben, als kleines Dankeschön einer seiner Londoner Kollegen. Es dauert nicht lange, bis Pisano auf das Know-how des Vorruheständlers von der Insel zurückgreift, schließlich ist Armstrong vor Ort, kennt die Kursteilnehmer und Angestellten bereits und spricht perfekt Englisch sowie halbwegs fließend Italienisch. Also: auf zur Mördersuche in idyllischem Ambiente.
Mehr, mehr, mehr!
Armstrong macht die Sache mehr und mehr Spaß. Er genießt es, Dinge zu hinterfragen. Etwas, was seine Noch-Ehefrau immer scheußlich fand. Polizist eben, durch und durch. Armstrong fühlt sich in der Sonne der Toskana immer wohler, fast schon heimisch. Und der schwarze Labrador weicht dabei nicht von seiner Seite, egal, ob es zur morgendlichen Joggingrunde geht, die dann zum Spaziergang verkommt, oder zum Ausflug in das knapp 30 Gehminuten entfernte Dorf. Oscar ist es am Ende auch, so viel sei verraten, der einen entscheidenden Hinweis zur Lösung des Falls liefert.
Man muss Oscar einfach lieben und Dan Armstrong auch. Sie sind die Hauptprotagonisten der gleichnamigen neuen Reihe von T. A. Williams. "Mord in der Toskana", erschienen bei Boldwood Books und Argon, stellt dabei den mehr als gelungenen Start der Serie dar: locker, leicht, luftig. Gute Laune satt. Das von Wolfgang Wagner lässig und leidenschaftlich zugleich gelesene Hörbuch stillt den Hunger nach der perfekten Sommerlektüre. Fläzend auf der Sonnenliege, einen Cocktail oder einen Wein genießend und dabei Armstrong und Oscar nicht mehr von der Seite weichend. Buchstäblich.
Wenn da nur nicht die vielen kleinen toskanischen Köstlichkeiten wären, die Armstrong immer wieder kredenzt werden und die der Autor nicht müde wird zu loben und gekonnt in Szene zu setzen. Da läuft einem als Hörer sprichwörtlich das Wasser im Mund zusammen - und man bekommt Hunger auf mehr. Mehr vom gegrillten Lamm, von Pilzen, herrlich grünem Olivenöl, herrlichen Weiß- und Rotweinen. Aber vor allem auch sehr gerne mehr von: Armstrong und Oscar!
