Musik

Phänomen ohne VerfallsdatumPaul Potts ist gekommen, um zu bleiben

04.09.2026, 16:13 Uhr imageInterview: Volker Probst
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Sein Traum, Sänger zu werden, ist in Erfüllung gegangen: Paul Potts. (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Er heißt Paul Potts, ist damals Handy-Verkäufer, trägt einen schlecht sitzenden Anzug und hat schiefe Zähne. Doch dann bläst er mit der Arie "Nessun Dorma" die Jury von "Britain's Got Talent" plötzlich beinahe vom Stuhl. Der damalige Auftritt des heute 55-Jährigen im britischen Pendant der RTL-Show "Das Supertalent" hat sich ins kollektive Gedächtnis gegraben, auch wenn er im kommenden Jahr schon 20 Jahre her ist. Schließlich mauserte sich der zugehörige Videoclip zu einem der ersten viralen Phänomene überhaupt.

In diesem Fall scheint das Phänomen jedoch kein Verfallsdatum zu kennen. Potts ist gekommen, um zu bleiben. Bevor er 2027 sein 20-jähriges Bühnenjubiläum feiern wird, tourte er zuletzt unter dem Motto "Unforgettable Moments" durch die Lande, am vergangenen Wochenende etwa im nordrhein-westfälischen Würselen. Im ntv.de Interview spricht der Brite, der nahezu perfekt Deutsch kann, über seinen ganz persönlichen "unvergesslichen Moment", seine märchenhafte Karriere, den Spagat zwischen Klassik und Pop und darüber, was viele womöglich noch nicht von ihm wussten.

ntv.de: Nächstes Jahr werden Sie Ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum feiern. Es heißt, Sie hätten in den vergangenen Jahren weit über 1500 Konzerte in 45 Ländern gegeben. Wissen Sie da eigentlich nach wie vor immer, wo Sie gerade sind?

Paul Potts: (lacht) Manchmal ist es tatsächlich schwer, mir zu behalten, wohin es gerade geht. Ich bemühe mich, meinen Kalender im Auge zu behalten. Das fällt mir aber nicht immer leicht.

Jetzt sind Sie erst einmal wieder in Deutschland, wo Sie eine beständige Fanbase haben. Würden Sie sagen, dass Ihre Verbindung zu Deutschland besonders ist?

Ja, das ist sie. Hier mache ich inzwischen etwa 50 Shows pro Jahr. Ich komme sehr oft hierher und es ist großartig, hier neue Orte zu besuchen. Dabei geht es nicht nur um die großen Städte. Auch fernab von Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München gibt es viele wirklich schöne Orte. Ich genieße es, sie zu erkunden.

Sie haben sogar Deutsch gelernt und sprechen mit ihrem Publikum auch auf Deutsch. Also eigentlich könnten wir das Interview auch auf Deutsch führen, oder?

(Auf Deutsch:) Oh, das Interview besser auf Englisch. (lacht) Wenn ich in Deutschland auf der Bühne bin, spreche ich mit dem Publikum aber tatsächlich ausschließlich auf Deutsch. Das rattert dann ziemlich in meinem Kopf: Ich denke auf Englisch, aber spreche Deutsch.

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In Deutschland steht Potts regelmäßig auf der Bühne - auch schon mal im "ZDF-Fernsehgarten" wie hier im Juni 2026. (Foto: IMAGO/STAR-MEDIA)

Ihre aktuelle Konzertreise, bei der Sie lediglich von einem Klavier begleitet werden, steht unter dem Motto "Unforgettable Moments". Wenn ich Sie nach einem "unvergesslichen Moment" in Ihrem Leben frage, was antworten Sie?

Die offensichtlichste Antwort ist natürlich der Moment, in dem ich bei "Britain's Got Talent" in Cardiff auf die Bühne gegangen bin. Durch ihn hat sich mein Leben einfach immens verändert - hoffentlich für immer. Aus dem Versuch, mir einfach nur leisten zu können, das zu tun, was ich liebe, ist eine Situation entstanden, in der ich mich selbst als Sänger bezeichnen kann. Ich habe das nie als selbstverständlich betrachtet und werde es auch nie.

Nicht nur für Sie, sondern auch für andere Menschen ist dieser Moment offenbar "unvergesslich". Jedenfalls erinnern sich auch heute noch wirklich viele daran. Haben Sie nach 20 Jahren selbst eine Erklärung dafür, was ihn so magisch gemacht hat?

Ganz entschlüsseln kann ich es auch bis heute nicht. Anscheinend passte es in den Zeitgeist und alles fügte sich in diesem Augenblick zusammen. Ich glaube, komplett beeinflussen kann man so etwas nicht - da kann man so viel planen, wie man will. Es bleibt ein Stück weit ein Geheimnis und wir sollten nicht versuchen, alles zu entmystifizieren.

Das Video des Auftritts bei Youtube hat sicher auch geholfen. 2007 war es einer der ersten Clips, der bei der erst 2005 gegründeten Plattform durch die Decke gingen ...

Stimmt, es war einer der ersten Momente, die viral gegangen sind, wie man heute sagt.

Ihre anschließende Karriere wurde von vielen als "Märchen" oder auch als wahr gewordener "amerikanischer Traum" beschrieben. Was viele vielleicht nicht wissen - Sie haben zwar Handys verkauft, als Sie bei "Britain's Got Talent" auftraten, hatten zuvor aber auch schon ein Philosophie-Studium abgeschlossen. Wie würden Sie selbst ihre Laufbahn analysieren?

Für mich verdeutlicht sie, wie wichtig es ist, das Leben Tag für Tag so zu nehmen, wie er kommt. Das ist meine allgemeine Lebensphilosophie. Und so habe ich die große Veränderung 2007 auch verstanden: Man sollte nichts als selbstverständlich betrachten und darf nicht darauf hoffen, dass alles immer bleibt, wie es ist. Die Dinge ändern sich, Menschen ändern sich. Man muss versuchen, sich so gut wie möglich anzupassen und gleichzeitig selbst treu zu bleiben.

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2013 wurde Potts im Film "One Chance" von James Corden verkörpert. (Foto: imago images/ZUMA Press)

Ihr Werdegang hat auch Hollywood inspiriert. 2013 entstand der Film "One Chance" über ihr Leben, in dem Sie von James Corden verkörpert wurden. Wie viel ist Realität und wie viel Fiktion an dem Film?

Es ist eine Mischung. Ich wollte damals nicht, dass es ein Dokudrama wird. Ich wollte, dass die Botschaft vermittelt wird, der Film aber kein detaillierter Bericht ist. Ich war mit dem Ergebnis wirklich zufrieden. Die Leute wurden gut unterhalten. Ohne erhobenen Zeigefinger wurde ihnen gleichzeitig verdeutlicht, dass das Leben zwar ziemlich unerträglich erscheinen, aber sich immer auch zum Besseren wenden kann.

Gehen Sie Ihrer Leidenschaft für die Philosophie eigentlich noch heute nach?

Zu einem gewissen Grad, ja. Gelegentlich lese ich noch Philosophiebücher oder Werke von Autoren wie Dostojewski. Hier und da ist Philosophie tatsächlich ziemlich amüsant. (lacht)

Es gibt noch ein paar andere Dinge, die viele vielleicht nicht von Ihnen wissen: Sie fotografieren gerne und haben Ihre Fotos sogar auch schon mal ausgestellt. Was gibt Ihnen das Fotografieren?

Es fing damit an, dass ich einfach immer aufgenommen habe, wo ich gerade war. Dann wurde es immer ernster. Ich habe ziemlich viele Kameras. Jetzt sind es, glaube ich, noch sieben oder acht. Früher waren es schon mal 15 oder 16. Auf jede Reise nehme ich mindestens zwei mit. Mit ihnen mache ich Fotos von allem, was wir sehen.

Noch eine weitere Sache: Bevor Sie bei "Britain's Got Talent" auftraten, hatten Sie nicht nur bereits ein Philosophie-Studium absolviert. Sie waren auch mehrere Jahre als Lokalpolitiker in ihrer Heimatstadt Bristol aktiv. Würden Sie sich als politischen Menschen beschreiben?

Ich habe auf jeden Fall meine politischen Ansichten, die tendenziell eher dem linken Spektrum zuneigen. Aber mittlerweile ist es schwer, weil die Menschen so dogmatisch und die Politik so spaltend geworden sind. Es ist schwer, Ansichten auszutauschen, ohne dass die Leute manchmal richtig wütend werden. Es scheint, als hätten wir die Fähigkeit verloren, vernünftig zu debattieren. Vieles davon wird von den sozialen Medien angetrieben. Das bedauere ich sehr.

Wenn ich richtig informiert bin, waren Sie zum Beispiel ein entschiedener Gegner des Brexits ...

Oh ja! Der Brexit ist wirklich eine Katastrophe.

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Nach seinen Konzerten gibt Potts den Fans regelmäßig Autogramme. (Foto: picture alliance / AAPimages/Wehnert)

Zurück zur Musik: Ihnen hat die Teilnahme an einer Castingshow definitiv Glück gebracht. Das geht nicht immer allen so. Viele Gewinner derartiger Shows in Deutschland etwa sind schon nach kürzester Zeit vergessen. Wie stehen Sie diesen Formaten gegenüber?

Wir beurteilen Erfolg leider meist danach, wie berühmt jemand ist, wie viel er verdient, was er besitzt, welches Auto er fährt, was für ein Haus er hat. Ich glaube jedoch, das ist nicht das richtige Maß. Ich finde, wenn Menschen das tun, was sie bewegt, was sie zu dem macht, was sie sind, ist das per Definition ein Erfolg. Viele der Leute, die an ähnlichen Shows wie "Britain's Got Talent" teilgenommen haben, wie "Das Supertalent" oder "Deutschland sucht den Superstar", tun noch immer das, wofür sie in diese Sendungen gegangen sind. Nur weil sie nicht unbedingt auf dieselbe Weise wie ich in der Öffentlichkeit stehen, heißt das nicht, dass sie als Person weniger erfolgreich sind.

In der von der Popmusik dominierten Musikwelt gibt es nicht allzu viele Künstler, die sich mit einer Art Crossover zwischen Pop und Klassik etabliert haben. Außer Ihnen fallen mir da fast nur noch Andrea Bocelli ein, David Garrett als Violinist und Susan Boyle, die es zwei Jahre nach Ihnen bei "Britain's Got Talent" auf den zweiten Platz geschafft hat ...

Deswegen bin ich auch wirklich froh, dass ich noch immer performen kann. Ich liebe die Art, wie ich jetzt auftrete, oft nur mit einem Klavier. Es scheint einfacher als mit einer Band zu sein, aber tatsächlich ist es schwieriger. Es ist entblößender. Für mich ist es eine wunderbare Art, großartige Musik aufzuführen, von der manche vielleicht noch nie gehört haben.

Weshalb tut sich Musik wie diese dann oft so schwer, Gehör zu finden?

Ich denke, die Medien sind bei der Musikauswahl oft etwas faul. Sie wählen Musik, die kommerzieller ist und den Leuten vertraut vorkommt. Das ermöglicht es ihnen schließlich, Werbung zu verkaufen. Aber meiner Ansicht nach müssen die Menschen mit Dingen konfrontiert werden, die sie nicht kennen. Sonst ist alles nur noch eintönig. Das wiederum bedroht die Kreativität, die wir doch unbedingt unterstützen sollten.

Trotz Ihres Erfolgs haben Kritiker häufiger bemängelt, dass Ihre Stimme zwar gut, aber nicht herausragend sei. Kränkt Sie das?

Jeder hat ein Recht auf seine Meinung und Sichtweise. Ich bin sicher nicht perfekt. Aber: Es gibt viele fantastische Sänger mit Unvollkommenheiten. Oft sind es genau diese Unvollkommenheiten und ihre kleinen Eigenheiten, die diese Sänger hervorheben. Es ist ein bisschen wie in der Welt des Weins. In ihr gilt etwas oft als hervorragend, nur weil die Leute davon gehört haben. Aber es kommt doch darauf an, was du magst! Darüber zu bestimmen, liegt nicht an anderen.

Ich habe gerade Susan Boyle erwähnt. Sie wird ja oft mit Ihnen verglichen, weil Ihre beiden Geschichten für viele ähnlich anmuten. Warum haben Sie bisher eigentlich nie zusammengearbeitet?

Es gab Diskussionen darüber, aber bisher ist daraus nichts geworden. Aber wer weiß ...?

Als jemand, der den Bogen zwischen Pop, Rock und Klassik schlägt, bringen Sie nicht nur Arien wie "Nessun Dorma" zu Gehör, sie singen auch Lieder wie "November Rain" von Guns'n'Roses, "Blinding Lights" von The Weeknd oder "Take On Me" von a-ha. Was fällt eigentlich schwerer oder leichter: Einen klassischen Song angemessen zu interpretierten oder einen Popsong ansprechend in ein klassisches Gewand zu kleiden?

Einige der Popsongs sind tatsächlich viel schwieriger. "Take On Me" zum Beispiel. Das Lied mit seinen Passagen in der Kopfstimme zu singen, ist sowieso schon alles andere als einfach. Es mit klassischem Gesang umzusetzen, hat es aber erst recht in sich. Eher klassische Stücke zu singen, fällt mir um einiges leichter. Aber ich liebe es, alle möglichen Musikstile aufzuführen. Nur eine Ausnahme: Sie werden mich keinen Hip-Hop machen sehen.

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Bei "The Masked Singer" machte Potts 2022 den "Koala". (Foto: picture alliance/dpa)

2022 haben Sie als "Koala" bei "The Masked Singer" in Deutschland nicht nur a-ha, sondern auch Lieder von Toto, Elton John und Dua Lipa interpretiert. Was war das für eine Erfahrung?

Ich habe es genossen! Nun gut, in der letzten Woche hatte ich etwas gegessen, das mir auf den Magen geschlagen ist. Ich wusste nicht, ob mir im Kostüm vielleicht schlecht werden würde. Etwas Schlimmeres, als krank im Kopf dieses großen Koalas zu stecken, konnte ich mir aber kaum vorstellen. Meiner Leistung war das nicht gerade zuträglich. (lacht)

Wie schon zu Beginn erwähnt: 2027 feiern Sie Ihr 20. Bühnenjubiläum. Auf was können sich Ihre Fans zu diesem speziellen Anlass freuen?

Wir hoffen darauf, im kommenden Jahr ein besonderes Album herauszubringen. Und es wird weitere Shows in Deutschland geben - um die 20 Jahre zu feiern und dieses wunderbare Land weiter zu erkunden.

Mit Paul Potts sprach Volker Probst

Paul Potts wird ab November zahlreiche weitere Konzerte in Deutschland geben: Rostock (03.11.), Potsdam (04.11.), Freiburg (05.11.), Erfurt (06.11.), Bernau bei Berlin (08.11.), Finsterwalde (09.11.), Neuenhagen (10.11.), Bitterfeld (12.11.), Jena, (13.11.), Heiligenstadt (14.11.), Limbach (15.11.), Chemnitz (18.11.), Weimar (19.11.), Leipzig (20.11.), Wittenberg (21.11.), Wismar (30.11.), Stralsund (01.12.), Schwerin (02.12.), Coburg (04.12.), Hildburghausen (05.12.), Bad Neustadt (06.12.), Ravensburg (08.12.), Marktoberdorf (09.12.), Radolfzell (12.12.), Kempten (13.12.), Bielefeld (20.12.), Bonn (22.12.), Lübeck (28.12.), Wesselburen (29.12.), Eckernförde (30.12.), Aurich (08.01.), Mölln (09.01.), Wiesbaden (23.01.), Dortmund (24.01.), Mühldorf (12.02.), Neumarkt in der Oberpfalz (13.02.), Neu-Ulm (14.02.)

Quelle: ntv.de

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