Realitätsnaher "Tatort"Koks-Mafia will "Deutschland vergiften"

In einer so düsteren wie packenden "Tatort"-Doppelfolge ermittelt die Bundespolizei in einem länderübergreifenden Fall gegen die niederländische Drogen-Mafia. Vorbild sind reale Ereignisse, die den Film an manchen Stellen in puncto Brutalität sogar noch hinter sich lassen.
"In Delfzijl ist immer etwas los", verspricht die Touristeninfo der niederländischen Kleinstadt auf der offiziellen Website gleich mehrfach. Fotos zeigen unter anderem friedliche Strandszenen und eine mehr oder weniger pittoreske Einkaufsstraße mit Wochenmarktflair. Was fehlt, sind düstere Banlieues, Uzi-schwingende arabische Mafiamitglieder auf schnellen Motorrädern, dystopische Industrieanlagen und explodierende Autos - also das Delfzijl, das uns die "Tatort"-Doppelfolge "Ein guter Tag/Schwarzer Schnee" präsentiert.
Die 16.000-Einwohner-Stadt ist die Kulisse für 180 gleichwohl düster-packende wie gelungene Krimi-Minuten (Link zu Schnellcheck), die eine nur allzu wahre Geschichte über die Auswirkungen einer verfehlten Drogenpolitik unseres Nachbarlandes erzählen. Blaupause für den Film ist zwar eine große "Spiegel"-Reportage aus dem Jahr 2021, deutschlandweit bekannt wurden die Fälle allerdings schon im Jahr zuvor, auch durch die Berichterstattung auf ntv.de.
Seit den frühen 2010er-Jahren kontrollierte die "Mocro-Mafia" weite Teile des Kokainhandels und lieferte sich offene Bandenkriege mit Dutzenden Toten, Explosionen und Racheakten in Städten wie Amsterdam und Rotterdam. In späteren Jahren ging die Bande immer brutaler vor, bis die Taten sich nicht mehr auf die Unterwelt beschränkten: Die Ermordung des niederländischen Kriminalreporters Peter R. de Vries im Zentrum Amsterdams markierte den traurigen Tiefpunkt und zeigte, dass die Mafia auch die letzten verbliebenen Skrupel verloren hatte.
"So nah wie möglich an der Realität"
Die Drehbuchautoren Alexander Adolph und Eva Wehrum blieben bei der Erzählung von "Ein guter Tag/Schwarzer Schnee" "so nah wie möglich an der Realität. Die konkrete Verortung der Geschichte nach Delfzijl, Groningen bzw. Emden, ist natürlich fiktiv. Dass ständig nach neuen Wegen für den Drogenschmuggel gesucht wird und dass Wege über das Wasser gesucht werden, ist Realität.“ Ebenso wie die Ambitionen der Drogen-Mafia.
Im Film verkündet der Spross des inhaftierten Paten, eine Milliarde Euro in den Aufbau seines Netzwerkes in Deutschland zu investieren und das Land damit systematisch zu "vergiften". Dass das nicht an den Haaren herbeigezogen ist, verraten die Drehbuch-Autoren: "Die Europol-Berichte zeigen, dass große Kartelle ihre Gewinne längst nicht mehr nur im Verborgenen parken, sondern in ganz legale Strukturen investieren: Immobilien, Bauwirtschaft, Gastronomie, Logistik oder auch scheinbar kleine Familienbetriebe. Genau darin liegt die Gefahr - weil diese Investitionen auf den ersten Blick oft gar nicht als kriminell erkennbar sind, aber das legale System korrumpieren." Deutschland gelte dabei immer noch als Paradies für die Geldwäsche: Denn obwohl die rechtlichen Hürden verschärft wurden, liege die Beweislast weiterhin beim Staat und nicht beim Investor.
Wie dicht an der Realität die Macher dran waren, zeigte sich 2024 während der Dreharbeiten, als die "Mocro-Mafia" ihre "Geschäfte" nach Nordrhein-Westfalen ausweitete und eine Serie von Überfällen, Explosionen und Schießereien auf offener Straße Köln erschütterten. Regisseur Hans Steinbichler erinnert sich: "Wir haben ziemlich schnell verstanden, dass es eine sehr unmittelbare Bedrohungslage für alle darstellt, die denen in die Quere kommen. Mit einem Mal schwappte da so etwas nach Deutschland über, das es bis auf die Titelseiten (...) geschafft hat." Und von dort wohl auch auf weiteres nicht mehr verschwindet.