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Wer kontrolliert die Lebensader? Ägypten und Äthiopien streiten um den Nil

Der Nil ist die Lebensader für den Nordosten Afrikas. Doch der über 6000 Kilometer lange Fluss ist auch ein Politikum: Äthiopien baut einen riesigen Staudamm am Blauen Nil. Ägypten befürchtet deshalb, bald auf dem Trockenen zu sitzen.

Schon vor Jahrtausenden hat der "Strom des Lebens" inmitten einer eigentlich lebensfeindlichen Wüste die Menschen ernährt. Vor allem Ägypten ist untrennbar mit dem Nil verbunden - bis heute. "Der Nil entspringt als Weißer und Blauer Nil, um dann in Khartum im Sudan im eigentlichen Nil zusammenzulaufen", sagt Nicole Hirt vom Giga-Institut für Afrika-Studien im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Von Khartum aus fließt der Nil nach Ägypten, wo er nach insgesamt 6650 Kilometern ins Mittelmeer mündet.

Für Ägypten hat der Strom eine enorme wirtschaftliche Bedeutung: De facto ist er die einzige Wasserquelle des Landes, das fast dreimal so groß ist wie Deutschland und mehr Einwohner hat. Fast 97 Prozent seines Wasserbedarfs deckt der Wüstenstaat damit ab. "Für Ägypten ist die Nil-Frage eine Frage über Leben und Tod", hat es der ägyptische Außenminister Sameh Shoukry voriges Jahr formuliert. Er zielte damit auf das strittige Staudammprojekt von Äthiopien ab, das im Blauen Nil entsteht.

Seit 2011 baut der 100-Millionen-Einwohner-Staat in der Nähe seiner Grenze zum Sudan am Grand Ethiopian Renaissance Dam. 2022 soll die Talsperre aus Stahl und Beton fertig sein und die Wassermassen des Blauen Nils aufhalten und bündeln, damit sie im Inneren des Damms durch Turbinen jagen und Strom für das ganze Land erzeugen.

Vorbild ist ausgerechnet Ägypten, das in den 1960er Jahren mit sowjetischer Hilfe den Assuan-Staudamm gebaut hatte. "Auch das war damals ein relativ umstrittenes Großprojekt. Damals ging es für Ägypten darum, Elektrizität zu gewinnen. Heute gibt es in Ägypten keinen Elektrizitätsmangel mehr, ganz im Gegensatz zu Äthiopien", sagt Nicole Hirt, die aber auch noch einen anderen Grund für den Staudammbau anführt: "Es ist auch ein Projekt, um die nationale Größe und Stärke Äthiopiens zu demonstrieren."

Flutung steht kurz bevor

Auf Satellitenbildern ist bereits zu erkennen, wie sich das Becken vor dem Grand Ethiopian Renaissance Dam füllt. Das habe aber noch nichts mit einem aktiven Aufstauen zu tun, sagt Äthiopiens Wasserminister Sekeshi Bekele. Momentan regne es einfach sehr viel, deshalb fließe mehr Wasser rein als raus.

Aber schon bald will Äthiopien den Stausee fluten. Trotz aller Widerstände, vor allem aus dem 2000 Kilometer stromabwärts gelegenen Ägypten. Der Wüstenstaat befürchtet, dass Äthiopien mit dem neuen Staudamm die Wasserzufuhr kappen könnte. Besonders in Dürreperioden hätte das fatale Folgen. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass das Wasser für die Menschen in Ägypten im schlimmsten Fall schon in fünf Jahren nicht mehr ausreichen könnte. "In Ägypten herrscht jetzt schon Wasserknappheit, weil die Bevölkerung wächst und etwa 100 Millionen Menschen dort leben, die alle auf dieses Wasser angewiesen sind", sagt Afrika-Expertin Hirt.

Ägypten will Wassergarantie für Dürreperioden

Ägypten verlangt von Äthiopien, dass weiter fixe Wassermengen den Nil hinunterfließen. Auch in Zeiten extremster Dürre. Kairo beruft sich dabei auf ein altes Abkommen mit dem Sudan aus der Kolonialzeit. Dieser Vertrag spricht Ägypten den Großteil des Nilwassers zu, der Rest gehört danach dem Sudan. Andere Länder wie Äthiopien wurden damals aber gar nicht einbezogen, jetzt pocht das Land auf sein Teilhaberecht. Womit der Sudan gar kein Problem hätte, denn Äthiopien hat seinem Nachbarland günstigen Strom versprochen, sobald der Staudamm fertig ist. "Der Sudan ist ambivalent. Die Zivilregierung steht eher an äthiopischer Seite, während das Militär traditionell eher mit Ägypten sympathisiert", sagt Nicole Hirt. "Wirtschaftlich würde Sudan vom Staudamm profitieren, politisch ist man aber gespalten."

Gespalten sind auch Ägypten und Äthiopien. Beide Länder können sich nicht auf ein Abkommen einigen, das den Streit um den Staudamm regelt. Seit Monaten wird um einen Kompromiss gerungen. "Es ging zeitweise verbal hart zu, weil beide Länder mit Krieg gedroht haben. Ich denke aber schon, dass es auf eine Verhandlungslösung hinauslaufen wird", erklärt Nicole Hirt. Denn was wäre die Alternative? Dass Ägypten den Staudamm bombardiert?

Bis der Stausee voll ist, dauert es noch einige Zeit. Im Streit zwischen Ägypten und Äthiopien ist das Maß also noch nicht ganz voll.

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Quelle: ntv.de