Panorama

Drama um todkrankes Baby Charlies Eltern bekommen mehr Zeit

Die künstliche Beatmung des unheilbar kranken britischen Jungen sollte heute eingestellt werden. Das hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in letzter Instanz entschieden. Jetzt bekommt Charlie noch einmal "etwas mehr Zeit".

d203f2be81964280fda0abf51b0bc6f1.jpg

Das Schicksal des kleinen Charlie hat Großbritannien bewegt.

(Foto: AP)

Die Eltern des unheilbar erkrankten britischen Babys Charlie Gard dürfen sich noch etwas länger als ursprünglich geplant von ihrem Kind verabschieden. Das teilte das Krankenhaus Great Ormond Street in London mit. Ursprünglich sollten die lebenserhaltenden Maßnahmen nach Angaben der Eltern am Freitag eingestellt werden.

"Wir haben heute Gespräche mit Great Ormond Street geführt und sie haben zugestimmt, uns noch ein bisschen mehr Zeit mit Charlie zu geben", schrieb Mutter Connie Yates auf ihrer Facebookseite.
Charlies Eltern waren Anfang der Woche mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg endgültig gescheitert. Sie wollten das Kind für eine experimentelle Therapie in die USA bringen.

Doch die Gerichte entschieden anders. Anfang der Woche urteilten die Richter, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen für Charlie eingestellt werden dürfen. Das Urteil war endgültig. Nationale Stellen hätten einen weiten Einschätzungsspielraum im Bereich der experimentellen Medizin für Todkranke und wenn es um sensible moralische und ethische Fragen gehe, so die Begründung. Die britischen Gerichte hätten den Fall zudem akkurat und sorgfältig geprüft.

In Würde sterben

Charlie litt an einer mitochondrialen Myopathie. Die seltene Erbkrankheit führt zu Muskelschwund und irreparablen Hirnschäden. Die Behandlung in den USA hätte Charlie möglicherweise Schmerzen bereiten können, fürchteten die Ärzte in London. Ob sie ihm hätte helfen können, war unklar - allenfalls wäre sein Zustand aus Sicht der Mediziner gleichgeblieben. Das Leiden Charlies sollte ein Ende haben, er sollte in Würde sterben dürfen, argumentierten die Ärzte.

In Deutschland wäre das Tauziehen zwischen Eltern und Ärzten möglicherweise anders ausgegangen. "An dem Fall wird deutlich, dass die medizinrechtliche Kultur in Großbritannien - anders als in Deutschland - sehr paternalistisch geprägt ist", sagt der Basler Rechtsprofessor Bijan Fateh-Moghadam. "Dem Staat wird recht großzügig gestattet, in das Eltern-Kind-Verhältnis einzugreifen. Die staatlichen Gerichte treten sozusagen als der oberste Erziehungsberechtigte auf." Macht bekämen dadurch auch die Mediziner, so Fateh-Moghadam. "Da steckt der Gedanke dahinter: Wir wissen besser als die Eltern, was dem Wohl des Kindes dient, die getrieben sind von ihren Emotionen."

An Emotionen fehlte es im Fall Charlie Gard nicht. Die Mutter Connie Yates postete auf Facebook regelmäßig öffentlich Fotos: Sie mit Mann und Kind auf einer Wiese ("Unser erstes Familienpicknick"); sie selbst abgemagert am Bett ihres Sohnes ("Das machen 7 Monate Stress mit dir"); andere Kinder, die an derselben Krankheit leiden sollen, aber dank einer Behandlung weiter leben ("Charlies Zukunft?"). Ein anderes Foto zeigte das Baby mit offenen Augen. "Ein Bild spricht tausend Worte", kommentierte sie. Kein Wunder, dass der Fall die Nation monatelang beschäftigte.

Quelle: ntv.de, dsi/dpa