Panorama

Was geschah an Bord des Unglücksfliegers? Das Rätsel der verschlossenen Tür

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Ins Cockpit eines A320 kommt man nur, wenn man eingelassen wird.

(Foto: dpa)

Für die Aufklärung von Flugzeugunglücken sind die Informationen von Flugschreiber und Stimmenrekorder ungemein wichtig. Doch was der Stimmenrekorder von Flug 9525 aufzeichnete, wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt.

Die Auswertung des bereits gefundenen Stimmenrekorders der abgestürzten Germanwings-Maschine hat offenbar ein äußerst irritierendes Ergebnis. Demnach soll zum Unglückszeitpunkt nur ein Pilot im Cockpit gewesen sein, weil der andere Pilot nicht wieder hineinkam.

Die "New York Times" und die französische Nachrichtenagentur AFP zitieren einen hochrangigen französischen Ermittler, der beschreibt, dass sich unmittelbar vor der Cockpittür dramatische Szenen abgespielt haben. Zu Beginn des Flugs hätten sich die Piloten noch normal auf Deutsch unterhalten, berichtete AFP. "Dann hört man das Geräusch, wie ein Sitz zurückgeschoben wird, eine Tür, die sich öffnet und wieder schließt, Geräusche, die darauf hindeuten, dass jemand gegen die Tür klopft. Und von diesem Moment an bis zum Crash gibt es keine Unterhaltung mehr", zitiert die "New York Times" ihre Quelle.

"Der Mann draußen klopft leicht an die Tür, aber es gibt keine Antwort", zitiert die US-Zeitung weiter. "Dann klopft er stärker an die Tür und wieder keine Antwort. Es gibt keine Antwort. Und dann kann man hören, wie er versucht, die Tür einzutreten." Sicher sei, dass der andere Pilot zum Zeitpunkt des Absturzes schließlich allein gewesen sei und die Tür nicht geöffnet habe.

Kein unerlaubtes Betreten

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben die Fluggesellschaften die Cockpits zu regelrechten Festungen ausgebaut. Allein die Lufthansa hat der "Zeit" zufolge 30 Millionen Euro für den Umbau der Türen ausgegeben, die seitdem schusssicher sind und sogar Explosionen standhalten sollen. Ein Airbus-Video zeigt, welche Sicherheitsmaßnahmen inzwischen an der Schwelle zu den Piloten greifen.

Schon, wenn die Piloten ihr Essen oder ein Glas Wasser bekommen sollen, gibt es eine aufwändige Prozedur. Will jemand das Cockpit betreten, muss er den Piloten um Erlaubnis bitten. Dazu gibt es von der Kabine aus eine Sprechverbindung zum Piloten. Der Pilot vergewissert sich durch einen Spion oder über Kamera-Bilder, wer vor der Tür steht und öffnet dann von innen die Tür.

Die Türen können jedoch auch durch die Eingabe eines Zahlencodes von außen geöffnet werden. Dies ist als Notfallregelung gedacht, allerdings kann diese Möglichkeit durch einen Schalter im Inneren des Cockpits blockiert werden.

Was könnte passiert sein?

Der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Markus Wahl, nannte es im ZDF "technisch möglich", dass ein Pilot nicht ins Cockpit zurückkehren könne. Dafür gebe es zahlreiche theoretische Gründe. Beispielsweise könne die Tür defekt sein. Das kommt durchaus vor: Im Mai 2013 war eine Air India zur Notlandung gezwungen, weil der Pilot nach einem Gang zur Toilette nicht mehr zurück ins Cockpit kam. Die Tür war verschlossen und ließ sich auch nicht wieder öffnen. Der Kopilot musste die Maschine allein landen.

Es gibt jedoch noch andere Umstände, die den im Cockpit verbliebenen Piloten daran hindern, die Tür zu öffnen. Da wären zum einen handfeste medizinische Gründe, wie beispielsweise eine Ohnmacht oder ein Herzanfall. Es könnte aber auch beispielsweise einen massiven Druckabfall im Cockpit gegeben haben, bei dem der Pilot nicht mehr in der Lage war, seine Sauerstoffmaske aufzusetzen. Wie schon beim Absturz von MH370 steht dennoch auch diesmal als eine Möglichkeit eine Selbstmordabsicht des Piloten im Raum. Dann hätte der Pilot bewusst die Entscheidung getroffen, seinem Kollegen die Tür nicht wieder zu öffnen.

So hat es im November 2013 ein Pilot in Afrika gemacht. Er nutzte den Moment, als das andere Cockpit-Mitglied zur Toilette ging und sperrte die Tür zu. Das Embraer-Flugzeug TM470 raste im Sturzflug auf die Erde zu, 33 Menschen kamen ums Leben. Auskunft über diesen Ablauf der Ereignisse hatte die Auswertung des Stimmenrekorders gegeben.

"Wir haben derzeit keine Informationen vorliegen, die den Bericht der 'New York Times' bestätigen", sagte ein Lufthansa-Sprecher. Man werde sich bemühen, weitere Informationen zu bekommen und "sich nicht an Spekulationen beteiligen". Nahezu wortgleich äußerte sich auch Germanwings. "Die Ermittlung der Unfallursache obliegt den zuständigen Behörden", hieß es zudem in einer schriftlichen Erklärung. Auch von der französischen Untersuchungsbehörde BEA war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Für den frühen Nachmittag haben Germanwings und Lufthansa eine Pressekonferenz angekündigt, auf der sie über den aktuellen Stand der Ermittlungen Auskunft geben wollen.

Quelle: ntv.de