Panorama

Tag 1 nach dem Absturz Das lange Morgengrauen von Seyne-les-Alpes

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Hunderte Journalisten warten auf Informationen zum Germanwings-Unglück.

(Foto: picture alliance / dpa)

24 Stunden nach dem Absturz von Flug 4U9525 sitzt der Schock tief in einem verschlafenen Dorf in den südfranzösischen Alpen. Während die Bergung der Germanwings-Maschine weiterläuft, brodelt die Gerüchteküche im Ort.

Morgengrauen - in Seyne-les-Alpes: Die zerklüfteten Felsformationen umschließen das Örtchen in den südfranzösischen Alpen. Sie sind so hoch, dass es fast Mittag sein wird, bis die Sonne sie erklommen hat. Bis dahin ist das Tal in unheilvolles Zwielicht getaucht. Und mit ihm die surreale Szenerie, die sich auf dem einzigen ebenen Stückchen Erde vor den Toren des Dorfes abspielt. In wenigen Kilometern Entfernung liegen die Trümmer und Toten des am Vortag abgestürzten Germanwings-Fluges.

Dutzende Kameras stehen in einer sauberen Linie aufgereiht am Rand eines Feldes und filmen die beiden Helikopter, die sich langsam aus der Dunkelheit schälen. Ein paar Helfer von Gendarmerie und Feuerwehr strecken ihre von der nächtlichen Kälte noch steifen Glieder und klettern in die Hubschrauber. Erst langsam, dann immer schneller drehen sich die Rotoren. Dann heben die Helis schließlich von Dutzenden Objektiven verfolgt ab und verschwinden in Richtung eines Bergmassivs, das besonders schroff in den Himmel ragt. Irgendwo dahinten, in dieser unwirtlichen Mondlandschaft, liegen die Überreste von Flug 4U9525 verstreut. "Unmöglich", sagt ein englischer TV-Reporter zu seinem Kollegen. Noch in der Nacht hatte er angekündigt, die Absturzstelle notfalls zu Fuß erreichen zu wollen.

"Welch grausame Macht hat sich das ausgedacht?"

Ein Blick auf die Umgebung genügt, um zu verstehen, warum sich die Rettungskräfte bereits so früh so sicher waren, dass niemand der 150 Passagiere diesen Absturz überlebt haben konnte. "Am schlimmsten ist für mich die Tatsache, dass es keinerlei Grund zur Hoffnung gibt", sagt Jean, der im örtlichen Supermarkt an der Kasse sitzt. Sein Laden liegt am kleinen Marktplatz des Dorfes, auf dem es seit Dienstagnacht wie in einem Bienenstock zugeht - Seynes hat wohl noch nie so einen Auflauf erlebt. "Seit Jahren hoffen wir darauf, dass endlich etwas passiert in dieser Stadt", sagt er. "Aber die größte Luftfahrttragödie in den letzten Jahrzehnten? Welche grausame Macht hat sich das ausgedacht? Wenn die Leute in Zukunft den Namen Seynes hören, werden sie nicht an die schönen Berge, sondern an die vielen Toten denken. Das ist doch schrecklich."

Trotz der bitteren Kälte stehen vor dem Laden zwei ältere Dorfbewohnerinnen in kurzen Hosen. Sie rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Ihr Sohn sei bei der Feuerwehr, sagt die eine, und gestern mit an Bord eines Helikopters gewesen. "Überall Trümmer!", zischt sie verschwörerisch. "Ich glaube, das waren die Terroristen", hebt sie an und verstummt abrupt, als sie merkt, dass sie nicht alleine sind.

Zwar sind die beiden mit ihrer Meinung in Seynes nicht alleine, die Gerüchteküche tobt unter Einwohnern und Reportern gleichermaßen. Von einem Terroranschlag gehen die Behörden allerdings derzeit nicht aus - ein schwacher Trost. Die Ermittlungen zur Unfallursache werden wahrscheinlich noch eine Weile dauern. Immerhin haben die Rettungskräfte an der Absturzstelle zwischenzeitlich einen der Flugschreiber geborgen und beginnen noch am Nachmittag mit der Auswertung.

In der Zwischenzeit haben noch mehr Einsatzkräfte das provisorische Hauptquartier vor den Toren Seynes erreicht: Fast 20 Mannschaftswagen der Gendarmerie preschen mit vollem Tempo an den wartenden Journalisten vorbei, immer wieder starten Helikopter in Richtung der Berge. Kurz vor Mittag ist es dann schließlich soweit: Mit letzter Kraft erklimmt die Sonne einen der Gipfel am Horizont und taucht das Tal in warmes Sonnenlicht. Das lange Morgengrauen mag vorbei sein in Seynes-les-Alpes, das Grauen um 4U9525 ist es noch lange nicht: Am Nachmittag werden die ersten Angehörigen am Unglücksort erwartet.

 

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(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Quelle: n-tv.de, jve

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