Panorama

Staufen, Höxter, Oldenburg Die bewegendsten Prozesse des Jahres

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Im Oktober fällt in Paderborn das Urteil im Höxter-Prozess. Wilfried W. und Angelilka W. werden zu langen Haftstrafen verurteilt.

dpa

2018 gibt es einige schlagzeilenträchtige Gerichtsverhandlungen. Doch drei von ihnen stechen aufgrund der Grausamkeit der ihnen vorausgegangenen Taten besonders hervor. Es geht um Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und hundertfachen Mord.

In Staufen bei Freiburg missbrauchen Mutter und Stiefvater ihren kleinen Sohn und verkaufen ihn über das Internet an fremde Männer. Im Sommer wird ihnen am Landgericht Freiburg der Prozess gemacht. In Höxter misshandelt ein Paar mehrere in ihrem Haus gefangen gehaltene Frauen, zwei von ihnen sterben. Erst dann kommen die Taten ans Licht, für die sich die zwei vor dem Landgericht Paderborn verantworten müssen. Und im größten Prozess der Nachkriegsgeschichte soll ein Gericht in Oldenburg klären, wie viele Menschen ein Krankenpfleger auf dem Gewissen hat.

Der Missbrauchsskandal von Staufen

Über Jahre missbrauchen Michaela Berrin T. und ihr wegen Vergewaltigung vorbestrafter Lebensgefährte Christian L. im baden-württembergischen Staufen den Sohn der 48-Jährigen. Und sie verkaufen ihn über das Darknet an fremde Männer. Obwohl das Jugendamt 2017 ein erstes Mal einschreitet und den Jungen in seine Obhut nimmt, muss er nach vier Wochen zurück zu Mutter und Stiefvater. Das Martyrium des heute Zehnjährigen setzt sich fort. Als ein anonymer Hinweis die Ermittlungen erneut in Gang bringt, werden nicht nur Michaela Berrin T. und der neun Jahre jüngere Christian L. verhaftet, wenig später sitzen auch noch sechs weitere Verdächtige in Untersuchungshaft.

Im März erhebt die Staatsanwaltschaft in Freiburg Anklage gegen Christian L. und Michaela Berrin T. – wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern, schwerer Vergewaltigung, schwerer Zwangsprostitution sowie Verbreitung, Besitz und Erwerb kinderpornografischer Schriften. Und es kommt heraus, dass es noch ein zweites Opfer gibt: ein dreijähriges Mädchen, die Tochter einer Freundin der Mutter.

Warnungen falsch eingestuft

Die Behörden müssen sich kritische Nachfragen gefallen lassen. Welche Schuld trifft sie? Immerhin war Christian L. seit 2005 immer wieder auffällig, wurde wegen des Besitzes von Kinderpornografie und später wegen der Vergewaltigung einer 14-Jährigen verurteilt. Therapien brach er ab, Sicherungsverwahrung wurde nicht angeordnet. Und das Amt hatte eingegangene Warnungen als "vage Hinweise" eingestuft und Polizei und Gerichte, die sich bereits mit der möglichen Gefährdung des Kindes befasst hatten, nicht darüber informiert.

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Stiefvater Christian L. war wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen bereits vorbestraft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zunächst wird den "Kunden" des Paares der Prozess gemacht. Im April wird der 41-jährige Markus K. wegen schwerer Vergewaltigung zu zehn Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Ihm wird eine "schicksalhafte homosexuelle Pädophilie" attestiert. Ein Internetkontakt von Christian L. ist Daniel B. aus Neumünster. Der 32-Jährige wird vom Landgericht Kiel wegen der mehrfachen Vergewaltigung seiner eigenen Tochter verurteilt. Er hatte L. angeboten, die Kinder zwecks Missbrauch mal zu tauschen, dazu kam es aber nie.

Videos übers Darknet verkauft

Der 50 Jahre alte Bundeswehrsoldat Knut S. muss für achte Jahre ins Gefängnis. Er hatte seine Taten gefilmt und im Internet verbreitet. Der 38-jährige Schweizer Jürgen W. bekommt neun Jahre Haft, der 44-jährige Daniel V. aus Wulsdorf acht Jahre mit anschließender Sicherungsverwahrung. Ein 33 Jahre alter Spanier namens Javier G.-D. wird zu zehn Jahren Haft und der Zahlung von 18.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Er hatte den Jungen 15 Mal vergewaltigt und dafür mehr als 10.000 Euro bezahlt. Videos, die er von den Übergriffen drehte, verkaufte er über das Darknet.

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Mutter Michaela Berrin T. schweigt während des Prozesses.

(Foto: picture alliance/dpa)

Christan L. sagt aus, es sei ihm nie nur ums Geld gegangen. Es habe ihn erregt, den Jungen gemeinsam mit anderen zu missbrauchen. Er und Michaela Berrin T. sitzen ab Juni selbst auf der Anklagebank. 58 Taten werden ihnen vorgeworfen. Deren Verlesung vor Gericht durch die Staatsanwaltschaft dauert über drei Stunden und ist nur schwer zu ertragen. Im Gegensatz zu Michaela Berrin T. sagt Christian L. öffentlich aus. Die Mutter selbst steuert ohnehin nur wenig zur Aufklärung der Verbrechen bei, spricht auch nicht über ihre Motivation, ihr Kind an fremde Männer zu verkaufen. Ging es ihr ums Geld oder war sie getrieben von einer perversen Lust? All das kann nicht abschließend geklärt werden.

Am 7. August wird Michaela Berrin T. zu zwölfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Christian L. kommt für zwölf Jahre in Haft. Bei ihm wird zusätzlich Sicherungsverwahrung angeordnet.  Zudem müssen die beiden den von ihnen missbrauchten Kindern 42.500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Der Sohn von Michaela Berrin T. lebt inzwischen in einer Pflegefamilie. Laut seiner Anwältin geht es dem Zehnjährigen den Umständen entsprechend gut. Er sei freundlich, zurückhaltend, in sich gekehrt, sagt sie kurz vor Prozessbeginn dem "Stern". 

Das Horrorhaus von Höxter

Über Jahre hinweg locken Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. Frauen per Kontaktanzeigen in ihr Haus nach Höxter in Ostwestfalen. Angelika W. stellte sich ihnen als Schwester von Wilfried W. vor. Gemeinsam halten sie die Frauen gefangen und misshandeln sie seelisch und körperlich schwer. Eine Frau aus Niedersachsen stirbt vor Ort. Wie Angelika W. vor Gericht aussagt, haben sie und ihr Ex-Mann die Leiche eingefroren, zersägt, verbrannt und die Asche anschließend im Winter an den Straßenrändern des Dorfes verstreut.

Am 21. April 2016 versuchen die Angeklagten, ein zweites Opfer, Susanne F., noch aus dem Haus zu schaffen. Doch das Auto, in dem sie die Schwerverletzte transportieren, hat eine Panne. Ein Rettungswagen bringt Susanne F. ins Krankenhaus, in dem sie schließlich ihren Verletzungen erliegt. Erst da werden Ermittler auf die über Jahre begangenen Taten aufmerksam und stoßen auf ein Täterpaar, dessen Regeln sie zunächst kaum durchschauen.

Gefährliche Paarbeziehung

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Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen nicht funktioniert, sagt eine Gutachterin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die 49-jährige Angelika W. gesteht umfassend und belastet ihren ein Jahr jüngeren Ex-Mann immer wieder schwer. Wilfried W. hingegen beschuldigt Angelika W. Die forensische Gutachterin Nahlah Saimeh zeichnet in ihrer Analyse ein über 16 Jahre lang gewachsenes Beziehungsmuster. Auf der einen Seite eine Frau mit autistischen Zügen, dabei hochintelligent, machtbewusst und ohne jedes Mitgefühl für ihre Mitmenschen oder Opfer. Auf der anderen Seite der geistig behinderte Mann, der nach der großen Liebe sucht, ohne Gefühl für Schuld und Verantwortung. Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen nicht funktioniert, sagt Saimeh.

In ihrem letzten Wort unmittelbar vor dem Urteil richtet Angelika W. erstmals deutliche Worte der Entschuldigung an die Opfer. "Ich möchte mich in aller Form bei allen Frauen entschuldigen, denen ich Leid angetan habe", sagt sie. Ihr Ex-Mann Wilfried W. meint: "Ich wusste nicht, was richtig oder falsch ist. Deswegen wäre eine Therapie gar nicht so schlecht."

Wilfried W. akzeptiert das Urteil

Anfang Oktober wird Angelika W. zu 13 Jahren Haft, ihr Ex-Mann Wilfried W. zu elf Jahren verurteilt. Der 48-Jährige wird anschließend in einer Psychiatrie untergebracht. Er akzeptiert das Urteil, womit es rechtskräftig ist. Anders bei Angelika W. "Auf Mord durch Unterlassen ist bislang sehr selten von deutschen Gerichten entschieden worden. Ich habe, wie bereits im Gericht angekündigt, fristwahrend Revision eingelegt", so ihr Rechtsanwalt Peter Wüller. Er wolle sich zunächst das schriftliche Urteil anschauen, das ihm noch nicht vorliege. Im neuen Jahr würde er dann entscheiden, ob es bei der Revision bleibt.

Das Haus des Paares in Höxter-Bosseborn wurde trotz seiner Vorgeschichte schnell verkauft - an eine Drogenbande aus den Niederlanden. Im September 2017 entdeckte die Polizei in dem Gebäude am Saatweg eine Cannabis-Plantage, nahm zwölf Personen fest. Nun soll der niederländische Besitzer enteignet und das Haus versteigert werden. Die Einwohner des Stadtteils Bosseborn wollen es gemeinschaftlich kaufen und abreißen lassen. Grund dafür sei vor allem der Sensationstourismus, sagen sie. Täglich sollen Autos aus ganz Deutschland zum Tatort fahren, um dort Fotos zu machen.

Der Todespfleger von Niedersachsen

In Delmenhorst und Oldenburg spritzt Krankenpfleger Niels Högel seinen Patienten eine Überdosis von Medikamenten wie Gilurytmal, Kalium, Xylocain oder Solatex, um bei ihnen akute Herzprobleme auszulösen. Anschließend versucht er, seine Opfer zu reanimieren, will sich als Held feiern lassen.

Das macht er seit 2000, bis eine Krankenschwester den damals 29-Jährigen 2005 auf frischer Tat ertappt. Im Klinikum Delmenhorst spritzt er gerade einem Patienten mehrere Ampullen Gilurytmal und stellt eine Pumpe mit einem anderen, lebenswichtigen Medikament ab. Aufgrund dieser Tat wird Högel 2008 wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. 2015 folgt eine Verurteilung zu lebenslanger Haft - wegen Mordes und Körperverletzung bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Doch ist das nur die Spitze des Eisbergs.

Hinterbliebene toter Patienten der Kliniken, in denen Högel gearbeitet hat, werden misstrauisch. Unter ihnen auch Kathrin Lohmann, deren Mutter 2003 in Delmenhorst starb. Sie drängt auf deren Exhumierung. Insgesamt werden 2009 acht Leichen ausgegraben und untersucht, in fünf Fällen stellen die Ermittler Auffälligkeiten fest. Daraufhin werden weitere 134 Leichen exhumiert. In insgesamt 99 Fällen finden die Ermittler Spuren von Medikamenten und damit Hinweise auf einen möglichen Mord. 64 Patienten starben in Delmenhorst, die übrigen 35 in Oldenburg.

Warum niemand einschritt, ist unklar. Immerhin wird die Häufung der Reanimationen und Sterbefälle während Högels Dienstzeit in Oldenburg bereits 2001 von Ärzten und anderen Pflegern besprochen. Doch mehr geschieht nicht. Als Högel sich wenig später in Delmenhorst bewirbt, schreibt man ihm in Oldenburg sogar ein ausgesprochen gutes Zeugnis. 

An viele Taten keine Erinnerung

Die Tötung eines Patienten im Juli 2000 bestritt Högel.

Niels Högel ist weitgehend geständig, kann sich aber nicht an alle Taten erinnern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit dem 30. Oktober steht Högel in Oldenburg wieder vor Gericht. Aufgrund von mehr als 120 Nebenklägern, vertreten durch 17 Anwälte, und einem enormen Medieninteresse lädt die Staatsanwaltschaft dieses Mal nicht wie üblich in einen Gerichtssaal, sondern in die Weser-Ems-Halle. So haben 350 Menschen Platz, es ist der bundesweit größte Mordprozess der Nachkriegszeit.

In diesem dritten Prozess geht es vor allem darum, Licht ins Dunkel zu bringen und den Angehörigen Klarheit über das Schicksal der insgesamt 106 Opfer zu verschaffen. An der lebenslangen Haftstrafe für Högel wird das nichts ändern. Und der ehemalige Krankenpfleger ist weitgehend geständig. Die Tötung eines Patienten im Juli 2000 bestreitet er allerdings: "Das ist einer der wenigen Patienten, bei denen ich sagen kann, dass ich da keine Manipulation vorgenommen habe." Der heute 41-Jährige verweist aber immer wieder auch auf Erinnerungslücken.

Högel entschuldigt sich bei den Familien der Opfer: "Wenn es einen Weg geben würde, der Ihnen helfen würde, dann würde ich ihn gehen, glauben Sie mir", sagt der 41-Jährige vor Gericht. Es tue ihm wirklich leid.  Ein Ende des Prozesses wird nicht vor Mai 2019 erwartet.

Quelle: n-tv.de