Panorama

Virologe im Interview Einschränkungen dauern ''mehrere Monate''

Das Coronavirus bringt das öffentliche Leben ganzer Länder zum Stillstand, in Deutschland schließen Schulen und Geschäfte. Im Gespräch mit ntv spricht der Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit über einen möglichen Impfstoff, die voraussichtliche Länge der Einschränkungen und warum Ausgangssperren seiner Ansicht nach wenig bewirken.

ntv: Herr Prof. Schmidt-Chanasit, wie bewerten Sie die ersten Tests mit einem Impfstoff, der in Seattle Freiwilligen verabreicht wurde?

Prof. Jonas Schmidt-Chanasit: Das ist die erste Studie, der erste klinische Schritt, diese Impfstoff-Kandidaten eben zu testen. Das wird jetzt überall auf der Welt passieren mit verschiedenen Kandidaten, auch in Deutschland, im Sommer sicherlich. Und dann wird es aber eben noch mehrere Monate dauern, bis der dann wirklich auch breit eingesetzt werden kann, wenn das die Ergebnisse zulassen, das heißt, er muss sicher und natürlich wirksam sein.

Das Robert Koch-Institut hat die Risikoeinschätzung für Deutschland auf ''hoch'' geändert. Was heißt das konkret?

Das heißt konkret, dass in bestimmten Regionen die Infektionsgefahr gestiegen ist, dass sie hoch ist, weil ein hoher Infektionsdruck herrscht. Das heißt, viele Menschen sind infiziert, viele Menschen können das Virus übertragen. Und da müssen natürlich jetzt die Maßnahmen verändert und entsprechend angepasst werden.

Ist es eine Illusion, zu hoffen, dass nach den Osterferien vieles im öffentlichen Leben wieder auf ''normal'' gestellt werden kann?

Ja, ganz klar. Wir reden hier immer über einen Zeitraum von mehreren Monaten, wo wir mit diesen Einschränkungen leben müssen. Es kommt jetzt darauf an, das richtige Maß für Deutschland zu finden. Das kann jetzt auch keiner sagen, was das sein wird. Wir haben verschiedene Stellschrauben, Kindergärten, öffentliche Einrichtungen – das ist jetzt erst mal maximal runtergefahren. Viel mehr ist dann gar nicht mehr möglich, außer der Ausgangssperre, die aber nicht wesentlich dazu beitragen wird. Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen sehen, wie die Stellschrauben auch wieder etwas gelockert werden können und wie das Gesundheitssystem mit diesen vielen Fällen dann auch umgehen kann.

Warum sagen Sie, eine Ausgangssperre würde nicht viel bewirken, obwohl wir diese Maßnahme gerade in Frankreich sehen?

Hier ist einmal ganz klar zu sagen: Wir müssen die für Deutschland passenden Maßnahmen ergreifen. Es bringt nichts, auf andere Länder zu zeigen. Die Gesundheitssysteme, die Strukturen, die kulturellen Hintergründe sind verschieden. Und wir müssen für uns die besten Maßnahmen finden. Ausgangssperren sind nicht sinnvoll. Man kann natürlich in den Park gehen, es geht darum, soziale Kontakte zu vermeiden. Das gilt es zu verhindern. Wenn man jetzt rausgeht und sich im Biergarten mit Hunderten von Leuten trifft – das wollen wir auf keinen Fall. Aber es spricht nichts dagegen, mit dem Hund mal in den Park zu gehen. Insofern bin ich gegen Ausgangssperren.

Was spricht für ein Tracking von Infizierten per Handydaten?

Wenn das intelligent gekoppelt ist mit den Testergebnissen, so wie das in Südkorea gemacht wird, spricht nichts dagegen. Dann hätte man noch ein weiteres Instrument, um Infektionsketten nachzuvollziehen, um Testergebnisse schnell zu übermitteln. Natürlich wäre ich erfreut, wenn sich das in Deutschland so umsetzen ließe. Aber noch mal der Hinweis: Länder sind unterschiedlich, Gesetze sind unterschiedlich, Möglichkeiten sind unterschiedlich.

Quelle: ntv.de, mdi