Panorama

Schwierige Jahre von 18 bis 30 Erwachsenwerden auf die harte Tour

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Das neue Leben ist voller Freiheiten und Anforderungen.

(Foto: imago/Jochen Tack)

Die Pubertät ist durch, aber ist man dann schon erwachsen? Die Experten sagen Nein, das passiert allmählich, bis man 30 ist. Die Jahre bis dahin gehören zu den "härtesten des Lebens". Denn die Liste der Fragen, auf die man eine Antwort finden muss, ist unendlich.

Bisher galt: Wer mit der Trotzphase und der Pubertät durch ist, hat die schwierigen Lebensphasen erstmal geschafft. Bis zur Rush hour des Lebens und der Midlifecrisis ist Ruhe. Doch viele erleben die Jahre zwischen dem 18. und dem 30. Lebensjahr keineswegs als ruhig. Ganz im Gegenteil.

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Der Psychologe Claus Koch ist sicher: "Pubertät war erst der Vorwaschgang". Ein ganzes Buch hat er unter diesem Titel der danach folgenden Zeit des Erwachsenwerdens gewidmet. Während sich die Eltern nun tatsächlich etwas zurücklehnen können, geht es für die jungen Leute zur Sache, so die Erfahrung des Vaters von vier Söhnen. Koch zählt diese Jahre im Gespräch mit n-tv.de zu den "härtesten des Lebens".

"Das hat viel damit zu tun, dass zwei gewohnte Leitplanken wegfallen: die Eltern und die Schule", so der Autor. Anders als früher waren dies für die jetzige jüngere Generation oft ganz positive Rahmenbedingungen. Die Zeiten, in denen Kinder die eigenen Eltern zum Kotzen finden, sind vorbei. Heute würden 80 Prozent der Jugendlichen ihre Kinder genauso erziehen, wie sie selbst aufgewachsen sind. Das ergab die letzte Shell-Studie. Und auch die Schule gibt vor allem Struktur - dem Tag, der Woche, dem Jahr. Hier trifft man die Freunde, kommt ganz selbstverständlich in den Austausch mit anderen.

Fragen, Euphorie und Angst

Jenseits von Schulhof und Elternhaus liegt Niemandsland. Beginnt man eine Ausbildung oder ein Studium? Wenn ja, welche Richtung wählt man? Vielleicht muss man umziehen, an einen fremden Ort? WG, Wohnheim oder eigene Wohnung? Wann muss man aufstehen, was soll man kochen, wäscht man Jeans zusammen mit Unterhosen? Lebenspraktische mischen sich mit Grundsatzfragen, ständig.

"Das ist eine sehr unsichere Zeit, in der man sich erstmal wiederfinden muss", sagt Koch. Nicht umsonst schieben viele Jugendliche ein soziales oder ökologisches Jahr ein, um sich Zeit zu verschaffen. Wenn die ersten Entscheidungen dann gefallen sind, bleibt trotzdem oft ein Restzweifel: Ist das jetzt das Richtige? Nie wieder liegen Euphorie und Angst so nah beieinander.

Dabei bleibt die Unbeschwertheit der Pubertätsjahre auf der Strecke. Damals verliebte man sich Hals über Kopf, stellte keine Fragen und lebte im Augenblick. Anfang und erst recht Mitte 20 kommen in der gleichen Situation jede Menge Fragen auf. Gehen wir in die gleiche Stadt? Will ich schon mit einem Partner zusammenziehen? Kann ich mir mit ihm oder ihr Kinder vorstellen? Will ich überhaupt Kinder? Für die Arbeit ist der Fragenkatalog kaum kürzer. Womit will ich mein Geld verdienen? Wie viel Geld will ich überhaupt verdienen? Und will ich auch Spaß haben? Oder etwas Sinnvolles tun?

Die meisten schaffen es

Gegeben hat es diese heikle Phase schon immer, Johann Wolfgang von Goethes "Leiden des jungen Werther" handelt genau davon, ist Koch sicher. Doch heute habe sich das Leid dieser Zeit zugespitzt, "weil man nicht mehr so festgelegt ist, wie man das früher war". Kaum jemand folgt noch dem Ablauf Ausbildung, Beruf, Heirat, Kinder, Rente. Immer neue Praktika und Zeitverträge machen das Ankommen im Erwachsenenleben schwer, die Entscheidung für Kinder wird aufgeschoben, wenn man denn überhaupt einen dauerhaften Partner findet. Trotzdem wird noch immer erwartet, dass man spätestens mit Ende 20 weiß, was man im Leben will.

Tatsächlich gelingt es den meisten, zunehmend Verantwortung für sich selbst und sogar für andere zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen, die das weitere Leben in gute Bahnen lenken und dabei empathisch und neugierig zu bleiben. Dafür bedarf es allerdings einiger Grundkompetenzen, für die schon in der Kindheit die Basis gelegt werden muss: Selbstbewusstsein beispielsweise. Wer sich selbst als wertvoll empfindet, auch wenn er irrt oder scheitert, profitiert jetzt davon. "Diese Erfahrung als Kind gemacht zu haben, hilft einem ungemein in Konfliktsituationen, in denen man sich zu sich selbst bekennen und eigene Entscheidungen treffen muss, vor allem wenn man Nein sagt." Außerdem nennt Koch Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung, etwas bewirken zu können, Kommunikationsfähigkeit und Selbstdisziplin.

Wer dann noch die Aufgabe findet, die ihn immer wieder neu begeistert, hat es fast geschafft: das Erwachsenwerden. "Wenn ein gutes Selbstwertgefühl mit dem Gefühl zusammenkommt, etwas Sinnvolles zu machen, wenn das mein Leben bestimmt, dann kann eigentlich nichts passieren", davon ist Koch überzeugt. Den Eltern kommt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle zu. Sie können mit Verständnis, Vertrauen und Gelassenheit mal wieder üben, was schon in der Trotzphase und in der Pubertät zu lernen war: Loslassen.

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Quelle: n-tv.de

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