Panorama

Kliniken sind Infektionsherde "Gehen davon aus, dass wir uns anstecken"

5cf8dea4af696d65513ed9e20109159e.jpg

Das Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam hat auf seinem Gelände ein separates und isoliertes Covid-Krankenhaus eingerichtet.

(Foto: dpa)

Das Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam hat seine Türen verschlossen, entlässt keine Patienten mehr nach Hause und hat ein generelles Besuchsverbot verhängt. Grund ist eine hohe Anzahl an Corona-Infektionen unter Patienten. Auch Ärzte sind betroffen. Warum diese Entwicklung relativ normal ist, Ärzte damit rechnen, sich anzustecken und Krankenhäuser schon immer Infektionsherde waren, erklärt ein Arzt, der im Klinikum arbeitet, im Gespräch mit ntv.de.

ntv.de: Sie arbeiten als Arzt im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Auch heute. Mehrere Kollegen haben sich bereits mit Corona infiziert. Haben Sie Angst, zur Arbeit zu gehen?

Arzt: Nein. Die meisten meiner Kollegen und ich sehen das ganz nüchtern und angstfrei. Wir gehen sogar davon aus, dass wir uns anstecken werden. Ich hatte auch schon Kontakt zu einem Patienten, der danach positiv auf Corona getestet wurde.

Warum stecken sich Ärzte an? Reichen die Schutzmaßnahmen nicht aus?

Die Schutzmaßnahmen reichen in dem Moment aus, wenn der Patient nicht mit dem Coronavirus infiziert ist. Wenn wir aber nicht wissen, dass der Patient das Coronavirus hat, dann reicht das übliche Tragen von Handschuhen, Kittel und Mund- und Nasenschutz eben nicht mehr aus. Bei einer Bronchoskopie, also einer Untersuchung der Lunge mit einer beweglichen Sonde, sind wir Ärzte dem Virus quasi ausgeliefert. Das Virus, das belegen ja auch die aktuellen Zahlen, ist hochansteckend. Deshalb scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, dass sich die Ärzte in Krankenhäusern auch mit Sars-CoV-2 infizieren.

Seit Tagen gibt es angepasste Zutrittsmöglichkeiten und ein generelles Besuchsverbot in Ihrem Klinikum. War das zu spät oder gibt es andere Gründe für die vielen Corona-Fälle im Klinikum Ernst von Bergmann?

Ich finde es nicht zu spät, denn eine Schließung vorher wäre nicht adäquat gewesen. Ich denke auch nicht, dass Besucher das Problem sind. Wir sind in Potsdam der Maximalversorger der Gegend und behandeln sehr viele Patienten aus Potsdam und dem Süden und Westen Brandenburgs. Wenn einer davon Corona hatte und Pfleger und Ärzte wussten nichts davon, dann wird die Infektion einfach weitergetragen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis vermehrt Infektionsfälle auch bei uns auftreten.

Wie sieht denn jetzt Ihr Alltag im Klinikum aus?

Der Alltag verläuft noch relativ normal. Das Problem ist aber, dass viele Leute, leider auch die Entscheidungsträger, jetzt denken, dass die Welt im Krankenhaus stillsteht, weil wir Corona haben. Dem ist nicht so. Wir machen unsere Arbeit weiter, jetzt allerdings unter erschwerten Bedingungen. Leider stehen die Corona-Fälle im Fokus. Aber es gibt ja noch andere Patienten. Die interessieren gerade nicht so sehr.

Wie meinen Sie das?

Beispielsweise hatten wir eine Überwachungsstation für nicht so schwere Fälle, die aber essenziell war. Diese wurde im Zuge des Aufbaus der Covid-Intensivstation einfach abgeschafft. Nun landen diese Patienten beispielsweise nach Autounfällen oder Operationen auf der Intensivstation. Die Intensivstation wird nun mit diesen Patienten überbelegt. Sicher kann sich jeder vorstellen, was das bedeutet, denn schon vor Corona-Zeiten waren die Kapazitäten auf der Intensivstation bei uns knapp.

Altenheime gelten ja schon als besondere Corona-Infektionsherde. Gehören jetzt auch Krankenhäuser dazu?

Krankenhäuser sind immer Infektionsherde - auch schon vor Corona. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Hier kommen viele kranke Menschen zusammen, die geschwächte Immunsysteme haben. Diese können nur schwer Krankheitserreger bekämpfen. Aus diesem Grund gibt es auch eine Reihe von Keimen, die in Krankenhäusern und auch Seniorenheimen Probleme machen. Corona gehört jetzt einfach dazu. Wir werden solche Häufungen von Corona-Fällen deshalb bald auch in anderen Krankenhäusern sehen. Das ist das, womit wir jetzt leben müssen.

Dennoch wird vermittelt, dass man in Deutschland das Virus gut im Griff hat.

Zu glauben, dass man das Virus unter Kontrolle hat, ist ein Irrglaube. Jeder Patient und jeder Mitarbeiter müsste täglich getestet werden. Aber selbst das würde nicht ausreichen, denn wenn die Symptome da sind, ist es schon zu spät. Dazu kommen Fallstricke beim Test. Es sieht ja so aus, dass man kurz nach einer Infektion die Viren mit dem Test noch gar nicht nachweisen kann. Dann kann der PCR-Test negativ ausfallen. Außerdem kann es sein, dass nicht alle Abstriche, die genommen werden, tief genug im Rachen sind. Man kann bei diesem Coronavirus also nie ganz sicher sein, ob man es in sich trägt und ansteckend ist oder nicht.

Mit dem Arzt, der namentlich nicht genannt werden will, sprach Jana Zeh

Quelle: ntv.de