Panorama

Bei Raserei zwingend ein Jahr Haft Gericht lehnt Bewährungsdeal für Ullrich ab

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Das Gericht will Jan Ullrich doch nicht so einfach davonkommen lassen.

(Foto: AP)

Alles sah nach einem Deal aus: Ex-Radprofi Jan Ullrich bekennt sich schuldig, und ihm bleibt der Knast erspart. Doch Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben ihre Rechnung ohne den Richter gemacht. Und der hat große Zweifel an Details der Anklageschrift.

So ist eine Staatsanwaltschaft selten abgewatscht worden. Die Anklageschrift im Fall des schweren Alkoholunfalls von Jan Ullrich in der Schweiz stimme in weiten Teilen gar nicht mit den Ermittlungsunterlagen überein, befand der Präsident des zuständigen Bezirksgerichts in Weinfelden - zur nahezu grenzenlosen Überraschung von Ullrich, seiner Verteidigung und auch der Ankläger. Das Fazit, so Gerichtspräsident Pascal Schmid: Die Vereinbarung zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung, wonach Ullrich mit einer zur Bewährung ausgesetzten Strafe wegkommt, sei null und nichtig.

Die öffentlich schwer gerügte Staatsanwaltschaft muss auf Verlangen des Gerichts nun Umstände des Alkoholunfalls erneut bewerten. Wann wieder verhandelt wird, ist unklar. Doch sicher scheint: Beim nächsten Mal stehen die Chancen, dass der bislang einzige deutsche Gesamtsieger der Tour de France (von 1997) mit einem blauen Auge davonkommt, deutlich schlechter.

Da nützt wohl auch die von Ullrich zu Beginn der Verhandlung noch einmal bekannte Reue nichts. "Was ich getan habe, war ein Riesenfehler, den ich zutiefst bereue und für den ich mich sehr schäme", gab Ullrich in einer persönlichen Erklärung zu Protokoll. Niemals wieder werde er sich nach einem Drink an ein Steuer setzen. Das sei gut und schön, meinte später der Richter. Aber zu einer fairen Rechtsprechung gehöre, dass Ullrich genauso behandelt werde, wie andere Angeklagte unter vergleichbaren Umständen.

Andere Gutachten gehen von 143 km/h aus

Und die Umstände, die Richter Schmid berücksichtigt sehen will, dürften den Ex-Radprofi und seine Verteidiger tief beunruhigen. So fegte der Richter die Feststellung der Staatsanwaltschaft vom Tisch, Ullrich sei am 19. Mai 2014 mit "nur" 139 Stundenkilometern auf die Kreuzung zugerast, an der er zwei Autos von der Straße stieß und einen Sachschaden von umgerechnet rund 67.000 Euro anrichtete.

Der Richter verwies auf andere Gutachten, die nicht berücksichtigt worden seien und von 143 Stundenkilometern ausgingen. Der Unterschied ist gravierend, denn nach Schweizer Verkehrsrecht gilt jeder als "Raser", der 60 km/h über dem erlaubten Tempo fährt - auf einer Straße mit Tempo 80 also 140 oder mehr. Und für Raser schreibt das strenge Schweizer Recht mindestens ein Jahr Haft vor. Erst recht, wenn sie auch noch angetrunken waren.

Zugleich wies der Richter Ullrichs Einlassung zurück, er sei von der Bremse abgerutscht. Davon habe er im Verhör gar nichts gesagt, sondern die Erklärung erst Wochen später zusätzlich abgegeben. Dies sei unglaubwürdig, fand das Gericht.

Valium im Blut nicht erwähnt

Völlig überraschend erfuhren die Beobachter der Verhandlung zudem, dass Ullrich nicht nur Alkohol, sondern außerdem eine womöglich erhebliche Menge Valium im Blut hatte. Seine Fahruntüchtigkeit sei also möglicherweise viel schwerer gewesen. Keinerlei Verständnis zeigte der Richter dafür, dass von der Valium-Einnahme nichts in der vorgelegten Anklageschrift erwähnt wurde. Ullrich selbst wirkte in der Verhandlung streckenweise wie der unschuldige nette Junge von nebenan.

An jenem 19. Mai 2014 seien Freunde aus München zu Besuch gekommen, berichtete er. Sie hätten ein paar Kartons Wein mitgebracht; man habe einige Flaschen entkorkt und gefeiert. Autofahren stand angeblich für ihn nicht mehr auf dem Plan. Doch dann habe sein Mobiltelefon gepiept und ihn erinnert, dass er noch einen Termin habe. Da habe er sich ohne nachzudenken ans Steuer seines PS-starken Wagens gesetzt.

"Aber Sie hätten doch wissen müssen, dass Sie getrunken hatten", gab der Gerichtspräsident im holzgetäfelten Saal des Rathauses von Weinfelden zu bedenken. Eigens wegen des enormen Andrangs der Medien war die Verhandlung in den größten Saal der Stadt verlegt worden. "Ich habe mir nichts dabei gedacht, weil ich mich doch fahrtauglich fühlte", erwidert Ullrich, der in einem weißen Poloshirt und dunklem Sakko erschienen ist. "Ich habe mir keinen Kopf darüber gemacht, wie viele Promille ich haben könnte."

Eine gewisse Realitätsferne scheint auch aus der Stellungnahme zu sprechen, die Ullrich über seinen Sprecher nach der überraschenden Wende des Verfahrens abgeben ließ: "Ich bin erleichtert, dass die Urteilsverkündung und die damit verbundene Strafe offiziell ausgesprochen ist." Wie seine Strafe tatsächlich ausfallen wird, bleibt der nächsten Runde vorbehalten. Wann die stattfinden wird - und wie sie ausgeht - ist derzeit noch offen.

Quelle: ntv.de, Thomas Burmeister, dpa