Panorama

Verstehen und vorbeugen Hatte der Täter schon "Amok im Kopf"?

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In diesem Haus lebte der Täter mit seiner Familie.

(Foto: REUTERS)

Der US-Psychologe Peter Langman gilt als Experte für Kinder und Jugendliche, die scheinbar aus dem Nichts Amok laufen. Sein Buch "Amok im Kopf" fand die Polizei im Zimmer des Münchner Täters. Doch ob der 18-Jährige Langman verstanden hat, ist zweifelhaft.

Im Kinderzimmer von David Ali S. haben Polizeibeamte zahlreiche Artikel über Amokläufe gefunden und ein Buch: "Amok im Kopf. Warum Schüler töten" von Peter Langman. Der 56-jährige Psychologe gilt als einer der führenden Experten auf diesem Gebiet in den USA, dem Land, in dem sich die meisten dieser zutiefst verstörenden Taten ereignen. 2009 erschien das Buch auf Deutsch.

Über Jahre sammelte Langman Polizeiberichte, Gerichtsakten und die oft sehr kruden Selbstzeugnisse von Schülern, die Amok liefen - so wie in München jetzt der 18-jährige Täter.  Der "Washington Post" sagte Langman erst Anfang Juli, er sehe seine Forschung als "moralische Verpflichtung". Zu diesem Zeitpunkt hatte er 133 Schützen in seiner Online-Datenbank. Seit Freitag sind es wohl 134.

Die Tatsache, dass S. sein Buch besaß, nannte Langman gegenüber dem "Guardian" beunruhigend. Vielleicht habe der Jugendliche damit versucht herauszufinden, was in ihm los war, vermutet der Psychologe. Womöglich habe er darin aber auch ein Vorbild für seine Tat gesucht. Langman hat die Täter in seinem Buch in drei Gruppen aufgeteilt: die Psychopathen, die Psychotischen und die Traumatisierten. Zu welcher Gruppe sich S. zählte, darüber kann man nur spekulieren. Der Polizei zufolge könnte S. wegen depressiver Symptome in psychologischer Behandlung gewesen sein, er selbst behauptete das in einem kurz vor seinem Selbstmord aufgezeichneten Handy-Video. Darin ist auch von Mobbing die Rede.

Dem "Guardian" sagte Langman nach der Bluttat von München, Mobbing sei ein weniger bedeutender Faktor, als viele annähmen. Bedeutender seien bei den Schulattentätern psychische Probleme, dysfunktioniale Familienverhältnisse oder gar Missbrauch und sogar "romantische Zurückweisung".

Nicht der erste Fall

Der britischen Zeitung zufolge war S. übrigens nicht der erste Schulattentäter, der Langmans Buch besaß. 2013 wurde es auch bei Karl Pierson gefunden, der an seiner High School in einem Vorort von Denver einen Mitschüler und dann sich selbst erschoss. Aus Aufzeichnungen des ebenfalls 18-Jährigen ging hervor, dass er sich als psychopathische Persönlichkeit sah.

Langman betonte in mehreren Gesprächen, er sei beim Schreiben des Buchs sehr vorsichtig gewesen, um potenziellen Tätern keine Anleitung an die Hand zu geben. Er habe es vielmehr für Eltern, Berater und Psychologen geschrieben. Deshalb gebe es auch ein ausführliches Kapitel über Warnzeichen und Prävention. Den die potenziellen Täter sendeten immer Signale aus. Als Psychologe gehe es ihm darum, zu verstehen, was die Gewalttaten in den Köpfen von Menschen in Gang setze, so dass man sie vorher stoppen könne. Oft gebe es vor der Attacke deutlich wahrnehmbare Warnzeichen, manchmal werde die Tat sogar ausdrücklich angekündigt. Der tödliche Angriff ergebe sich dann meist aus der Summe mehrerer Faktoren. Am Ende könnten die Verfügbarkeit von Waffen oder die Qualität der psychischen Gesundheitsversorgung den entscheidenden Unterschied machen.

Auf die Frage, die sein Buchtitel stellt: Warum Kinder töten, fand Langman keine klare Antwort. Einige Angriffe richteten sich gezielt gegen bestimmte Opfer, beispielsweise gegen Mitschüler, die den Täter abgelehnt hatten oder einen besonders strengen Lehrer. Andere waren Zufallsopfer, weil sie gerade in der Caféteria oder in einem bestimmten Klassenraum saßen oder dem Täter einfach über den Weg liefen.

Die Täter handelten aus Wut, Frustration oder auch aus Kränkung. Ob David Ali S. Langmans Buch nur besessen oder auch gelesen hat, ist nicht bekannt. Und damit auch nicht, ob er Langmans Ansatz verstanden hat. Denn der schreibt: "In der Regel wachen Menschen nicht eines Tages auf und sind Massenmörder."  

Quelle: ntv.de, sba